Zeitung Heute : Der Preis ist heiß

Die Verbraucher haben schlechte Laune. Das hat sich auch im Weihnachtsgeschäft nicht wesentlich gebessert. Auf Wirtschaftskrise und Abgabenschocks haben sie reagiert und kaufen vor allem eins: billig

Maurice Shahd

„Volle Geschäfte, leere Kassen“, beschreibt es der Handelsverband HDE. Nach einem guten Start zeichnet sich ab, dass das Weihnachtsgeschäft in diesem Jahr enttäuschend verlaufen wird. Rund drei Viertel der Händler verkaufen in diesem Jahr vor Weihnachten weniger als im Vorjahr. „Wir haben die Kaufzurückhaltung der Menschen auch im Weihnachtsgeschäft deutlich gespürt“, sagt HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. Eine Trendwende habe das Weihnachtsgeschäft den Einzelhändlern nicht gebracht.

Die schlechte Wirtschaftslage, die Angst vor dem Teuro und politische Unsicherheiten haben den Verbrauchern die Konsumlaune verdorben. Besserung ist nicht in Sicht: Die von der Regierung beschlossenen Erhöhungen von Steuern und Abgaben werden ab Januar ein tiefes Loch in die Haushaltskasse reißen. Die Konsumenten haben auf die mäßigen Konjunkturaussichten längst reagiert und ihr Kaufverhalten den veränderten Bedingungen angepasst.

„Die Verbraucher achten noch stärker als früher auf den Preis“, sagt der Handelsexperte Volker Dölle. Deshalb kaufen sie ihre Lebensmittel häufiger bei Discountern wie Aldi oder Lidl, ihre Kleidung bei H&M oder ihre Möbel bei Ikea ein. Zudem achten die Konsumenten jetzt stärker auf Sonderangebote und Rabatte. Fast alle Geschäfte haben in diesem Winter ihre Preise schon vor Weihnachten gesenkt, um die Kunden zu locken.

„Beim vorweihnachtlichen Geschenkekauf laufen in diesem Jahr vor allem die persönlichen Dinge mit praktischem Nutzen“, sagt Karstadt-Sprecher Michael Scheibe. Damit das Geschenk wirklich nicht verschenkt ist, sind Gutscheine der Renner. Schals, Kosmetik oder Uhren sind beliebter als Schmuck oder Edel-Accessoires. „Verschwenderischer Luxus ist nicht angesagt“, sagt Bruno Sälzer, Chef des Modeherstellers Hugo Boss. Unter diesem Trend leiden auch die Hersteller: Edelmarken wie Hugo Boss oder Escada mussten in diesem Jahr in Deutschland Umsatzverluste hinnehmen.

Glaubt man den Konsumforschern, sind hochwertige Waren aber trotz der Konsumflaute weiterhin gefragt. Auf dem Vormarsch sind die „Smart Shopper“, die sich durch ein sehr selektives Kaufverhalten auszeichnen. Einerseits gehen sie gerne auf Schnäppchenjagd und decken sich bei den Billigläden mit den Waren des täglichen Bedarfs ein. Andererseits achten sie für die besonderen Momente des Lebens besonders auf Qualität, Marken und Prestigeprodukte und sind dann auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen. Zu den Verlierern dieser Entwicklung zählen Händler, die im mittleren Preissegment auf Kundenjagd gehen wie die klassischen Warenhäuser.

Der Handel hat aber noch mit einer weiteren Entwicklung zu kämpfen. Schon seit Jahren geben die Verbraucher einen geringeren Teil ihres verfügbaren Einkommens für Waren aus. „Die deutschen Haushalte sind bestens ausgestattet“, sagt Handelsexperte Dölle. Jeder Haushalt hat im Durchschnitt 2,8 Fernseher und sogar acht Speiseservice. Entsprechend gehen die Ausgaben für Erstausstattungen und Ersatzbeschaffungen zurück. Dafür geben die Menschen deutlich mehr Geld für Dienstleistungen aus. Mit Reisen, dem Besuch eines Fitness-Studios oder regelmäßigen Theaterbesuchen machen sich die Menschen eine Freude.

Trotz der höheren Steuern und Abgaben erwartet der Handel im kommenden Jahr wieder eine leichte Belebung des Geschäfts. Nach Schätzungen des HDE soll der Umsatz im Jahr 2003 nur leicht unter Vorjahresniveau liegen. Vor allem von den längeren Öffnungszeiten an allen Samstagen bis 20 Uhr erhoffen sich die Händler einen Umsatzzuwachs – ab April soll es so weit sein. Auch die Neuregelung der Minijobs kommt dem Handel zugute, da er traditionell viele Mitarbeiter in Teilzeit beschäftigt. Die Einzelhändler können damit zum einen ihr Personal flexibler planen und zum anderen fließe das zusätzlich verdiente Geld der Minijobber in den Konsum. Das ist zumindest die Hoffnung der Handelsverbände.

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