Zeitung Heute : Der Purist geht nur noch auf Zehenspitzen durchs Paradies

DIRK WEGNER

Australien will den umweltgerechten Tourismus fördern VON DIRK WEGNER

Australien will seine rasant steigenden Besucherzahlen bis zurJahrtausendwende verdoppeln.Geworben wird mit exotischem Abenteuer in grandioser Naturkulisse - ein Balanceakt zwischen schauen und schützen.Umweltbewußte Touristen sind gefragt.Wir schweben lautlos über einem turtelnden Kakadu-Pärchen.Das Liebeskrächzen der weißen Papageien hallt aus mächtigen Baumkronen herauf, ihr Gefieder leuchtet zwischen Eukalyptusblättern.Ein warmer Tropenwind weht durch die Gondel, mischt den Dschungeldüften eine Prise Meeresluft bei.Blick aus schwindelnder Höhe: dichter Regenwald bis zum Fuß des Berges, dann Zuckerrohfelder in der Ebene, dahinter ein heller, schmaler Strandstreifen und schließlich der türkisblaue Pazifik.Draußen im Wasser schiebt sich Green Island sanft in Wattewolken.Unter den Wellen liegt das Great Barrier Reef.Queensland, ein Urlaubsort mit Natur a la carte, mit der Wahl zwischenWasserwelt und Regenwäldern.Diese "wet tropics" stehen seit 1988 auf der Liste der Welt-Naturschutzdenkmäler, bedeuten Lebensraum für seltene Baum-Känguruhs, Cassowaries, Papageien und Schmetterlinge.Dabei gibt es für einige der über 1000 Pflanzenarten noch nicht einmal einen Namen.Australien will seine rasant steigenden Besucherzahlen bis zurJahrtausendwende verdoppeln.Geworben wird mit exotischem Abenteuer in grandioser Naturkulisse - ein Balanceakt zwischen schauen und schützen.Umweltbewußte Touristen sind gefragt.Wir schweben lautlos über einem turtelnden Kakadu-Pärchen.Das Liebeskrächzen der weißen Papageien hallt aus mächtigen Baumkronen herauf, ihr Gefieder leuchtet zwischen Eukalyptusblättern.Ein warmer Tropenwind weht durch die Gondel, mischt den Dschungeldüften eine Prise Meeresluft bei.Blick aus schwindelnder Höhe: dichter Regenwald bis zum Fuß des Berges, dann Zuckerrohfelder in der Ebene, dahinter ein heller, schmaler Strandstreifen und schließlich der türkisblaue Pazifik.Draußen im Wasser schiebt sich Green Island sanft in Wattewolken.Unter den Wellen liegt das Great Barrier Reef.Queensland, ein Urlaubsort mit Natur a la carte, mit der Wahl zwischenWasserwelt und Regenwäldern.Diese "wet tropics" stehen seit 1988 auf der Liste der Welt-Naturschutzdenkmäler, bedeuten Lebensraum für seltene Baum-Känguruhs, Cassowaries, Papageien und Schmetterlinge.Dabei gibt es für einige der über 1000 Pflanzenarten noch nicht einmal einen Namen.Seit August 1995 bekommt das zugewachsene, steinalte Ökosystem regelmäßig Besuch aus der Luft.Cairns ist um eine handgemachte, 35 Millionen Dollar teure Attraktion reicher.Armdicke Stahllianen spannen sich siebeneinhalb Kilometer über das Blätterdach der MacAlister Range - Seilbahn-Weltrekord.Sie verbinden die TalstationSmithfield mit dem Bergdorf Kuranda, das immer mehr Touristen durch seine bunten Wochenmärkte und Australiens bekanntestem Aboriginal-Theater (Tjapukai) anzieht.Auf zwei Umsteige-Stationen lädt "Skyrail" unterwegs zur Bekanntschaft mit dem tropischen Regenwald ein.Zum Riechen und Anfassen liegen Samen und Baumrinden bereit.Im Rainforest Interpretation Centre erzählt Computertechnik von den Geheimnissen des Zauberwaldes.Die Entwicklungsgeschichte dieses lebenden Museums, reicht bis zum Urkontinent Gondwana zurück.Wer etwas nicht verstanden hat, kann einen Ranger fragen.Über die grünen Gondeln quer durch den Garten Eden (mit Sprechfunk und einer Notration Wasser an Bord) sind die Australier geteilter Meinung.Zu krass stoßen für manche mit diesem Projekt Naturschutz und touristische Naturerschließung aufeinander.Doch der öffentliche Aufschrei hat Wirkung gezeigt und zu naturschonenden Bau- und Betreiber-Richtlinien geführt."Environmentally sensitive" betont das Marketing-Konzept.Rauchen, Essen und Trinken ist unterwegs nicht gestattet und sonst könnte das Motto heißen: So hoch wie nötig, dabei aber so unauffällig wie möglich.Per Hubschrauber wurden die bis zu 45 Meter langen Masten aufgestellt, Grüntöne tarnen die Gondeln, die Häuser der Bodenstationen und kurze, gezimmerte Fußwege durch den Busch.Weniger als ein halber Hektar sei dem Bau zum Opfer gefallen betont Marketing-Chefin Jennifer Thompson."Die Verbreiterung der Straße hinauf nach Kuranda hätte wesentlich mehr Regenwald vernichtet.""Skyrail" macht deutlich, wie Australiens Tourismusbranche zwischen Natur-Schauen und -Schützen balanciert.Sollten die jährlichen dreieinhalb Millionen Besucher bis zur Jahrtausendwende - wie angestrebt - tatsächlich verdoppelt werden, müssen die Verantwortlichen auch verstärkt über Konzepte für einen "sanften Tourismus" nachdenken.Dieses gilt vor allem für begehrte - und daher besonders gefährdete - Naturregionen, darunter die elf World Heritage Sites.Nach Schätzungen bringen Aktivitäten rund ums Great Barrier Reef jährlich eine Milliarde Dollar ein.Die wenigen Millionen, die für wissenschaftliche Forschung und Schutz des Ökosystems bereitstehen, bewirken nicht viel.Es ist jedoch weniger der Betrieb auf den Insel-Ressorts, sondern vielmehr vom Festland herangeschwemmte Nährstoffe, die den Korallen zu schaffen machen.Inzwischen muß weit hinausgefahren werden, um beim schwerelosen Schnorcheln leuchtend bunte Exemplare zu finden.Auch mit dem Einrichten von Nationalparks allein ist es nicht getan, wenn gleichzeitig das Geld für deren Unterhalt fehlt.Queensland erklärte fast die gesamte Cape-York-Halbinsel (1,5 Millionen Hektar) zum Nationalpark, stellt jährlich aber nur 150.000 Dollar für die Betreuung bereit.Vordenker für Pauschalreisende sind schon in Sicht.Als kompromißloses "Abenteuer Natur" bieten einige Veranstalter die komplette Öko-Tour an.Der Umwelt-Purist sitzt - für ein paar Dollar mehr - auf dem Bio-Klo, trinkt aufgefangenes Regenwasser und greift in der Busch-Lodge auf Sonnenenergie zurück.Er geht sozusagen auf Zehenspitzen durchs Paradies, weiß, daß er nur Fußspuren hinterläßt und nichts außer Fotos mitnimmt.Die große Masse marschiert angesichts australischer Natur-Dimensionen allerdings noch unbestraft durch den Busch, pflückt trotz Geldstrafen westaustralische Wildblumen und tappst in Plastiksandalen über empflindliche Korallenbänke.Der australischen Regierung ist die Förderung des "ecotourism" so wichtig, daß sie 1994 beschloß, bis 1998 zehn Millionen Dollar in Infrastrukturen und Erziehungsprogramme zu investieren.Im November 1994 richtete die Adventure Travel Society in Hobart den Weltkongreß "Adventure Travel and Ecotourism" aus.Dabei ist allerdings noch nicht so ganz klar, was die Aussies unter "eco" verstehen.Noch ärgern sich die Umweltschützer der Wilderness Society über Tour-Anbieter, die mit diesem werbewirksamen Kürzel eine höchst eigenwillige Vorstellung verbinden: "Geländefahrzeuge und Reitergruppen gehören nicht in abgelegene Buschgegenden und haben nichts mit Ökotourismus zu tun." Bildung tut Not.Nur wer die Empfindlichkeit der Natur kennt, weiß, wie er sie schützen kann.Gut, wenn der Gast vor Ort entsprechende Angebote vorfindet.Vier Flugstunden südlicher, fünfzehn Grad kälter.Die Freycinet Halbinsel teilt auf Tasmaniens Ostseite die Great Oyster Bay vom Pazifik ab.Der südliche Teil der Landzunge wurde 1916 zum Nationalpark erklärt.Auf den Bergrücken türmen sich 300 Millionen Jahre alte Felsblöcke.Das unter dem Druck der Kontinentplatten geschmolzene Gestein kristallisierte beim Abkühlen als Granit aus.Seit 6000 Jahren mahlt das Meer unablässig den strahlend weissen Sand der Wineglass Bay.Sandy McFeesters arbeitet dort, wo andere zur Erholung hinfahren."Naturalist Guide" steht auf ihrer Visitenkarte.Ihre Aufgabe: den Gästen der Freycinet Lodge, einem Luxus-Resort mitten im Nationalpark, die Natur näher zu bringen.Dafür entwickelte sie ein Eco-Encounters-Programm, das Wal- und Delphin-Beobachtungen, Rock Pool-Erkundungen, Vogel-Exkursionen, aber auch ein Frühstück zum Sonnenaufgang auf dem Mount Amos umfasst.Zu den saisonabhängigen Angeboten gehören Tauchkurse, Orchideen-Bestimmung, Foto-Workshops und die Suche nach Bush-food.Gearbeitet wird in kleinen Gruppen, so ist der Lerneffekt größer."Der Bildungsaspekt spielte bislang bei der Resort-Planung nur eine geringe Rolle", meint Sandy.Dabei sei schon der gemeinsame Blick auf das vielfältige Leben in einem Rock Pool für manche ein Aha-Erlebnis."Die Leute schauen einfach zu wenig", kritisiert sie.Doch von einer "eco-message" mit gehobenem Zeigefinger hält sie nichts.Einfach nur einmal einen Stein umdrehen und jeden selbst erkennen lassen.Das sei für die Entwicklung eines Öko-Bewußtseins viel nachhaltiger.Sandy ist sicher: "Unsere Philosophie und unser Entwicklungskonzept sind wegweisend für Resort-Entwicklung in Australien".Seit August 1995 bekommt das zugewachsene, steinalte Ökosystem regelmäßig Besuch aus der Luft.Cairns ist um eine handgemachte, 35 Millionen Dollar teure Attraktion reicher.Armdicke Stahllianen spannen sich siebeneinhalb Kilometer über das Blätterdach der MacAlister Range - Seilbahn-Weltrekord.Sie verbinden die TalstationSmithfield mit dem Bergdorf Kuranda, das immer mehr Touristen durch seine bunten Wochenmärkte und Australiens bekanntestem Aboriginal-Theater (Tjapukai) anzieht.Auf zwei Umsteige-Stationen lädt "Skyrail" unterwegs zur Bekanntschaft mit dem tropischen Regenwald ein.Zum Riechen und Anfassen liegen Samen und Baumrinden bereit.Im Rainforest Interpretation Centre erzählt Computertechnik von den Geheimnissen des Zauberwaldes.Die Entwicklungsgeschichte dieses lebenden Museums, reicht bis zum Urkontinent Gondwana zurück.Wer etwas nicht verstanden hat, kann einen Ranger fragen.Über die grünen Gondeln quer durch den Garten Eden (mit Sprechfunk und einer Notration Wasser an Bord) sind die Australier geteilter Meinung.Zu krass stoßen für manche mit diesem Projekt Naturschutz und touristische Naturerschließung aufeinander.Doch der öffentliche Aufschrei hat Wirkung gezeigt und zu naturschonenden Bau- und Betreiber-Richtlinien geführt."Environmentally sensitive" betont das Marketing-Konzept.Rauchen, Essen und Trinken ist unterwegs nicht gestattet und sonst könnte das Motto heißen: So hoch wie nötig, dabei aber so unauffällig wie möglich.Per Hubschrauber wurden die bis zu 45 Meter langen Masten aufgestellt, Grüntöne tarnen die Gondeln, die Häuser der Bodenstationen und kurze, gezimmerte Fußwege durch den Busch.Weniger als ein halber Hektar sei dem Bau zum Opfer gefallen betont Marketing-Chefin Jennifer Thompson."Die Verbreiterung der Straße hinauf nach Kuranda hätte wesentlich mehr Regenwald vernichtet.""Skyrail" macht deutlich, wie Australiens Tourismusbranche zwischen Natur-Schauen und -Schützen balanciert.Sollten die jährlichen dreieinhalb Millionen Besucher bis zur Jahrtausendwende - wie angestrebt - tatsächlich verdoppelt werden, müssen die Verantwortlichen auch verstärkt über Konzepte für einen "sanften Tourismus" nachdenken.Dieses gilt vor allem für begehrte - und daher besonders gefährdete - Naturregionen, darunter die elf World Heritage Sites.Nach Schätzungen bringen Aktivitäten rund ums Great Barrier Reef jährlich eine Milliarde Dollar ein.Die wenigen Millionen, die für wissenschaftliche Forschung und Schutz des Ökosystems bereitstehen, bewirken nicht viel.Es ist jedoch weniger der Betrieb auf den Insel-Ressorts, sondern vielmehr vom Festland herangeschwemmte Nährstoffe, die den Korallen zu schaffen machen.Inzwischen muß weit hinausgefahren werden, um beim schwerelosen Schnorcheln leuchtend bunte Exemplare zu finden.Auch mit dem Einrichten von Nationalparks allein ist es nicht getan, wenn gleichzeitig das Geld für deren Unterhalt fehlt.Queensland erklärte fast die gesamte Cape-York-Halbinsel (1,5 Millionen Hektar) zum Nationalpark, stellt jährlich aber nur 150.000 Dollar für die Betreuung bereit.Vordenker für Pauschalreisende sind schon in Sicht.Als kompromißloses "Abenteuer Natur" bieten einige Veranstalter die komplette Öko-Tour an.Der Umwelt-Purist sitzt - für ein paar Dollar mehr - auf dem Bio-Klo, trinkt aufgefangenes Regenwasser und greift in der Busch-Lodge auf Sonnenenergie zurück.Er geht sozusagen auf Zehenspitzen durchs Paradies, weiß, daß er nur Fußspuren hinterläßt und nichts außer Fotos mitnimmt.Die große Masse marschiert angesichts australischer Natur-Dimensionen allerdings noch unbestraft durch den Busch, pflückt trotz Geldstrafen westaustralische Wildblumen und tappst in Plastiksandalen über empflindliche Korallenbänke.Der australischen Regierung ist die Förderung des "ecotourism" so wichtig, daß sie 1994 beschloß, bis 1998 zehn Millionen Dollar in Infrastrukturen und Erziehungsprogramme zu investieren.Im November 1994 richtete die Adventure Travel Society in Hobart den Weltkongreß "Adventure Travel and Ecotourism" aus.Dabei ist allerdings noch nicht so ganz klar, was die Aussies unter "eco" verstehen.Noch ärgern sich die Umweltschützer der Wilderness Society über Tour-Anbieter, die mit diesem werbewirksamen Kürzel eine höchst eigenwillige Vorstellung verbinden: "Geländefahrzeuge und Reitergruppen gehören nicht in abgelegene Buschgegenden und haben nichts mit Ökotourismus zu tun." Bildung tut Not.Nur wer die Empfindlichkeit der Natur kennt, weiß, wie er sie schützen kann.Gut, wenn der Gast vor Ort entsprechende Angebote vorfindet.Vier Flugstunden südlicher, fünfzehn Grad kälter.Die Freycinet Halbinsel teilt auf Tasmaniens Ostseite die Great Oyster Bay vom Pazifik ab.Der südliche Teil der Landzunge wurde 1916 zum Nationalpark erklärt.Auf den Bergrücken türmen sich 300 Millionen Jahre alte Felsblöcke.Das unter dem Druck der Kontinentplatten geschmolzene Gestein kristallisierte beim Abkühlen als Granit aus.Seit 6000 Jahren mahlt das Meer unablässig den strahlend weissen Sand der Wineglass Bay.Sandy McFeesters arbeitet dort, wo andere zur Erholung hinfahren."Naturalist Guide" steht auf ihrer Visitenkarte.Ihre Aufgabe: den Gästen der Freycinet Lodge, einem Luxus-Resort mitten im Nationalpark, die Natur näher zu bringen.Dafür entwickelte sie ein Eco-Encounters-Programm, das Wal- und Delphin-Beobachtungen, Rock Pool-Erkundungen, Vogel-Exkursionen, aber auch ein Frühstück zum Sonnenaufgang auf dem Mount Amos umfasst.Zu den saisonabhängigen Angeboten gehören Tauchkurse, Orchideen-Bestimmung, Foto-Workshops und die Suche nach Bush-food.Gearbeitet wird in kleinen Gruppen, so ist der Lerneffekt größer."Der Bildungsaspekt spielte bislang bei der Resort-Planung nur eine geringe Rolle", meint Sandy.Dabei sei schon der gemeinsame Blick auf das vielfältige Leben in einem Rock Pool für manche ein Aha-Erlebnis."Die Leute schauen einfach zu wenig", kritisiert sie.Doch von einer "eco-message" mit gehobenem Zeigefinger hält sie nichts.Einfach nur einmal einen Stein umdrehen und jeden selbst erkennen lassen.Das sei für die Entwicklung eines Öko-Bewußtseins viel nachhaltiger.Sandy ist sicher: "Unsere Philosophie und unser Entwicklungskonzept sind wegweisend für Resort-Entwicklung in Australien". © 1996 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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