Zeitung Heute : Der Professor in der Staatsgewalt Ein Prozess zum 1. Mai:

15.05.2003 00:00 UhrVon David Ensikat

Wer ist Täter, wer ist Opfer?

Der Zeuge trägt nur eines seiner zwei Hörgeräte, der Zeuge betont, er sei „ein älterer Herr, der etwas schwankt“, der Zeuge wäre lieber Kläger in diesem Prozess. Es geht ihm ums Prinzip.

Der Angeklagte ist ein sportlicher junger Mann, der um die Probleme des „Kreuzfesselgriffs“ weiß, der Angeklagte hat am 1. Mai 2001 Strafanzeige gegen den Zeugen gestellt, wegen „Widerstandes gegen die Staatsgewalt“. Bei diesem Prozess nun geht es um die Zukunft des Angeklagten. Wird er schuldig gesprochen, kann er seine Polizistenmütze an den Nagel hängen.

Der 1. Mai vor zwei Jahren endete in Kreuzberg wie immer: im Krawall. Der Zeuge, Wolf-Dieter Narr befand sich am Abend dieses Tages im Gewahrsam der Polizei.

Einer von vielen verdächtigten Randalierern, allerdings ein schmächtiger, habilitierter, inzwischen emeritierter. Narr ist ein bekannter Berliner Politologe, ein Linker, der seinen Ruf als Aufrührer genießt. Der nunmehr Angeklagte, Dirk S., hatte ihn festgenommen und Anzeige erstattet: Narr habe sich mit Händen und Füßen gegen seine Festnahme gewehrt, er habe sich fallen lassen, er habe die Beamten beleidigt. „Ihr seid alle zu dämlich“, habe er gesagt.

Die Anzeige gegen Wolf-Dieter Narr blieb für diesen folgenlos – der Beamte Dirk S. muss sich nun dafür verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt ihm zur Last, er habe in seiner Strafanzeige vorsätzlich gelogen. Mindeststrafe: ein Jahr Gefängnis.

Dirk S. erzählt, wie es in seiner Erinnerung zur Festnahme auf der Oranienstraße kam: „Wir sind da in zwei Reihen in die Menschenmenge rein, weil unser Einsatzleiter meinte, die müssten in Bewegung kommen. Wenn so eine Menge in Bewegung ist, gibt es ja keine Straftaten. Da bekomme ich einen Schlag von hinten gegen den Kopf, und jemand hält meine rechte Schulter fest. Instinktiv drehe ich mich um, sehe da den Professor mit erhobener Hand und stoße ihn mit der linken Hand zu Boden.“ Dann habe der Polizist versucht, den Professor im „Kreuzfesselgriff“ festzuhalten, was nie gelinge, wenn einer um sich schlage. Ein anderer Polizist half dann, den Professor zum Polizeiauto zu bringen, wobei der sich so sehr gewehrt habe, dass er mit dem Kollegen noch einmal hinfiel.

Der Kollege gibt in seiner Zeugenaussage zu Protokoll, dass er den Widerstand des Professors nicht so heftig empfunden habe. Eine Anzeige? Nein, die hätte er wohl nicht erstattet.

Wolf-Dieter Narr in den Zeugenstand! – Ihr Beruf? – Wie bitte? – Ihr Beruhuf! – Was? Ich versteh’ schlecht. Ich hab’ nur ein Hörgerät. Das andere ist doch damals kaputt gegangen, als die mich hingeschubst haben.

Als die Richterin ihre Frage sehr laut wiederholt, weist sie der emeritierte Professor der Politischen Wissenschaft zurecht: Anbrüllen müssen sie mich wirklich nicht.

Damals, bei der Festnahme, ist Wolf-Dieter Narr nicht nur das eine Hörgerät abhanden gekommen, sondern auch seine Brille – beides hat ihm inzwischen die Polizei bezahlt. Nun stellt er dar, wie er die Situation damals erlebt hat. Als Demonstrationsbeobachter sei er dabei gewesen, als „erfahrenster Demonstrationsbeobachter der Bundesrepublik Deutschland“ immerhin, von hinten habe ihn der Polizist niedergestoßen, brutal habe dieser nebst seinem Kollegen ihn rückwärts zum Polizeiauto gezogen. Widerstand? Nein, auf so etwas käme er gar nicht. Er doch nicht. Er sei ohnehin gehbehindert. Und die Beleidigung? Niemals! Auf gar keinen Fall. „Ich beleidige prinzipiell nicht. Und auch nicht speziell“, beteuert der Professor, und die Richterin guckt, als glaubte sie’s nicht.

Im Übrigen sei er überaus betrübt, hier nicht als Nebenkläger auftreten zu dürfen, denn dann würde er mal klarstellen, worum es hier wirklich gehen müsste. Nämlich nicht um den einen Beamten, und was er ihm angetan habe, sondern um die Polizeitaktik im Allgemeinen. Die sei skandalös.

Hier aber geht es um den einen Beamten –, und der wird freigesprochen. Eine vorsätzlich falsche Aussage will selbst der Staatsanwalt Dirk S. nicht mehr vorwerfen. Wer weiß schon, wie der Polizist den professoralen Widerstand damals, in der Stresssituation erlebt habe? Immerhin, Professor Narr ist über eines ganz froh: „Mit der Festnahme habe ich ganz praktisch erlebt, was ich schon immer kritisiert habe.“

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