Zeitung Heute : Der Sanfte mit der Bärenpranke

23.10.2004 00:00 UhrVon Robert Birnbaum

Er ist beliebt, und keiner ist so kompetent wie er. Der Gesundheitsexperte Seehofer ist für die Union unverzichtbar – und spaltet sie

Wäre er nicht Horst Seehofer, hat man ihn einmal gefragt, sondern ein Tier, welches dann am liebsten? „Ein Bär“, hat er geantwortet. Der große, brummelnde Einzelgänger, den die anderen Tiere des Waldes seines Weges ziehen lassen, weil sie seine Pranke fürchten. Der sich, wenn er angeschossen ist, tief in seine Höhle zurückzieht. Der aber den Menschen zugleich das Vorbild abgibt für ein zottelfelliges Liebhabetier. Man muss immer ein bisschen aufpassen mit den Auskünften, die Polit-Profis über sich selbst verbreiten. Aber der Bär – doch, da könnte sogar etwas dran sein.

Allein schon deshalb, weil dieser Tage im und um den Reichstag herum viele Leute anzutreffen sind, die den CSU-Politiker Seehofer umstandslos als unberechenbares, rücksichtslos um sich krallendes Raubtier porträtieren, das man, wenn es nach ihnen ginge, schnellstens mit Nasenring und Kette versehen müsse.

Es handelt sich, unschwer zu erraten, fast durchweg um CDU-Politiker. Dass der seit einem Jahr schwelende Parteigeschwisterstreit über die künftige Gesundheitspolitik sich bis zur Macht- und Führungsfrage hochgeschaukelt hat, gilt vielen als Seehofers Werk. Da bekommt sogar Edmund Stoiber mildernde Umstände: „Der Stoiber hat doch keine Ahnung vom Fach“, ätzte ein Christdemokrat, „den hat bloß der Seehofer aufgehetzt. Als die thüringische CDU-Abgeordnete Vera Lengsfeld Anfang der Woche den CSU-Mann frontal anging, ihm gar die Frage hinwarf, ob er als Fraktionsvize für Sozialpolitik noch der richtige Mann sei, wenn sein Kurs in Sachen Gesundheit dem der großen Mehrheit der Fraktion frontal entgegenstehe – da hatte nur mal eine laut gesagt, was viele denken.

Der Bär hat für so was ein dickes Fell – aber darunter eine dünne Haut. Als ihn sein Landesgruppenchef Michael Glos in Schutz nahm, seine Fraktionsvorsitzende Angela Merkel aber keinerlei Anstalten machte, hat er ihr vernehmlich zugeraunt: „Frau Merkel, Sie sagen aber schon noch, dass wir geredet haben?“

Merkel sagte es. Die anschließende Spitze, dass also an diesem Wochenende keine Überraschungen – in Gestalt Seehofer’scher Interviews nämlich – zu erwarten seien, hat sie sich nicht verkniffen. Der Bär hat sich das gemerkt, für später. Er hat da, um im Tierreich zu bleiben, ein Elefantengedächtnis. Merkel allerdings auch. Bei ihr liegen darin all die bösen Worte gespeichert, mit denen Seehofer jene Kopfpauschale attackiert hat, die die CDU-Chefin vor einem Jahr in Leipzig unter dem Jubel des CDU-Parteitags zum Reform-Prestigeprojekt erklärt hatte. Worte wie „unsozial“, „erschütternd“ oder „Rechnungen von Leichtmatrosen“. Noch mehr verübelt sie ihm, dass er ihr Modell mit Halbwahrheiten schlecht macht. Man könne niemandem vermitteln, dass der Hausmeister genauso viel für die Gesundheit zahlen solle wie sein Chef – Seehofer musste wissen, dass das nie so geplant war.

Aber im Kampf ist er in der Wahl der Waffen nie zimperlich gewesen. An einem sonnigen Spätsommertag steht Horst Seehofer in der saarländischen Landesvertretung in Berlin. Er soll hier als Laudator das Buch eines Ex-SPD-Abgeordneten vorstellen, der die ganze Reformiererei in der Politik schrecklich falsch findet. Es ist aber rein zufällig noch eine halbe Stunde Zeit bis dahin, und so fügt es sich, dass Seehofer ganz viele Interviews darüber geben kann, weshalb die soeben von der SPD präsentierte Bürgerversicherung so nicht funktioniere.

