• Der realistische Blick Dietrich Emter hat in Paris alles gelernt, was man braucht, um ein Label in Berlin zu gründen

Zeitung Heute : Der realistische Blick Dietrich Emter hat in Paris alles gelernt, was man braucht, um ein Label in Berlin zu gründen

Lisa Strunz

„Es ist ein Karussell,“ sagt Dietrich Emter. „Und um ehrlich zu sein: Ich bin froh, dass ich da wieder raus bin.“ Der 33-Jährige sitzt in seinem Atelier in Prenzlauer Berg, erinnert sich an die Zeit in Paris und wird für einen kurzen Moment nachdenklich. Fast vier Jahre hat er dort gelebt und bei drei französischen Modehäusern gearbeitet, die in der Branche derzeit zu den erfolgreichsten gehören: Balenciaga, Chloé und Isabel Marant. Vor einem Jahr entschloss sich Emter, in Berlin sein eigenes Label zu gründen und präsentierte im Januar 2012 zum ersten Mal seine Entwürfe im Showroom auf der hiesigen Fashion Week.

Das Thema dieser Kollektion – seiner zweiten – waren Heldinnen wie Jeanne d’Arc oder die Amazonen aus dem Science-Fiction-Film „Blade Runner“. Starke und weibliche Frauen zugleich, die verkörpern, wovon Emters Mode geprägt ist: vom Spiel mit Widersprüchen. Einerseits entwirft er weich fallende Seidenkleider in blassem Gelb, Türkis und Fuchsia, transparente Chiffon-Blusen und Faltenröcke aus Schurwolle. Feminin, zart, romantisch. Andererseits: Röhrenhosen aus futuristisch glänzendem Neoprenstoff, Bleistiftröcke aus Nappaleder, ein Mantel komplett aus Mohair. Schwarz, eng anliegend, rüstungsähnlich. Frauen sollen sich in seiner Mode sicher fühlen können.

Nach der Schule zog Emter aus dem Schwarzwald nach Berlin, studierte am Lette-Verein Modedesign und machte 2004 seinen Abschluss. „Vielleicht hätte ich mich schon damals getraut, mein eigenes Label zu gründen. Aber ich wollte erst mal lernen, wie es bei anderen läuft.“ Er bewarb sich für ein Praktikum bei Balenciaga und musste im Crashkurs noch ein paar Worte Französisch lernen, so unerwartet kam die Zusage. Nach einem Jahr wechselte er für ein weiteres Praktikum sechs Monate zu Chloé und arbeitete anschließend als Junior Designer ein Jahr bei Isabel Marant.

Emter ist sich sicher: Die Zeit in Paris hat ihn vorangebracht, jedes Haus seine Arbeit auf eine andere Art geprägt. Von Balenciaga habe er die Liebe zu teuren Couture-Stoffen und zum perfekten Schnitt mitgenommen, bei Chloé die genaue Themenrecherche gelernt und durch Isabel Marant einen realistischen Blick auf das Design bekommen. „Eine Frau entwirft praktischer als ein Mann und denkt eher darüber nach, ob man sich in einem Kleid auch bewegen kann.“

Doch der Alltag der Pariser Modewelt klingt genauso ernüchternd, wie man ihn sich vorstellt. Ein normaler Arbeitstag, erzählt Emter, ist schnell zwölf Stunden lang, ein Praktikum selbst in erfolgreichen Häusern häufig unbezahlt, die Lebensunterhaltskosten extrem hoch. Und dann ist da eben noch das Modekarussell: „Ich habe Freunde in Paris, die sehr talentiert sind. Aber man bekommt nur Kurzzeitverträge und wird herumgereicht. Ein Jahr hier, ein Jahr dort …, es ist ein knallharter Markt.“

Die Entscheidung, zurück nach Berlin zu kommen, fällte Emter vor drei Jahren. Er war 30 und beobachtete, wie eine Welle von talentierten Jungdesignern die Fashion Week auf ein professionelles Niveau brachte. Hinzu kamen die günstigen Ateliermieten, die Nähe zu hochwertigen Produktionsstätten in Polen und die Aufmerksamkeit, die man als Nachwuchsdesigner hier erhält. Und: die Erkenntnis, dass er selbst viel „deutscher“ ist, als er dachte. Bei Balenciaga führte Emter zum Beispiel Kisten ein, in die abends herumliegende Scheren eingeordnet wurden und auch in seinem Berliner Atelier fällt die kreative Ordnung auf: detailliert beschriftete Ordner, kleine Boxen für Knöpfe.

Aber ist es in Berlin wirklich leichter, sich zu etablieren? Wo Mode im Vergleich zu Paris noch keine lange Tradition hat? „Natürlich braucht man Talent, ein bisschen Glück und Durchhaltevermögen, vor allem was das Geld betrifft.“ Noch finanziert Emter sein Label privat und rechnet erst in fünf oder sechs Jahren damit, von seiner Mode wirklich leben zu können. Aber Berlin, glaubt er, entwickelt gerade ein wirtschaftliches Potenzial. Das Einzige, was ihn manchmal stört: wenn er auf seine Stationen in Paris reduziert wird. „Irgendwann möchte man als Designer einen Schritt nach vorn gehen und sein eigenes Ding machen.“ Den Fuß dafür setzt er gerade auf.

Mehr Infos unter:

www.dietrichemter.com

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar