Zeitung Heute : Der Prophet und das Vorspiel Heba Kotb klärt die arabische Welt auf

Andrea Nüsse[Kairo]

Der Ort wirkt so harmlos. Helle Bücherregale, Blumenvasen, Designersessel aus Chrom. Und doch werden hier Tabus gebrochen. Seit einigen Wochen zeichnet Heba Kotb im Studio des privaten Satellitensenders „Mehwar“ im neuen Kairoer Vorort „6. Oktober“ regelmäßig die Sendung „Erstes Gespräch“ auf – die erste Aufklärungssendung Ägyptens. Diese Woche geht es um „Essen und Sexualität im Fastenmonat Ramadan“. Ein wichtiges Problem, versichert Heba Kotb. „Gerade jung verheiratete Männer wollen sofort nach dem Essen nach Sonnenuntergang Verkehr mit ihren Frauen.“

Heba Kotb, 39, Mutter dreier Töchter und zurückhaltend gekleidet, spricht ungeniert, aber ernsthaft. Sex nach dem Fastenbrechen erlaube der Islam zwar, sagt sie – er könne nach dem in dieser Zeit sehr üppigen Essen aber schwierig sein, weil der Körper noch mit Verdauen beschäftigt ist. Zum Ende des Ramadan, wenn viele Hochzeiten gefeiert werden, will Heba Kotb zwei Sendungen der Hochzeitsnacht widmen und erklären, dass selbst eine Jungfrau beim ersten Sex nicht viel Blut verlieren muss. „Das Wissen über Sexualität in Ägypten ist gleich null“, sagt sie. Sie ist die erste Sexologin – eine Art Sexualtherapeutin – der arabischen Welt. Ihren Doktor hat sie an der Maimonides-Uni in den USA gemacht, weil keine arabische das Fach anbietet.

Heba Kotb hat ein Anliegen. Sie will das Thema Sexualität, ein Tabu in der ägyptischen Gesellschaft, gesellschaftsfähig machen. Eine Marktlücke offenbar. Nachdem Kotb in einigen Talkshows aufgetreten war, boten ihr gleich mehrere Sender einen eigenen Auftritt an. Fernseh-Aufklärerin ist jedoch ihr Zweitberuf. Sie hat auch Medizin studiert und eine Praxis im Kairoer Stadtteil Mohandessin. Auf dem Schild steht „Sexuelle Therapie und Eheberatung“, nur auf Englisch allerdings. Anfeindungen, sagt sie, gab es noch nicht. Aber man kann nie wissen. Sie hat es ja in der eigenen Familie erlebt. Ihr Vater war entsetzt, als er erfuhr, auf was seine Tochter sich da spezialisieren wollte. Es kostete Kotb Monate, bis sie ihn überzeugt hatte, dass Sexualtherapie eine ehrenwerte Tätigkeit ist.

Dass die Sendungen wissenschaftlich und nicht voyeuristisch angelegt sind, darauf legt Kotb großen Wert. Für ihre Aufklärung nutzt sie allerdings auch eine Quelle, die manche Zuschauer überrascht. „Im Koran und in den Hadithen, die das Leben des Propheten Mohammed beschreiben, wird offen über Sexualität und Lust gesprochen“, sagt Kotb. „Der Prophet fordert die Männer sogar zum Vorspiel auf – mit dem Hinweis, dass dies ihr eigenes Vergnügen vergrößere.“ Auch der Orgasmus der Frau oder die „Doggie“-Position, bei der der Mann die Frau von hinten penetriert, seien Thema. Wenn Sex über die Jahrhunderte zu einem Tabu geworden sei, so liege das an gesellschaftlichen Traditionen, die die ursprüngliche Botschaft des Korans nach und nach überlagert hätten.

Wozu die Unwissenheit führen kann, erfährt Heba Kotb zum Beispiel in ihrer Praxis. Das größte Problem bei Frauen, sagt sie, sei die Verkrampfung des Beckenbodens und der äußeren Vaginalmuskulatur, was Verkehr unmöglich mache. „Schuld daran sind auch die Angst davor und das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun“, sagt die Ärztin. Bei Männern sei die frühzeitige Ejakulation ein häufiges Problem. Das wiederum liege an der kulturell bedingten Vorstellung, dass Frauen keinen Spaß haben müssten. Die Ärztin zeigt ihnen Techniken oder Lustpunkte.

Für sie gibt es nur ein Dogma: dass all dies ausschließlich in der Ehe geschieht. „Der Ehepartner sollte der erste und einzige Sexualpartner sein“, sagt Kotb. Das sehe der Islam vor und auch die moderne Wissenschaft beweise, sagt sie, „dass zu viele Sexualpartner, wie im Westen üblich, den Menschen nicht gut tun“.

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