Zeitung Heute : Der rote Teppich ist eingerollt

JOSEFINE JANERT

Die Theorie auf der einen, die Praxis auf der anderen Seite: Wenn Akademiker sich bewerben, erleben sie diesen Widerspruch besonders stark.Derzeit gibt es in Berlin rund 19 000 Arbeitslose mit Hochschulabschluß.Sie besser aufs Berufsleben vorzubereiten ist Ziel etlicher Projekte, die in den letzten Jahren ins Leben gerufen wurden.

"Sie sind kreativer als Betriebswirtschaftler, engagiert und daran gewöhnt, sich schnell in neue Bereiche einzuarbeiten", beschreibt Helene Renger das Profil von Geisteswissenschaftlern.Die Studentin ist Mitarbeiterin des "Sprungbretts", einer Praktikumsbörse und Infostelle an der Humboldt-Universität.Schon vor dem Examen will das "Sprungbrett"-Team den Germanisten Kontakte zu Medien, Kulturinstitutionen, der freien Wirtschaft und anderen potentiellen Arbeitgebern ebnen.Sofern Kapazitäten vorhanden sind, werden auch Studenten angrenzender Fächer vermittelt.

Die vier Studenten vom "Sprungbrett" suchen auf eigene Faust nach Einsatzmöglichkeiten, telefonieren mit Firmen und treffen eine Vorauswahl unter den Bewerbern, die sich für die Praktikumsplätze interessieren.Außerdem geben sie Tips für die Gestaltung von Bewerbungsmappen und informieren über Weiterbildungsmöglichkeiten.Das Angebot wird flankiert durch praxisnahe Seminare, die seit drei Jahren verstärkt angeboten werden.Dazu kommen Verleger, Berufsberater und andere Praktiker ans Institut für deutsche Sprache und Linguistik.

Die Vermittlung ist nicht immer einfach, berichtet die Dozentin Monika Strietz, die das Projekt betreut.Während Kulturämter, Messe-Gesellschaften und kleine Theater aufgeschlossen sind, hält sich die freie Wirtschaft zurück.Die Medien sehen sich ohnehin mit einer Vielzahl von Praktikums-Bewerbern konfrontiert.Werbeagenturen, denen die "Sprungbrett"-Crew die textlinguistischen Fähigkeiten der Studenten schmackhaft machen wollten, bemängelten unter anderem fehlende Graphik-Kenntnisse.Um Praktika in den Bereichen Aus- und Fortbildung oder Public Relations, die einige große Unternehmen vergeben, konkurrieren die Linguisten mit Studenten der Betriebswirtschaft oder der Psychologie.Vielen Personalchefs ist nicht bewußt, daß Geisteswissenschaftler von Hause aus teamfähig, belastbar und flexibel sein sollten, also soziale Kompetenz mitbringen.Oder die Studenten sind nicht selbstbewußt genug, sich gut zu präsentieren.

Erfahrungsgemäß, so Helene Renger, interessieren sich die Kommilitonen vor allem für die klassischen Berufsbilder.Sie wollen in Verlagen oder Zeitungsredaktionen unterkommen.Manche verdrängen, was nach dem Examen mit der Arbeitssuche auf sie zukommt."Das Studium ist hart", sagt auch Monika Strietz."Viele ziehen es durch und kümmern sich erst hinterher um den Beruf." Sie berichtet, daß die meisten Studenten mit dem hohen Theorie-Anteil des Lehrplans zufrieden sind, obwohl nur ein Bruchteil später eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wird.Es sei auch nicht das Ziel, das Institut zu einer Berufsfachschule umzustrukturieren.Vielmehr muß der Praxis-Kontakt parallel geknüpft werden.

Auch Studenten naturwissenschaftlicher und technischer Fächer werden neuerdings oft fehlende Praxis-Erfahrungen vorgeworfen.Ein gutes Examen reicht allein nicht aus, um eine Stelle zu ergattern.Der rote Teppich ist eingerollt.Diese Absolventen müssen sich außerdem damit auseinandersetzen, daß sie - im Gegensatz zu den Sozial- und Geisteswissenschaftlern - von der Uni auf ein einseitig ausgerichtetes Berufsfeld getrimmt wurden.

Diesen Absolventen den Sprung in die Praxis zu erleichtern ist Ziel der Firma EuroNorm aus Neuenhagen bei Berlin.In Kooperation mit der Berliner Firma ISP*D Software Services und mit dem Hochschulteam des Arbeitsamtes Berlin Mitte organisierte das Unternehmen ein individuelles Coaching für zwölf Akademiker - vom Energietechniker bis zur Landschaftsplanerin."Das Neue daran ist, daß wir jedem einen Mentor zur Seite stellen", sagt EuroNorm-Mitarbeiter Ralf-Christian Prinz.Diese Berufs-Praktiker helfen den Teilnehmern, sich mit den eigenen Stärken und Schwächen auseinanderzusetzen und ein arbeitsmarkttaugliches Profil zu entwickeln.

Auf eine zweimonatige Schulungsphase, während der Grundlagen der Betriebswirtschaft repetiert, Firmen besucht und das Bewerben trainiert wurde, folgte ein fünfmonatiges Praktikum bei einschlägigen Unternehmen.EuroNorm war bei der Suche nach einem Platz behilflich.Die Vermittlung ist für die Firmen kostenlos, die Absolventen erhalten während der gesamten Zeit einen Zuschuß für ihren Lebensunterhalt.Das Ziel, im Anschluß an das Praktikum einen Arbeitsvertrag abzuschließen, haben schon mehrere Teilnehmer erreicht.Die anderen erhalten Rüstzeug für die weitere Jobsuche.Derzeit wird darüber nachgedacht, das Coaching im Frühjahr zu wiederholen.

"Sprungbrett", t 20 91 67 17 (mittwochs 12 bis 14 Uhr), EuroNorm 03 342 / 254 741.

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