Zeitung Heute : Der Rebell im Hotel

Er sucht etwas Bleibendes – eine Familie gehört nicht dazu 48 Jahre, das beste Alter für eine Midlife-Crisis: Der Milliardär Nicolas Berggruen beginnt, seine Häuser, Autos und Besitztümer zu verkaufen. Er will nicht mehr Geld scheffeln, sondern etwas Sinnvolleres machen: die Welt retten – und Karstadt

Thomas Jahn[Los Angeles]
Mann ohne Heimat. Nicolas Berggruen ist rastlos unterwegs, die Verbindung zur Außenwelt ist sein Blackberry. Foto: dpa
Mann ohne Heimat. Nicolas Berggruen ist rastlos unterwegs, die Verbindung zur Außenwelt ist sein Blackberry. Foto: dpaFoto: dpa

Als vor einigen Wochen der isländische Vulkan den Flugverkehr lahmlegte, staunte Nicolas Berggruen. Einige der Gestrandeten nahmen alle Mühe auf sich, um nach Hause zu kommen. Fuhren mit dem Taxi von Norwegen nach Holland oder setzen sich für Stunden in den Bus. „Wenn mir das passieren würde“, sagt Berggruen auf Deutsch mit amerikanischem Akzent, „dann würde ich einfach da bleiben – ich kenne kein Zuhause.“

Der Milliardär wohnt nur in Hotels und in seinem Privatjet, mit dem er so gut wie immer unterwegs ist. New York, Berlin, Istanbul, Yamoussoukro – 80 Städte bereist er im Jahr, kümmert sich um seine Investitionen, kauft Gemälde und andere Kunst oder wirbt für seine neu gegründete Denkfabrik.

Der Deutsch-Amerikaner ist schwer zu fassen. „Mysteriös“, nennt ihn das „Wall Street Journal“. Auf der Forbes-Liste der Reichen fand man ihn bis vor kurzem nicht. Dabei besitzt er Unternehmen, Immobilien und Holdings im Wert von zwei bis drei Milliarden Dollar. Vor wenigen Wochen kaufte er den spanischen Medienkonzern Grupo Prisa mit dem Flaggschiff „El Pais“, der Tageszeitung. Davor den großen englischen Lebensversicherer Pearl. In Schanghai gehören ihm Bürotürme, in Indien Hotels und in Berlin Immobilien wie die Sarotti-Höfe oder das Café Moskau.

Jetzt will er Karstadt kaufen. Das ist eine Überraschung. Man unterschätzt Berggruen rasch. Denn der Mann ist bescheiden, höflich und unaufgeregt. Die Mitarbeiter von Karstadt sind begeistert. Er ist ihnen sympathisch, will keine Filialen schließen oder Leute entlassen. Was ist das für ein Unternehmer?

Die Lebensgeschichte von Berggruen liest sich wie ein Reiseroman: Sohn des berühmten Berliner Kunsthändlers Heinz Berggruen. Saß als Kleinkind beim Familienfreund Pablo Picasso auf dem Schoß, wuchs in Frankreich, in der Schweiz und England auf. Seine Mutter, die frühere Schauspielerin Bettina Moissi, ist die Tochter von Alexander Moissi, dem Schauspielsuperstar vom Anfang des 20. Jahrhunderts, den Stefan Zweig oder Franz Kafka verehrten. Als junger Mann ging Nicolas Berggruen an die Wall Street und machte ein Vermögen – ohne Unterstützung vom Vater.

Jetzt will er das alles am liebsten wieder loswerden. Sein Geld. Seine Immobilien. Seine Kunstsammlung. Der Mann ist 48, das beste Alter für eine Midlife-Crisis. „Hätte ich die doch schon vor zehn oder 15 Jahren gehabt“, sagt Berggruen. Was ist mit ihm geschehen? Offenbar sucht Berggruen nach einer neuen Heimat. Nicht nach einem Ort, sagt er, sondern nach einem Ziel, einer Sache, der er sich ganz widmen kann. „Wie kann ich mit meinem Leben etwas bewirken, wo am meisten helfen?“, fragt er heute.

Berggruen sitzt in Los Angeles am Pool des Beverly Hills Hilton und schaut immer wieder auf seinen Blackberry. Dunkler Anzug, weißes Hemd, Pilotenbrille. Immer wieder setzt er zum Reden an, um dann doch am Blackberry hängen zu bleiben. Nicht weil dort neue Nachrichten hereinkämen, sondern es kommen immer wieder die gleichen an. Das Ding ist kaputt. Berggruen kann es nicht fassen. Das Gerät ist seine Verbindung zur Außenwelt.

