Zeitung Heute : Der Reiz des Fallschirmspringers

MALTE LEHMING

Niemand ahnte etwas.Plötzlich segelte aus heiterem Himmel eine weitere Lichtgestalt herab.Erst Riester, dann Stollmann, jetzt Naumann.Und jedesmal derselbe Effekt: dieselbe Verblüffung, dieselbe Neugier, dasselbe Interesse.Das hat schon Klasse, wie Gerhard Schröder den Wahlkampf inszeniert.Die Regierung müht sich so redlich wie unbeholfen, die zart aufblühenden Landschaften ins Bühnenlicht zu rücken, doch vorn, an der Rampe, schillert seit Wochen die Konkurrenztruppe: das Schattenkabinett der SPD.Hase und Igel.Das sei bloß eine billige Show, kontern beleidigt die ein ums andere Mal Überrumpelten.Unwillkürlich aber drängt sich Wilhelm Busch ins Gedächtnis: "Ohne Hören, ohne Sehen steht der Gute sinnend da; und er fragt, wie das geschehen und warum ihm das geschah."

Nun also Naumann, Michael.Schröders dritter Fallschirmspringer.Der Mann fürs Wahre, Schöne, Gute.Der Verleger ist keiner aus der alten SPD-Kulturmafia, kein Günter Grass, kein Klaus Staeck.Von ihm ist weder eine müde Besinnungsrede über das Verhältnis von Geist und Macht zu erwarten, noch verschämte, nach allen Seiten abgewogene Sowohl-als-auch-Rhetorik.Der Löwe will brüllen - und er brüllt.Eure Rede sei ja, ja, nein, nein.Ja zur Buchpreisbindung und zum Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, nein zum Holocaust-Denkmal.Damit liegt Naumann voll im Trend.Gerade die Reizthemen reizen ihn.Markig und markant vertritt er applausfähige Positionen.Bei ihm paaren sich intellektuelle Unbefangenheit und ein leicht elitärer Gestus mit einem neuen, populären sozialdemokratischen Kulturprogramm.Anton Pfeifer, Naumanns christdemokratisches Pendant im Bundeskanzleramt, wird sich die Augen reiben.Dem öffentlichkeitsscheuen Strippenzieher wurde in vielen Jahren weniger Aufmerksamkeit zuteil als Schröders jüngstem Personal-Coup in wenigen Tagen.

Allerdings gehen Unbefangenheit und Unbedarftheit mitunter Hand in Hand.Befreiende Offenheit kann eben nur kurzfristig das Fehlen von Sachkunde und Präzision überdecken.Laut Grundgesetz ist die Kulturpolitik Sache der Länder.Wenn Naumann also die "kulturpolitische Sahelzone" in der Bundesrepublik beklagt und einen "sehr rabiaten Machtkampf" um Subventionsgelder für Berlin ankündigt, wen hat er da im Visier? Seine Kollegen aus den mehrheitlich SPD-regierten Ländern? Die werden ihm was husten.Und was hat ihn geritten, ausgerechnet das heikle Thema Holocaust-Mahnmal, das sich für einen Wahlkampf ungefähr so gut eignet wie die Ausländerpolitik, aus dem Ärmel zu ziehen? Klare Worte sind das eine, sie versprühen den Charme der Entschlossenheit.Das andere aber sind Redlichkeit und Sensibilität.Allein dem Volk aufs Maul zu schauen, garantiert noch keine glückliche Kulturpolitik.

Michael Naumann, Schröders dritter Fallschirmspringer, ist mit Vehemenz gelandet, aber bei der Landung erheblich ins Wanken geraten.Er hat überzogen, wie ein Intellektueller überziehen darf, wie aber nur ein Intellektueller glaubt, daß auch Politiker überziehen dürfen.Doch ohne die Bereitschaft, langsam und beharrlich dünne Bretter zu bohren, lassen sich politische Ziele nicht durchsetzen.Das klingt wahrscheinlich recht dröge für ein so ungestümes Temperament wie Naumann, dem man außerdem den Bonus oppositionellen Auf-den-Schild-Schlagens einräumen sollte.Aber Wahrheiten bemessen sich nicht an ihrem Klang.Und: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom, lebendige dagegen.Wirklich Mut beweist erst der, der unpopuläre Maßnahmen verkündet.Das Rampenlicht beleuchtet den Akteur.Es kann ihn aber auch blenden.

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