Zeitung Heute : Der scharfe Konkurrent

Die Frauen mögen Mustafa Barghuti. Am Sonntag will er Arafats Nachfolger werden

Andrea Nüsse[Ramallah]

Mustafa Barghuti nimmt sich Zeit. Jedem einzelnen Studenten schüttelt er die Hand, und es sind viele, die ihn an diesem Tag im Hörsaal der Universität Bir Zeit erwarten. Barghuti wirkt eher wie ein Professor heute, ohne Bodyguard, im eleganten dunkelblauen Wintermantel, mit Nickelbrille auf der Nase und graumeliertem Haar. Nicht wie einer, der auf dem besten Weg ist, dem Fatah-Kandidaten Mahmud Abbas einen überzeugenden Wahlsieg zu vermasseln.

Am kommenden Sonntag wird in den Palästinensergebieten gewählt, und Mustafa Barghuti, 51, Arzt, Menschenrechtsaktivist – und nicht zu verwechseln mit dem inhaftierten Fatah-Aktivisten Marwan Barghuti – will Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde werden. Bisher fährt er überraschend gute Umfragewerte ein. Man will ihm den Erfolg zwar erst einmal nicht glauben, als er vor seinem Publikum kurze Zeit später monoton mit den üblichen Forderungen einsetzt: Ende der Besetzung, Freilassung der palästinensischen Gefangenen, Festhalten an Ostjerusalem; das fordert schließlich jeder der sieben Präsidentschaftskandidaten. Aber dann kommt Barghuti in Fahrt.

Die inneren Reformen sind sein Thema. Sofortige Parlamentswahlen verspricht er, Kampf gegen Korruption und gegen „Wasta“, gegen Vetternwirtschaft und Mauschelei auf Palästinensisch also. Er verspricht Rechtsreformen, gerechte Verteilung der Einnahmen der Autonomiebehörde und medizinische Versorgung für alle Palästinenser. „Wir sind gegen das herrschende politische System und bieten das erste wirklich demokratische Programm in diesem Land“, sagt er. „Ich spreche für die schweigende Mehrheit.“ Dschamila, eine Studentin, 21, verschleiert, klatscht. „Natürlich stimme ich für Mustafa“ sagt sie und strahlt. Sie ist glücklich, eine Alternative zu den etablierten Strömungen, zu Fatah und Hamas, gefunden zu haben. Unter den Frauen hat Barghuti weit mehr Sympathisanten als unter den Männern.

Hatim Junis findet Dschamila naiv. Hatim ist Dschamilas Freund, aber er ist eben auch der Führer der Fatah-Studentenorganisation an der Uni. Barghuti habe nur einige Nichtregierungsorganisationen hinter sich und werde deshalb nichts umsetzen können von seinem schönen Programm. Das, sagt Hatim Junis, könnten nur so mächtige Organisationen wie die Fatah schaffen – die sich allerdings schleunigst reformieren müsste, das immerhin gibt er zu. Er weiß nur zu gut, dass viele Fatah-Mitglieder ebenfalls für Barghuti stimmen werden. Sie wollen Mahmud Abbas einen Denkzettel verpassen und ihn ermahnen, die eigene Organisation zu reformieren. Neuwahlen für die Führungsgremien der Fatah hat Abbas schon angekündigt.

Analysten sagen, dass auch viele Mitglieder der Hamas wählen gehen werden, obwohl die islamistische Organisation offiziell zu einem Boykott aufgerufen hat – und auch sie werden wohl für Barghuti stimmen. Nicht unbedingt, weil sie ihn unterstützen wollen … Es ist eher so, dass sie den Erfolg von Fatah-Kandidat Abbas schmälern und ihn so zu Kompromissen zwingen möchten. Mittlerweile sieht es sogar so aus, als könnte Mustafa Barghuti, der unabhängige Kandidat, auf diese Weise 22 bis 30 Prozent der Stimmen bekommen.

Es herrscht Wahlfieber in den Palästinensergebieten, auch wenn kaum jemand daran zweifelt, dass Mahmud Abbas schlussendlich gewinnen wird. Die Zeitungen sind täglich voll mit Wahlwerbung und ganzseitigen Erläuterungen der Stimmabgabe. Etwa 70 Prozent der 1,8 Millionen Wahlberechtigten haben sich registrieren lassen, aber wer sich kurzfristig entschließt, kann auch nach Vorlage des Ausweises noch seine Stimme abgeben. Auf vielen Autos wehen palästinensische Fahnen, und die Straßen in Ramallah sind gesäumt von Wahlplakaten. Die von Abbas und Barghuti sind zehn Mal so groß wie die der anderen Kandidaten.

Der Wirtschaftsstudent Ahmed Khatim gehört zu den jungen Leuten, die die Plakate geklebt haben. Ehrenamtlich, versteht sich. Er arbeitet in der Wahlkampfzentrale von Barghuti, einer völlig überheizten Wohnung im Zentrum Ramallahs, voller Poster und Broschüren, die Faxgeräte im Flur. „Die Autonomiebehörde hat für unser Dorf bisher nichts getan“, sagt er. „Das Geld für den Bau der Schule mussten wir selber sammeln. Aber Mustafa hat Sommercamps für Jugendliche organisiert. Und er ist für jeden ansprechbar, er braucht keine Bodyguards.“

Dass auch Saubermann Barghuti nicht unumstritten ist, davon spricht Khatim nicht. Unsaubere Wahlkampffinanzierung wirft man ihm vor, auch seine taktische Allianz mit der in Syrien ansässigen Führung der radikalen PFLP-Gruppe und die anbiedernden Versuche, sich als Opfer israelischer Demütigungen darzustellen.

Möglicherweise wird Mustafa Barghuti nach dem Wahltag tatsächlich wieder in der Versenkung verschwinden, wie es einige vorhersagen. Doch sein Erfolg spiegelt den Wunsch vieler Palästinenser mit den unterschiedlichsten politischen Auffassungen nach mehr Rechtstaatlichkeit und Reformen. Wenn Barghuti ein ehrenhaftes Wahlergebnis abliefert, ist das auch ein Auftrag an den Sieger Abbas.

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