Zeitung Heute : Der Reiz der Eigenwilligkeit

Gerhard Fitzthum

Eine Telefonzelle wie aus dem Märchenbuch: Den Hörer in der Hand, sitze ich auf der eingebauten Holzbank und habe die Beine gemütlich übereinander geschlagen. Während ich spreche, schaue ich durch die große Glastür nach draußen - auf felsige Steilhänge, vor denen sich ein Kirchturm hoch in den Himmel streckt. Der Blick gleitet über die Friedhofsmauer, die eisernen Grabkreuze und bleibt auf dem vierreihigen Fries mit Totenschädeln hängen, die unter dem Dach des Beinhauses eingemauert sind. Für einen Moment starre ich gedankenlos ins Nichts, vergesse die Zeit - und meinen Gesprächspartner.

Wie die meisten anderen Neubauten in Vrin ist auch die Telefonzelle das Werk von Gion Antoni Caminada, des neuen Sterns am Schweizer Architektenhimmel. Caminada wollte das gewachsene Ortsbild seines Bündner Bergdorfs nicht mit einem uniformen Glaskasten verschandeln lassen, ließ sich die Kosten für eine Normzelle der Schweizer Telecom mitteilen und stellte für genau den gleichen Preis eine Kabine aus unbehandeltem Holz auf. Sie besteht aus gehobelten Fichtenbrettern, die so aufeinander genagelt wurden, dass man sich an das traditionelle Strickbausystem der umliegenden Holzhäuser erinnert fühlt - Neues, das sich in das Bestehende einfügt.

Unmodern, doch lebendig

Caminadas Erfolgsrezept ist aber nicht nostalgisch. Eine bloße Kopie des Alten kommt für den Bauernsohn und Vizepräsidenten der Gemeinde nicht in Frage. Stattdessen entwirft er Gebäude oder Anbauten, die auf aktuelle Nutzungsformen zugeschnitten sind - und trotzdem nicht das Ortsbild sprengen. Da die Hälfte der Einwohner tatsächlich noch in der Landwirtschaft arbeitet, sind die meisten Kunden Bauern, denen die alten Scheunen und Ställe zu klein geworden sind. Unter Aufnahme des klassischen Strickbau-Systems verbindet er nun zwei Gebäude zu einem oder stellt größere Neubauten direkt an den Ortsrand. Caminada schlägt auf diese Weise drei Fliegen mit einer Klappe: Die Bauern können im Dorf wohnen bleiben, die Landschaft wird nicht mit den Großställen von Aussiedlerhöfen entstellt und es entsteht keine leerstehende Bausubstanz, die solvente Städter in Wochenendhäuser verwandeln und damit - so Caminada - "dem dörflichen Leben entziehen könnten". So ist Vrin ein homogenes Haufendorf geblieben, eines der ganz wenigen "unmodernen" und doch lebendigen Bergdörfer der Schweiz.

Den Grundstein für die erfolgreiche Dorfentwicklung legte das vom Stararchitekten Peter Zumthor Anfang der Neunziger Jahre angefertigte Siedlungsinventar. Vrin hatte die Studie mit dem Ziel vergeben, jedem einzelnen Bauern einen konkreten Vorschlag für Stallbauten und die Verbesserung des landwirtschaftlichen Umfelds zu machen, der das gewachsene Ortsbild würdigt. Die meisten Bauern ließen sich da-rauf ein und Caminada setzte das ehrgeizige Programm in den folgenden Jahren in die Tat um - mit Handwerkern aus dem Dorf und mit Materialien, die man nicht aus den Industriegebieten der Talsohlen importieren musste, sondern die es am Ort gab, vor allem also mit Holz. Nicht zuletzt dieses nachhaltige Wirtschaften hat die Abwanderung gestoppt. Der ortsansässige Schreinereibetrieb hat inzwischen sogar Angestellte, die täglich aus dem Rheintal herauf pendeln - was die alpenüblichen Formen der Arbeitsplatzmobilität geradezu auf den Kopf stellt.

Von Mitte der Neunziger Jahre an hagelte es nur so von Auszeichnungen für Architekt und Dorf. 1998 wurde Vrin sogar der begehrte Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes verliehen - nachdem in den beiden Jahren zuvor Basel und Bern die Preisträger waren. Die 280-Seelen-Gemeinde erhielt die Auszeichnung für die sorgfältige Integration zeitgemäßer Ökonomiegebäude ins Ortsbild. Sehenswert sind neben der Mehrzweckhalle vor allem die beiden Großställe und die Metzgerei, die Caminada so an den Ortsrand gelegt hat, dass die Sicht auf die Kirche nicht beeinträchtigt wird. Es sind Funktionsgebäude, die im Zusammenhang mit der Selbstvermarktungspolitik stehen, die Caminada mit initiiert hat. Sie erhöht die Wertschöpfung und befreit die Bauern von dem Zwang der ständigen Erhöhung der Viehbestände. Die genossenschaftlich organisierte "Societa mazlaria" verarbeitet mittlerweile vierhundert Tiere im Jahr - hauptsächlich zu Öko-Beef.

Das nunmehr in der ganzen Schweiz bekannte Dorf liegt mit seinen vier Weilern 1500 Metern über dem Meeresspiegel am Talschluss des Lugnez, das in der rätoromanischen Landessprache Val Lumnezia, Tal des Lichts, genannt wird. Man erreicht es mit dem Postbus, der beinahe stündlich im Städtchen Ilanz abfährt. Schnell sind die Agglomerationen des Vorderrheintals verlassen und der Bus beginnt, sich in Serpentinen den dicht bewaldeten Nordhang hinauf zu schrauben. Bald erreicht er die weiten Sonnenterrassen des Oberlugnez, auf denen kleine Dörfchen mit sonnengeschwärzten Holzhäusern stehen und spitze Kirchtürme in den Himmel zeigen. Die meisten sind freilich schon von Neubausiedlungen im klassischen Chalet-Stil umringt. Oberhalb des Skidorfs Vella wird die Gegend aber immer einsamer, zuletzt holpert der Bus vier Kilometer über eine ungeteere Bergstraße durch die Wildnis - hoch über der Schlucht des Glenner, der sich seit Jahrtausenden immer tiefer in das lockere Schiefergestein gräbt.

Gekalkte Totenköpfe

Endlich öffnet sich die Landschaft wieder und man sieht Vrin vor sich liegen - auf einer sanft gewellten Geländeschulter, auf die das gewaltige Péz Aul Massiv noch Schatten wirft. Dominiert wird das Ortsbild von dem riesigen Campanile, der unmittelbar neben der Barockkirche steht. In kräftigem Orangerot, Hellgrau und Weiß gehalten und im Bereich der Glockengeschosse zudem aufwändig marmoriert, ist er einer der farbenfrohesten Kirchtürme diesseits des Alpenhauptkamms. Nicht weniger berühmt ist das von Tessiner Baumeistern erbaute Ensemble aber auch durch die gekalkten Totenköpfe, die den Besucher schon beim Aussteigen aus dem Bus in ihren Bann ziehen.

Irritierend fremd mutet auch das eigentliche Dorfzentrum an. Die wettergegerbten Holzhäuser und -ställe sind zwar eng ineinander verzahnt, dazwischen sorgen aber breite Gassen mit Gemüsegärtchen für weite Räume, die in anderen Alpendörfern längst mit Asphalt ausgefüllt wären. Hier dagegen gibt es nicht einmal Kopfsteinpflaster. Hühner und Gänse laufen frei umher, aus den Ställen dringt das Bimmeln der Glöckchen, die die Ziegen und Schafe am Hals tragen. Die Szenerie ist so bizarr, dass man sich in ein anderes Jahrhundert zurückversetzt fühlt.

Das Erstaunlichste ist das Fehlen von Touristen. Nur ab und zu schleichen ein paar Architekturfans durch die Gassen. Lediglich im Sommer ist mehr los. Dann sind auch schwer bepackte Wanderer unterwegs. Sie ziehen zur berühmten Greina-Hochebene hinauf oder noch weiter ins Tessin.

"Olivone 10 Stunden" heißt es auf einem Wegweiser aus korrodiertem Blech, der kaum sichtbar an einer Scheune hängt. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts unterhielten die Lugnezer eine rege Handelsbeziehung über den hochalpinen Saumpfad, der heute ganz den Bergwanderern gehört.

Für die touristische Karriere als Modellort für nachhaltiges Wirtschaften und Bauen ist Vrin noch gar nicht vorbereitet. Es gibt nur ein Uralt-Hotel, das vor sich hin dämmert, und eine Hand voll Ferienwohnungen. Auf das Heilmittel einer ständigen Erhöhung der Gästezahlen setzt aber ohnehin niemand, man kennt diese Zahlen nicht einmal. Niemals würde er den Ort den Touristen zuliebe umgestalten, sagt Caminada. "Das höchste der Gefühle wäre die Erweiterung der traditionellen Hofeinheit von Haus, Stall und Garten um ein Ferienelement in Form einer ausgebauten Stallkammer." Und selbst dann würde den Gästen zugemutet, Ferien zwischen Tierherden und Misthaufen zu machen, also hautnah zu erfahren, dass das Dorf noch ein Eigenleben hat und nicht bereit ist, sich den Bedürfnissen der Städter zu unterwerfen.

Der Konflikt ist vorprogrammiert, weil das Lugnez seit 1996 am Gemeindenetzwerk der Alpenschutzkommission CIPRA teilnimmt. Durch Knowhow-Transfer mit den anderen Gemeinden dieser "Allianz" hofft man, den Tourismus zum festen Standbein ausbauen zu können. Geht das engagierte Entwicklungs-Programm auf, so werden zum Leidwesen vieler Vriner deutlich mehr Touristen ins Tal strömen - Touristen freilich, die Urlaubsqualität nicht an der Zahl der Pistenkilometer und der Vergnügungseinrichtungen bemessen, sondern ursprüngliche, unverbaute Kulturlandschaft suchen.

Gewiss, diese Touristen sind verglichen mit den Gästen des Skigebiets von Vella im Moment noch in der Minderheit. Doch die Zahl derer, denen es in den Wintermonaten nicht mehr allein um Ski fahren geht, nimmt im Val Lumnezia ständig zu. Und je mehr sich Vrin der konventionellen Entwicklungslogik alpiner Gemeinden widersetzt, desto schwieriger dürfte es werden, nicht immer berühmter zu werden. Die Nachlässigkeit gegenüber dem Fremdenverkehr ist zu einem touristischen Erfolgsrezept geworden, dessen Folgen noch niemand abschätzen kann.

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