Zeitung Heute : Der Sauvignon blanc boomt – und die steirischen Winzer profitieren

Stilwandel einer Weltrebsorte: Zwischen klassisch schlank und exotisch überbordend kommen immer vielfältigere Sauvignon-Weine aus dem Süden Österreichs

Bernd Matthies

Jahrelang war international immer nur von Rotweinen die Rede. Dann kam der Chardonnay, gegenwärtig boomt der Riesling. Aber wie geht es weiter? Gegenwärtig ist der Sauvignon blanc der Favorit aller Prognosen für den Weinmarkt – eine Weißweinrebe, die überall auf der Welt bei sorgfältiger Behandlung charaktervolle Weine ergibt, die sich vor allem stilistisch ganz unterschiedlich ausgestalten lassen: karg mineralisch nach den klassischen Vorbildern Sancerre und Pouilly fumé, üppig ausladend und fruchtbetont wie in Neuseeland. Oder. . .

Hier winken die steirischen Winzer schon gelangweilt ab. Kennen wir alles, sagen sie, haben wir alles, können wir alles. Tatsächlich haben die Steirer mehr Erfahrung mit der Rebsorte als alle anderen Winzer, Frankreich einmal ausgenommen. Kein Wunder: Als Muskat-Sylvaner ist sie dort schon sehr lange im Anbau. Der Name wird allerdings nicht mehr verwendet, denn der Reiz der so genannten internationalen Rebsorten liegt ja gerade darin, dass sie auf den internationalen Märkten erfolgreich sind. Da würden althergebrachte Namen nur stören.

Sauvignon blanc gibt es inzwischen in nahezu allen österreichischen Anbaugebieten; selbst im heißen Burgenland gedeihen ein paar Prachtexemplare. Der Wachauer Riesling-Überflieger F.X.Pichler experimentiert ein wenig damit, im Weinviertel ergänzt die Rebe die Veltliner-Monokultur. Doch die meisten großen Sauvignons kommen aus der Südsteiermark, der Gegend der Weißweinpioniere Manfred Tement, Alois Gross oder Fritz Tinnacher, dort, wo die hölzerne Klapotetz zwar längst keine Vögel mehr vertreibt, aber als Fotomotiv und Wahrzeichen der Steiermark immer noch Gold wert ist. Wie eine Achterbahn ziehen sich die Straßen im Süden über die steilen Hügel am Sausal, umkurven die Weinorte Kitzeck, Gamlitz, Spielfeld oder Leutasch. In den Lagen wachsen auch Welschriesling oder Morillon, wie der steirische Chardonnay heißt. Aus der mehr hügeligen Landschaft im Südosten ragen Vulkankegel bizarr in den Himmel. Dort sind rosenduftige Traminer und würzige Muskateller heimisch.

Doch der Sauvignon hat den Ruhm der Region begründet, Tements „Zieregg“ ist spätestens seit dem legendären 1997er Jahrgang eine internationale Ikone. Weitere viel gerühmte Sauvignons kommen aus der Südoststeiermark, wo vor allem Albert Neumeister mit seinem „Moarfeitl“ brilliert.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Als man in den 90er Jahren international auf den steirischen Sauvignon aufmerksam wurde, gab es nur zwei sorgsam gegeneinander abgesetzte Stilistiken: Den einfachen, säurebetonten Sauvignon aus dem Stahltank, der unter dem schlagkräftigen Begriff „Steirische Klassik“ vermarktet wurde und mit 12 Prozent Alkohol auch als typischer Zechwein durchging. Und den Lagen-Sauvignon aus dem Holzfass, aus reiferem Lesegut, deshalb alkoholreicher, cremiger – in aller Regel sogar im Barriquefass ausgebaut. Während der Klassik-Wein die typischen vegetalen Aromen der Sorte zeigt – Gras, Stachelbeere, Paprika, Kräuter – schwingen sich die Barrique-Weine, lange Lagerung vorausgesetzt, zu einem überwältigenden Bukett von tropischen Früchten und Vanille auf, mit kaum einem anderen Wein der Welt zu verwechseln.

Doch diese strenge Zweiteilung des österreichischen Sauvignon-Stils ist Vergangenheit. Denn immer mehr anspruchsvolle Genießer, denen der Klassik-Stil zu schlicht ist, suchen nach Alternativen, die indessen jung trinkbar sind und nicht wie die Barrique-Monumente wie Zieregg oder Hochgrassnitzberg jahrelang hinter massivem Holzaroma verborgen bleiben. Jüngere Weinfans wollen nicht mehr lagern – das räumt jetzt selbst der Sauvignon-Meister Manfred Tement zähneknirschend ein. „Alles wird heute zu früh getrunken“, sagt er, „selbst Bordeaux ist nach fünf Jahren weg. Also warum sollte ich noch einen Wein so machen, dass ich weiß, er ist nach sieben Jahren groß?“ Er sieht für Weine wie seinen berühmten Zieregg nur zwei Alternativen: „Entweder lagere ich ihn selbst bis zur Reife, oder ich ändere meine Philosophie.“ Lagern über Jahre ist aber ist selbst für einen Erfolgswinzer wie ihn viel zu teuer – und so ist den jungen Jahrgängen des Zieregg schon eine gewisse Milderung des Holzeinsatzes anzumerken. Er ist damit früher trinkbar – aber wird sich vielleicht nicht mehr auf die Höhen aufschwingen, die ein reifer 97er heute erreicht.

Aber Tement und viele andere Winzer gehen auch noch einen anderen Weg. Sie vinifizieren unterschiedliche Lagenweine mit unterschiedlichem Holzeinsatz, teils im großen Holzfass, teils im gebrauchten, den Geschmack weniger prägenden Barrique. So entstanden früh zugängliche, aber dennoch komplexe und anspruchsvolle Sauvignons wie der „Therese“ von Erich und Walter Polz, der „Sulz“ von Alois Gross oder der „Poharnig“ des Jungdynamikers Erwin Sabathi, Tement selbst demonstriert seine Komptenz mit dem eleganten „Sernau“, und albert Neumeister drüben im Osten hat mit seinem „Klausen“ ebenfalls eine eigene Stilistik gefunden. Sie alle landen dort, wo der Barrique-Skeptiker Fritz Tinnacher mit seinem „Welles“ schon lange angekommen ist.

Und die stilistische Vielfalt setzt sich fort in den Kollektionen anderer renommierter Winzer wie Gerhard Wohlmuth, Willi Sattler, Andreas Tscheppe. Der Falstaff-Weinführer, gewiss etwas sehr patriotisch, vergibt durchweg Bewertungen zwischen 88 und 94 Punkten – darüber mag man im Einzelfall diskutieren. Aber dass ungewöhnlich viele steirische Sauvignons zur Weltspitze gehören, ist kaum bestreitbar.

Dort ist eine Menge los. Denn der Sauvignon breitet sich in Südafrika aus, gewinnt wieder Boden in Gestalt der klassichen weißen Bordeaux, und selbst in Deutschland räumen ihm experimentierfreudige Winzer zunehmend mehr Raum ein; die älteste deutsche Anlage im badischen Durbach geht auf das Jahr 1830 zurück.

Doch die Österreicher sind dieser Konkurrenz gewachsen. Das wird sicher auch der Jahrgang 2006 wieder deutlich zeigen.

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