Zeitung Heute : Der Riss
Der Vorgang erschien Wilhelm Dittmann „unfassbar“. Denn auf der Tagesordnung stand „die Spaltung der SPD“, wie Dittmann selbst notierte. Um die zu vollziehen, saß er nun hier, in einem Versammlungsraum im thüringischen Gotha, zusammen mit 17 weiteren Abgeordneten des Deutschen Reichstags.
Allesamt waren sie aus der SPD ausgeschlossen worden. Und manch einer erinnerte sich jetzt an die Kämpfe, damals unter Bismarcks Sozialistengesetzen. Als die SPD verboten wurde, als Arbeiter in Zuchthäusern landeten oder sich zur Emigration gezwungen sahen. Da hatte man sich vom Kaiserreich nicht auseinander treiben lassen, da stand man zusammen.
Keine Euphorie, sondern Trauer prägte den Gründungsparteitag der USPD, der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, am 6. April 1917. Trauer darüber, dass die viel beschworene Einheit der Sozialdemokratie zerbrochen war. Bereits dem Gründungsort haftete etwas Nostalgisches an. Gotha erinnerte an 1875, als die bis dahin verfeindeten Flügel der frühen Arbeiterbewegung sich dort zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands vereinigen. Eine gute, eine vergangene Zeit. Diesmal sollte Gotha der Geburtsort eines sozialdemokratischen Traumas werden: die Spaltung der Arbeiterbewegung.
Der Erste Weltkrieg hatte die Genossen auseinander gebracht. Die Mitglieder, die ihre Partei verließen und die USPD gründeten, hatten es nie verstanden. Wie konnten sich die einstigen Genossen nur von der Kriegseuphorie so anstecken lassen?
Drei Jahre zuvor waren die Marktplätze der deutschen Länder mit Reichsflaggen bedeckt und Tausende sangen vor dem Berliner Schloss den Choral „Nun danket alle Gott“ als am 1. August 1914 die Mobilmachung verkündet wurde. Auch Sozialdemokraten sprachen vom „August-Erlebnis“, das die Klassengegensätze des Reiches anscheinend überwand. National beseelt vergaßen sie ihre Grundwerte. Wer kämpfte angesichts des Völkerringens noch gegen das Dreiklassenwahlrecht? Und für das Frauenwahlrecht? Oder gegen die Abschaffung des preußischen Herrenhauses? Und gegen den Krieg?
Die SPD hatte den so genannten „Burgfrieden“ mit der kaiserlichen Reichsregierung vereinbart. Man hatte sich gegenseitig versichert, auf öffentliche Austragung von Meinungsverschiedenheiten zu verzichten. „Ich kenne keine Parteien mehr“, sagte Kaiser Wilhelm II., „ich kenne nur noch Deutsche!“
Der Beginn des Ersten Weltkriegs offenbarte, wie stark die Arbeiterbewegung ein Teil der wilhelminischen Gesellschaft geworden war. Noch im Juli 1914 hatte die SPD Hunderttausende Arbeiter mobilisiert, die gegen den drohenden Krieg demonstrierten. Doch kaum war der erste Schuss gefallen, da stimmte die Reichstagsfraktion der Partei den Kriegskrediten zu. Für viele SPD-Mitglieder bot der Krieg die einmalige Chance, sich vom Stigma des „vaterlandslosen Gesellen“ zu lösen. Sie schmiegten sich an eine Gesellschaft, an ein politisches System, das sie stets ausgegrenzt hatte. Durch ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten waren Ausnahmegesetze und Repressalien, wie sie unter Bismarck an der Tagesordnung waren, abgewendet. Zudem waren die Gewerkschaften mehrheitlich für einen deutschen Kriegseinsatz, schuf doch die wilhelminische Kolonial- und Flottenpolitik Arbeitsplätze in der Werftindustrie.
Die Entstehung der USPD und die tiefe Spaltung der Sozialdemokratie am Vorabend der Weimarer Republik zeigt sich exemplarisch an Hugo Haases politischer Laufbahn. Als zweiter Partei- und Fraktionsvorsitzender der SPD stand er für die Versöhnung der sozialdemokratischen Fronten ein, war oft Vermittler zwischen der radikalen Linken um Karl Kautsky und den rechten Revisionisten um Eduard Bernstein, die – anders als der marxistische Flügel – in allmählichen Reformen und nicht in der Revolution soziale Veränderungen zu erreichen suchten. Doch ausgerechnet Haase, ein schmächtiger Mann mit mächtigem Oberlippenbart, der sich als „ein Mann der politischen und parlamentarischen Praxis“ verstand, sollte maßgeblich zur Spaltung der Sozialdemokratie beitragen.
Hugo Haase war gegen die Kriegskredite, beugte sich allerdings zunächst der Fraktionsdisziplin und trug die SPD-Erklärung im Reichstag vor: „Wir lassen das Vaterland in der Stunde der Gefahr nicht im Stich." Sein Parteifreund Wilhelm Dittmann sprach von einem „Akt der Selbstüberwindung", von „einem großen persönlichen Opfer im Interesse der Einheit" der Sozialdemokratie.
Doch der Widerstand innerhalb der SPD-Fraktion wuchs. Im Dezember 1914 stimmte Karl Liebknecht als erster Sozialdemokrat gegen eine Bewilligung von Kriegskrediten, Haase verurteilte dies und beschwor die Einheit der Fraktion. Aber die Zahl der parteiinternen Kriegsgegner war bereits auf 17 angestiegen, und die anfängliche Kriegseuphorie in der Bevölkerung verstummt. Deutsche und Alliierte Truppen standen sich auf einer Länge von 700 Kilometern von der belgischen Küste bis zur Schweizer Grenze gegenüber. Der Bewegungskrieg erstarrte zum Stellungskrieg. Die Materialschlacht begann, die Millionen da draußen in ihren Erdlöchern und Gräben das Leben kosten sollte. Die Hoffnung auf ein schnelles und siegreiches Kriegsende hatte sich noch vor Ablauf des ersten Jahres als trügerisch erwiesen.
Haase wandte sich nicht nur aufgrund der massiven Kriegsverluste von der SPD ab. Immer mehr Mitglieder seiner Partei sprachen sich offen für Annexionen aus. Die SPD-Linie, man verteidige sich nur, war aufgegeben worden. Haase weigerte sich nun weiterhin für Kriegskredite zu stimmen, einen offenkundigen Eroberungskrieg wollte er nicht unterstützen. Als im März 1915 einmal mehr über das Budget abgestimmt wurde, verließ er mit 29 Abgeordneten den Plenarsaal. „Wir hauen Haase eine herunter und schmeißen ihn raus“, rief daraufhin Philipp Scheidemann, der sich mit Haase seit 1912 den Fraktionssitz teilte und die Fraktionsmehrheit anführte.
Man suchte Haase zu entmachten, strich ihn von der parlamentarischen Rednerliste. Haase gab zermürbt auf, schloss sich zunächst mit 17 weiteren Abgeordneten zur Sozialdemokratischen Arbeitsgemeinschaft (SAG) zusammen, die formell weiter der alten Partei angehörte. Doch zu sehr klafften der moralische Anspruch der Kriegsgegner und die von ihnen abverlangte Fraktionsdisziplin auseinander. Haase trauerte gekränkt der Arbeit von einem „Vierteljahrhundert für die Partei“ nach. Aber die emphatischen Versprechen der Arbeiterbewegung, ihre Sehnsucht nach sozialer Gerechtigkeit, nach demokratischer Mitbestimmung, vor allem aber nach Frieden, fand er nicht mehr in der SPD repräsentiert. Mit der Fortführung der „Burgfriedenspolitik“ schien sie ihm die Ideale der Sozialdemokratie zu verraten.
Die USPD war in ihrer Gründungsphase keine linksradikale Vereinigung, obgleich sie von Anbeginn an die Spartakusgruppe um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg integrierte, die in der Novemberrevolution eine sozialistische Räterepublik nach dem Vorbild der jungen Sowjetunion anstreben sollte. Neben marxistischen Programm-Theoretikern waren auch Mitglieder des rechten SPD-Flügels beigetreten. Sie einte die Ablehnung des Ersten Weltkrieges. Und sie einte auch die Hoffnung, dass die neue Partei nur ein „zeitweiliges Notgebilde der Kriegszeit" sei. So formulierte es Wilhelm Dittmann, der den Gründungsparteitag leitete. Auch Hugo Haase hoffte auf eine spätere Wiedervereinigung mit der SPD. Selbst Rosa Luxemburg hatte eine geradezu organische Einheit der Sozialdemokratie beschworen. Als sie 1914, nach der ersten Abstimmung über die Kriegskredite, von der Frauenrechtlerin Clara Zetkin gefragt wurde, ob sie nicht daran denke, aus der SPD auszutreten, da antwortete sie: „Da könnte man genauso gut die Frage stellen: Willst du aus der Menschheit austreten?"
Doch die Radikalisierung der USPD, ihre Entfremdung von der alten Partei, war bereits zum Zeitpunkt ihrer Gründung absehbar. Die Brennstoffknappheit führte dazu, dass die Menschen Handschuhe und Mäntel selbst in ihrer eigenen Wohnung tragen mussten. Die Versorgung mit Lebensmitteln war katastrophal. Betrug der durchschnittliche Kalorienwert der täglichen Rationen im Frühjahr 1915 noch über 3000 Kalorien, war er Anfang 1917 auf 700 gesunken. Bei der Einteilung der Rationen wurden Schwerarbeiter in der Rüstungsindustrie begünstigt. „Doch auch sie“, erinnert sich ein Zeitzeuge am Ende des Jahres 1917, „verhungern, trotz ihrer angeblich hohen Löhne schaut ihnen das Elend aus den Augen.“
Unruhen in Großstädten richteten sich nunmehr auch gegen Sozialdemokraten, die den Krieg unterstützten. Eine halbe Million Arbeiter legte in Berlin im Januar 1918 die Arbeit nieder, im Mittelpunkt standen die Munitions- und Metallfabriken der Stadt. Innerhalb weniger Tage breiteten sich die Streiks auch in den industriellen Ballungsräumen von Kiel, Hamburg bis nach Mannheim und Augsburg aus. Und nicht mehr die Mehrheitssozialdemokraten und die Gewerkschaften waren die politische Heimat der Streikenden, sondern die USPD und die Kommunisten.
Folgt man dem Parteienforscher Franz Walter, dann hat der Erste Weltkrieg die beiden Grundströmungen der SPD – die reformistische und die revolutionäre – zugespitzt. „Die doppelte Identität“ hatte die SPD in der Vergangenheit nie zu einer Zerreißprobe geführt; eine Sezession stand zu keinem Zeitpunkt zur Debatte. Selbst die USPD spaltete sich zunächst im sozialdemokratischen Geist von der SPD ab. Doch innerhalb von drei Jahren hatten sich die „Unabhängigen“ zu einer aufgewühlten, proletarischen Bewegung gewandelt. Junge Arbeiter aus der Rüstungsindustrie und aus dem agrarischen Hinterland hatten die Partei unterwandert. Einen neuen, anderen Staat wollten sie. Die USPD wurde zum Sammelbecken des revolutionären Protestes.
Gewaltenteilung, parlamentarische Verfassung, allgemeines Wahlrecht, die Grundlagen der parlamentarischen Demokratie verachteten die jungen Arbeiter als bourgeoise Lügen. Dabei hatte sich die USPD-Führung in der Novemberrevolution für eine kurze Zeit wieder den so genannten Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) angenähert. Sie stellte drei Vertreter, unter ihnen war auch Haase im sechsköpfigen Rat der Volksbeauftragten, der zwischen November 1918 und Februar 1919 eine provisorische Regierung bildete. Doch bereits im Dezember zog sich die USPD aus der Koalition wieder zurück, zu zaghaft erschien ihr die Reformpolitik Friedrich Eberts.
Zwischen März und November 1919 stieg die Mitgliederzahl der USPD von 300000 auf 750000. Damit stand sie der SPD fast gleich groß gegenüber. Das Rätesystem und die Diktatur des Proletariats wurde nun zum Parteiprogramm erhoben und im Herbst 1920 votierte eine Parteitagsmehrheit für den Anschluss an die Kommunistische Internationale und die Vereinigung mit der KPD.
Ein großer Teil der Mitglieder fand sich mit diesem Schritt jedoch nicht ab, die USPD bestand noch zwei Jahre, in denen sie sich der SPD wieder annäherte. Zum Schutz der jungen Weimarer Republik, die sich gegen Angriffe von der radikalen Linken und Rechten zu erwehren hatte, sah man über die einstigen Auseinandersetzungen hinweg.
Unabhängig voneinander beschlossen die Parteien ihre Wiedervereinigung und sandten 1922 Delegierte nach Nürnberg zum Vereinigungsparteitag. „Auf Sozialisten, schließt die Reihen!“, sangen die Genossen und mehr als 100000 zogen durch die Stadt. Wilhelm Dittmann nannte die Veranstaltung eine „gewaltige sozialistische Heerschau“. Der offizielle Parteiname lautete nun Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands (VSPD). Zwei Jahre später wurde das „V“ gestrichen.
Hugo Haase erlebte dies nicht mehr, weder seinen Wunschtraum, die erneute Einheit der Sozialdemokratie noch seine größte Befürchtung: dass sich USPD-Mitglieder der KPD anschließen sollten. Am 8. Oktober 1919 machte er sich mit seiner Frau auf den Weg zum Reichstag, er wollte eine Rede zur politischen Lage der jungen Weimarer Republik halten. Drei Revolverkugeln durchbohrten seinen rechten Oberschenkel. Haase starb kurz darauf an einer Blutvergiftung.
Der Schütze, ein Lederarbeiter namens Johann Voß, wurde von seinen Richtern auf Grund eines ärztlichen Gutachtens freigesprochen. Weitere Ermittlungen über etwaige Hintergründe wurden nicht angestellt. Es hieß, Voß sei geisteskrank gewesen.