Es gibt keinen triftigen Grund, warum Berggruen, wenn überhaupt irgendwo, dann in Los Angeles lebt. Seine Beteiligungen sind in der Nicolas Berggruen Holding zusammengefasst, Hauptsitz New York mit weltweit sechs Büros. Die sind aber nur für seine 50 Mitarbeiter. Selbst wenn er vor Ort ist, sitzt er lieber im Hotel, Café oder Park und schreibt E-Mails. Im Büro müsste er sich in Konferenzen quälen. Berggruen ist da und zugleich auch nicht.

Los Angeles ist die Stadt der Unverbindlichkeit. Das liebt Berggruen. „Es ist wie eine Insel“, sagt er. Man werde in Ruhe gelassen. Hin und wieder gibt er eine Party, zuletzt wieder im März im luxuriösen Hollywood-Hotel Chateau Marmont. Die Klatschpresse berichtete, dass Leonardo DiCaprio bis tief in die Nacht mit einer Blonden geflirtet habe. Die Party mache er, sagt er, weil er oft zu Freunden nach Hause eingeladen wird: „Ich habe ja keine Wohnung.“

Ohne Wohnung hat man es auch mit einer riesigen Sammlung von zeitgenössischer und klassischer Kunst nicht einfach. Die Werke von Jeff Koons oder Damien Hirst stehen in einer Lagerhalle. Beinahe wäre in Berlin 2008 ein Museum mit seiner Kunst am Humboldthafen entstanden, aber das Projekt scheiterte an Auflagen der Bauverwaltung.

Los Angeles verbindet Berggruen mit seinem bewunderten Vater, der 1936 nach seiner Flucht aus Deutschland auch dorthin kam. Heinz Berggruen ahnte, anders als wiederum sein eigener Vater, früh die Bedrohung durch Hitler. Der schüttelte den Kopf. Wie so viele assimilierte Juden konnte Ludwig Berggruen sich ein Unheil nicht vorstellen, betrieb weiter seinen Schreibwarenladen im Berliner Stadtteil Wilmersdorf. Der damals 22-jährige Heinz studierte an der University of California in Berkeley und konnte seine Eltern in letzter Sekunde 1939 ins Ausland holen. Später arbeitete er für das San Francisco Museum of Art und betreute eine Ausstellung von Diego Rivera. Als der schon zu Lebzeiten berühmte Künstler 1940 aus Mexiko kam, brachte er seine Frau mit – Frida Kahlo. Ein paar Wochen später brannte der verheiratete Heinz Berggruen mit ihr nach New York durch. Die Affäre dauerte nur ein paar Wochen.

Als US-Soldat kehrte Heinz Berggruen 1945 nach Deutschland zurück. Aber nicht für lange. Er kam nach Paris, eröffnete dort eine Galerie, die einer der wichtigsten Treffpunkte für zeitgenössische Kunst wurde. Im Dezember 2000 übergab Heinz Berggruen seine Gemäldesammlung an die Stadt Berlin. 2004 wurde Berggruen zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt ernannt, zu seinem Begräbnis in Berlin 2007 kamen Bundespräsident Horst Köhler und Kanzlerin Angela Merkel.

Nicolas ist der dritte Sohn. Obwohl in Paris, sprach man Deutsch zu Hause. Der Vater war nicht oft da, arbeitete viel. „Auch wenn unser Vater jüdisches Blut hatte, er war doch ganz schön preußisch“, erinnerte sich Olivier Berggruen, Nicolas’ zwei Jahre jüngerer Bruder. Die Kinder mussten beim Abendessen an einem Katzentisch sitzen. Der Zutritt zum Schlafzimmer der Eltern war verboten.

Im Sommer fährt die Familie zu ihrem Haus in die Normandie. Es regnet oft. Nicolas Berggruen liest Bücher. Dringt in die Welt des Existenzialismus ein, Albert Camus, Jean Paul Sartre, dann Karl Marx, Lenin, anarchistische Literatur. Im Internat in der Schweiz rebelliert er gegen die Lehrer, weigert sich, Englisch, „die Sprache des Imperialismus“, zu lernen. Letztlich fliegt er von der Schule und muss seinen Abschluss in London machen. Dort verändert er sich, beschließt, „das System nicht mehr von außen, sondern von innen zu verändern“, wie er heute sagt.

