Zeitung Heute : Der Rest spielt Tennis

MARKO MARTIN

Stille Spinnen: Jung-Autoren im Literarischen Colloqium MARKO MARTINDas ist schön: Man geht zu einer Veranstaltung, ohne durch die Träger prominenter Namen und die oft störende Kenntnis ihrer Vorgeschichten abgelenkt zu sein.Man sieht junge Leute - hektisch, selbstbewußt, verschämt: Da sind alle Varianten vertreten - ein Podium erklimmen und eigene Texte zum Besten geben, und die da unter ihnen im Publikum sitzen, sind noch nicht die Auguren des Kulturbetriebs, sondern vorerst nur Verwandte, Freunde und Bekannte.So geschehen, als am Donnerstagabend im Literarischen Colloquium die "Finissage der Autorenwerkstatt" geboten wurde, eine Vorstellung von Prosa-Arbeiten, die im Laufe einiger Monate in Wochenendseminaren entstanden, diskutiert und überarbeitet worden waren. Geleitet wurde das Projekt von Katja Lange-Müller und Burkhard Spinnen.Letzterer übernahm - mit Bart und Strickjacke im eher ungewohnten Habitus als gütiger Hausvater - die Vorstellung der einzelnen Teilnehmer.Da war zum Beispiel Georg Klein, ein durch diverse Zeitschriftenveröffentlichungen bereits hervorgetretener Autor, der einen Romanauszug über eine Reise in eine mittelasiatische GUS-Stadt vortrug.Die Exotik des Textes nahm anfangs gefangen: endlich einmal Außenwelt statt permanenter Innenschau in der neuen deutschen Prosa.Dachte und hoffte man.Bis, schwupp, wieder das Preziöse, Bedeutungsheischende angetrabt kam: "Wir nahmen Besitz von einer dunklen Nische und waren gewillt ..." Läßt sich so ein Barbesuch beschreiben? Demgegenüber bemühte sich die junge Berlinerin Inka Parei - wiederum in einem Romanauszug -, ganz dicht an der Wirklichkeit zu bleiben.Eine junge Frau betritt eine alte Wohnung im Prenzlauer Berg und nimmt mit feinem Sensorium, als wäre ihr Auge eine Handkamera, alle Dinge und Details wahr, die sie hier vorfindet, einschließlich einer Spinne, die sich kaum bewegt.Hier hat sich jemand Zeit gelassen für genaue Beobachtung - ob aber irgendwann auch an eine Art von Handlung gedacht ist, die wir, sträflich konventionell, dann doch gern in einem Roman vorgefunden hätten? Eine Gegenposition zu dieser gleichsam in sich ruhenden Prosa markierte eine "Tennisnovelle" aus der Feder des Münsteraners Axel Schöpp.Freunde des sportlichen Aktionismus wären hier sicherlich auf ihre Kosten gekommen.Pausenlos wurde da aufgeschlagen und abgewehrt, geschwitzt und geduscht, alle Protagonisten wurden überdies mit Vor- und Zunamen vorgestellt, so daß man angesichts des Gewusels Sehnsucht nach der bewegungslosen Spinne bekam. Woran mag es liegen, daß all die gelesenen Texte seltsam fad wirkten? Am handwerklichen Können nicht, denn dafür mußten sich die Mitte zwanzig- bis dreißigjährigen Autoren keineswegs verstecken.Dennoch hatte man den Eindruck, Spezialisten statt Erzähler vorzufinden: Die einen schienen für die Reflexion zuständig, die anderen für die selbstgenügsame Miniatur, und der Rest spielte Tennis.Bis - und wegen solcher Überraschungen machen Veranstaltungen dieser Art eben trotzdem Spaß - auf eine große Ausnahme, die auf den Namen Arne Ross hört.Was er zu bieten hatte - die Geschichte einer problematischen Kopulation - verführte das Publikum inmitten der Lesung zu Gelächter und Applaus, so hinreißend war die Mischung aus Ironie und hohem Ton.Zahnlos war die Frau, schwach in Brust und Lenden ihr Geliebter, aber beide wurden am Leben gehalten durch einen Fabulierer mit einem Blick für die heroische Lächerlichkeit mancher Ekstasen.So schön, so selten.

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