Ja, wenn die nicht, welche denn dann, fragt einer. Seehofer setzt sein breitestes Grinsen auf. Er sagt nur ein Wort. „Meine!“ Die Umstehenden lachen. Der Seehofer jetzt wieder! Ironie kann er gut, besonders die von der sanften, der populären Sorte. Überhaupt, populär ist er. Wenn Horst Seehofer bei „Sabine Christiansen“ zu Gast ist, können die anderen einpacken. Der räumt alle Sympathiepunkte ab, weil er redet, wie die Leute denken, dass ein Politiker reden soll. Bei CSU-Parteitagen kassiert er auch immer das beste Stellvertreter-Wahlergebnis. Manchmal besser als Stoiber. Schon deshalb geht der CSU-Chef mit seinem Vize um wie mit einem rohen Ei. Als Seehofer im vorigen Sommer schon mal hart mit Merkel über die Gesundheitspolitik stritt, war es Stoiber, der ihm den Rücktritt ausreden musste. Merkel hätte ihn angenommen: „Es gibt niemanden, der nicht ersetzbar ist.“

Wobei es sehr schwer einzuschätzen ist, ob einer wie Horst Seehofer jemals seinen Rücktritt anbieten würde, wenn das Risiko bestünde, dass der akzeptiert würde. Es ist überhaupt sehr schwer zu unterscheiden, was bei Horst Seehofer Raffinesse und was Überzeugung ist. Seit er ein halbes Jahr lang mit einer verschleppten Herzbeutelentzündung auf den Tod lag, ist es noch schwieriger geworden. So einem nimmt man ja ab, wenn er sagt, dass ihm das ganze Politikerzeug zum Hals heraushängt und dass er seine Prinzipien nie mehr verbiegen lassen wolle. Dass ihm das so viele Bürger abnehmen, macht seine Wirkung aus. Nur: Wo liegt für den Mann, der Politik seine Lieblingsbeschäftigung nennt, die Grenze zwischen Verbiegen und erlaubter Taktik? Ein bisschen was vom Chamäleon hat dieser Bär nämlich schon. „Seehofer kann heute das Gegenteil von dem sagen, was er morgen sagt“, spottet ein Parteikollege. Ein CDU-Spitzenmann ist misstrauisch, seit er mit Seehofer im Vermittlungsausschuss eine Absprache traf, an die der sich dann nicht erinnerte.

Manche glauben, Seehofers Reden von der eigenen Geradlinigkeit sei eine besonders raffinierte Form der Taktik, eine Immunisierungsstrategie: Mit der Begründung, er tue nichts mehr gegen seine Überzeugung, entziehe er sich der Argumentation. Nötig hätte er das nicht, soweit es sein Fach angeht. „Unser Problem mit dem Horst ist: Er hat Recht“, hat einer aus der CSU-Landesgruppe unlängst gestöhnt. Keiner hat seine Erfahrung. Keiner hat so schnell Zahlen parat – wobei es seine Widersacher besonders ergrimmt, wenn sie erst später merken, dass auch diese Zahlen nicht immer stimmen. Auch deshalb, weil sie keinen wie ihn haben, hat die CDU versucht, ihn beiseite zu drängen und mit Stoiber allein ins Geschäft zu kommen. Aber er hat das gemerkt, und jetzt ist er dabei. Als „Verhandlungsführer“, wie Glos betont. Ein Titel, der die Pflicht einschließt, einem von ihm selbst formulierten Grundsatz zu folgen: „Kompromiss besteht immer in dem Ergebnis, dass jede Seite etwas bekommt, was sie nicht will.“

„In der Sache möchte er gerne hart bleiben“, sagen Leute, die ihn kennen. Aber er ist eben doch von sich aus auf Merkel zugegangen und hat ums Gespräch gebeten. Keine Vorverhandlung am Montag, eine Klimabereinigung, nicht erfolglos anscheinend. Doch wie die Sache endet – schwer zu sagen. Zu viel hängt für Merkel daran. Zu viel aber auch für Seehofer. Der will noch mal Minister werden, er hat es gerade erst offen gesagt. Es gibt dazu eine kleine Geschichte, an der besonders bemerkenswert ist, dass er sie selbst erzählt: Als der Gesundheitsminister Seehofer nach verlorener Wahl 1998 zum letzten Mal aus dem Ministerium ging, am Pförtner vorbei nach draußen, hat der Mann hinter der Glasscheibe ihn nicht mal mehr gegrüßt. Durch diese Tür, erhobenen Hauptes, will er noch mal schreiten. Gegrüßt werden und eine Gesundheitsreform machen. Seine.

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de
Service

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Leserdebatten

Alexanderplatz, Hertha, Mediaspree: Leserdebatten auf Tagesspiegel.de.

Diskutieren Sie mit!

Tagesspiegel-Partner

  • Wer passt zu mir?

    Finden Sie jetzt den passenden Partner. Hier wird jeder 3. fündig!
  • Stellensuche

    Experteer.de: Zugang zu einem exklusiven Headhunternetzwerk und über 80.000 Stellenangebote!
  • Sie möchten einkaufen?

    Hier finden Sie die aktuellen Prospekte der Einzelhändler aus Ihrer Region.
  • Schreiben Sie?

    So kommen Sie zum eigenen Buch.
  • Fotoservice

    Gestalten Sie Ihr individuelles Fotobuch mit dem Tages-spiegel-Fotobuchservice.

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...