Berggruen geht mit 17 Jahren nach New York, ein paar tausend Dollar von seinem Vater in der Tasche, und studiert Wirtschaft an der New York University. Im Rekordtempo von zwei Jahren ist er fertig, beginnt zu investieren. Bald kauft er nicht nur Aktien, sondern ganze Firmen. In den 90er Jahren erwirbt er für acht Millionen Dollar FGX, hinter der die legendäre US- Brillenmarke Foster Grant steckt. Nach einer Restrukturierung kassiert er 2007 ganze 400 Millionen Dollar für seinen Anteil. „Er ist ein smarter und kreativer Investor“, sagt David Bonderman, ein Freund von Berggruen und Chef der großen Private Equity Firma TPG.

Berggruens Schlüssel zum Erfolg ist seine Geduld. Wenn er eine Firma kauft, will er sie am liebsten nicht mehr weggeben. Er kann es sich erlauben, anders als TPG oder Blackstone arbeitet er nur mit eigenem Geld. Der Druck von Investoren fehlt. Vorzugsweise investiert er in Unternehmen mit langfristig „vorhersehbarem Cashflow“.

In den vergangenen Jahren kam Berggruen ins Grübeln: „Die Leute denken immer, mir gehört das Geschäft. Aber es ist genau anders herum: Ich gehöre dem Geschäft“, sagt er. Besitz fing an, ihn zu belasten. Vor zehn Jahren verkaufte er seine Häuser, eine Villa auf einer Privatinsel in Florida und eine Luxuswohnung in New York. Danach kamen das Auto und andere Besitztümer dran.

Nach dem Tod seines Vaters 2007 konzentrierte sich Berggruen auf sozial orientiertes Investieren: Reisfarm in Indonesien, Ethanolfabrik in Oregon, Innenstadtausbau im verarmten Newark in New Jersey. Mit den Investitionen Gutes tun und trotzdem noch Geld damit verdienen.

Er gründete das Nicolas Berggruen Institute, einen Think Tank für Kalifornien. Das Programm soll überparteilich sein: den Haushalt in Ordnung bringen, den Gemeinden und Städten mehr Entscheidungsgewalt geben, Lobbyisten zurückdrängen, das Stromnetz intelligent ausbauen und grüne Technologien fördern.

Warum macht Berggruen das? Seine Antworten: Er sucht nach einer Herausforderung. Er will die Welt verbessern, das Maximale aus dem Leben herausholen. Etwas Bleibendes hinterlassen. Eine Familie gehört nicht dazu. Der ewige Junggeselle ist oft mit schönen Frauen zu sehen. „Viele Leute brauchen Gemeinschaft“, sagt er, aber für ihn sei das „kein Fokus“. Ein Familienleben hat er nur Weihnachten. Die Feiertage verbringt er mit seiner Mutter, Bruder Olivier und dessen zwei Kindern in Paris.

In den 90er Jahren kaufte er ganze Auflagen von Magazinen in Holland oder den USA auf, um sie sofort einstampfen zu lassen – sie hatten einen Artikel über ihn geschrieben. Berggruens Motiv war nicht etwa Angst vor Miesmacherei, die Artikel waren positiv. Aber er fand es „angeberisch“, im Scheinwerferlicht zu stehen. Ein Komponist, Maler, Schriftsteller, die leisten in seinen Augen etwas. Er will die Welt auf seine Weise verbessern. Mit seinem Institut. Das Peninsula Hotel, in dem er lange residierte, hat er verlassen, seine Siebensachen in einen Koffer gepackt. Jetzt fliegt er mit dem Jet herum, um seine Ideen zu propagieren. In einer E-Mail schreibt er glücklich: „Ich bin unterwegs nach Afrika: Elfenbeinküste, Mauretanien, Togo, Sierra Leone, Kongo, Tansania, Zentralafrikanische Republik!“

Mitten auf der Reise kommt ihm aber etwas in die Quere: Karstadt. Für einen Tag fliegt Berggruen nach Essen, um sich vor der Gläubigerversammlung zu präsentieren. Dann kehrt er wieder zurück in die Zentralafrikanische Republik, um sich mit Politikern über Reformen zu unterhalten. Schließlich kommt er ganz nach Deutschland. Die Schlagzeilen überbieten sich. Die Aufregung um Karstadt ist viel größer, als er es gedacht hätte. Es ärgert ihn, als „Dandy“ bezeichnet zu werden. Oder verdächtigt zu werden, auf Safari in Afrika zu gehen. Aber bei allen Anfeindungen: Er zieht den Deal durch.

Gestern war Berggruen wieder in Berlin: bei der Einweihung der neuen Räume des Künstlerhauses Bethanien. Und heute Abend lädt er zu einer Gala mit 200 Gästen ins Berggruen-Museum in Charlottenburg. Dann wird er wieder in seinen Privatjet steigen, durchatmen und dieses kleine Land verlassen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben