Zeitung Heute : Der Quadratkilometer Kindheit

Während der FC Chelsea 15 Millionen Euro für Philipp bietet, steht Vater Lahm am Grillstand auf dem Bolzplatz – und Mutter Daniela organisiert die Mini-WM der E-Jugendmannschaften. Ein Ortsbesuch in München-Gern

-

Seitdem dieses große Fußballturnier läuft, findet Daniela Lahm nicht zur Ruhe. Bei fast jedem Spiel ist sie vor Ort und hält zu Schweden und Paraguay. „Wäre schon schön, wenn die gewinnen.“ Auf der Sportanlage der Freien Turnerschaft Gern findet in diesen Tagen die Mini-WM statt. Münchner E-Jugendmannschaften repräsentieren einzelne Länder und treten stilecht in deren Trikots an, die FT Gern in denen von Schweden und Paraguay. Daniela Lahm ist Jugendleiterin, am Samstag hat sie wieder mal den halben Tag auf der kleinen Sportanlage verbracht.

Während ihr Philipp in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der großen Fußballwelt auf sich zieht, hat die kleine Fußballwelt in München-Gern für die Lahms nichts von ihrer Bedeutung verloren. Während Pelé und Maradona vom Genie dieses jungenhaften Linksverteidigers schwärmen, feuert die Mutter Achtjährige an. Während im Videotext zu lesen ist, dass der FC Chelsea 15 Millionen Euro für Philipp bietet, steht Vater Roland am Grillstand und verkauft Schweinswürstelschnecken, es tut der Vereinskasse gut.

Es hat sich wenig verändert für Familie Lahm, seit das jüngste Familienmitglied den Aufstieg zum Weltstar vollzieht. Die Welt des Starhypes scheint unendlich weit entfernt von jenem Quadratkilometer, auf dem Philipp aufwuchs: Zuhause, Fußballplatz, Kindergarten, Schule – und Toreinfahrt. Hier spielte er Fußball, weil im Hof noch kein Rasen war, und oft musste Mutter Daniela Torwart spielen. Abends hat er Fußball im Fernsehen geguckt, und weil er als Kind nur die erste Halbzeit sehen durfte, bat er den Opa, die zweite aufzunehmen. Die Großeltern wohnen ein Stockwerk tiefer.

Der Philipp konnte als Kind nicht verlieren, „selbst beim Mensch-ärger-dich-nicht flogen die Figuren durch die Luft“, sagt die Mutter.

Philipp Lahm hat sich so wohl gefühlt in dieser Welt, dass er dem FC Bayern beinahe einen Korb gegeben hätte. Als F-Jugendlichen hatten sie ihn schon verpflichten wollen, damals hatten die Eltern ihr Veto eingelegt, und als Philipp zwölf war, kamen sie erneut. Er musste sich von seinen Freunden überreden lassen. Viele Eltern versuchen in solchen Situationen, möglichst viel rauszuschlagen. Daniela Lahm hat nur darauf bestanden, dass Philipp zurückkommen kann, wenn er sich nicht wohl fühlt. Die Bayern mussten ihr das schriftlich geben.

Die Eltern fuhren ihn täglich zum Training, denn die U-Bahn wollte er partout nicht nutzen: Er musste im FC-Bayern-Trainingsanzug an der Säbener Straße erscheinen, und damit quer durch die Stadt, das wäre ihm peinlich gewesen, das hätten nur die Angeber gemacht.

Sein Zimmer misst gerade zwölf Quadratmeter, vorher war es doppelt so groß, er hatte es sich mit seiner zwei Jahren älteren Schwester Melanie geteilt. Doch mit 12, 13 haben sie sich häufiger gestritten, also haben die Eltern eine Wand durchs Zimmer gezogen. Seit diesem Sommer wohnt er in einer Wohnung am Gärtnerplatz. Oft besucht er die Großeltern, die Oma kocht ihm dann Spätzle. Am Fußballplatz in Gern bestellt er Spezi und Currywurst. Die Lahms haben von dem angeblichen Angebot in der Zeitung gelesen. Zehn Millionen oder 15, das sei ihr egal, sagt die Mutter, „mei, für uns wird das nichts ändern.“ Ein Taschengeld vom eigenen Sohn kommt nicht in Frage. Er hat ihnen die Reisen zu den WM-Spielen bezahlt, darüber haben sie sich gefreut, aber mehr wollen sie nicht.

Kürzlich hat Roland Lahm einen Schokoriegel ausgepackt, dabei ist ihm ein Klebebildchen mit dem Konterfei seines Sohnes in die Hände gefallen. Er sagt, der Schokoriegel habe geschmeckt wie immer. Daniel Pontzen

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar