Zeitung Heute : Der Schatten der Geschichte

Es ist lange her – aber nicht vergessen. Der Völkermord an den Herero durch deutsche Truppen begann heute vor 100 Jahren. Deutschland hat sich bisher nicht dafür entschuldigt, sondern nur mehr Entwicklungshilfe gezahlt. Den Nachkommen der Opfer reicht das nicht.

Sven-Eric Kanzler[Windhuk]

VOR 100 JAHREN – AUFSTAND IN DEUTSCH-SÜDWESTAFRIKA

Von Sven-Eric Kanzler,

Windhuk

Als der deutsche Botschafter in Namibia, Wolfgang Massing, an das Rednerpult auf dem staubigen Platz inmitten der afrikanischen Buschsavanne tritt, sehen ihn hunderte Herero erwartungsvoll an. Sie haben sich an diesem Sonntag an historischem Ort versammelt: Hier, in Okahandja, in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, haben am 12. Januar 1904 ihre Urgroßväter den Kampf gegen die Deutschen begonnen. Diese Veranstaltung bildet den Auftakt zum 100-jährigen Gedenken an einen Krieg, der für die Herero mit einer Katastrophe endet: Die deutsche Schutztruppe schlägt den Aufstand brutal nieder; Zehntausende sterben, Vieh und Land werden konfisziert und an deutsche Siedler verkauft, die Überlebenden dienen fortan als billige Arbeitskräfte.

Bis zum heutigen Tag hat Deutschland eine Entschuldigung für das begangene Unrecht vermieden. Das verbittert die Herero: Sie sehen die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger des Kaiserreiches. Und an dessen rücksichtslosem Vorgehen in ihrer Kolonie besteht kein Zweifel. Bereits 1884, als die Landerwerbungen des Bremer Kaufmanns Adolf Lüderitz zum deutschen Schutzgebiet erklärt werden, ist der Konflikt mit der einheimischen Bevölkerung vorprogrammiert: Deutsch-Südwestafrika soll Deutschen als Siedlungsraum dienen, die während der Industrialisierung zu Hunderttausenden auswandern. Zudem geht es um Bodenschätze für die Industrie.

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden nur wenige Soldaten nach Südwestafrika gesandt, so dass der Kolonialgouverneur die Führer der Volksgruppen mit Respekt behandelt und versucht, durch sie zu herrschen. Loyalität wird mit einem Gehalt belohnt – und mit militärischem Beistand gegen Rivalen. Samuel Maharero, umstrittener Führer nur eines unter mehreren Herero-Völkern, avanciert mit deutschem Beistand zum Oberführer aller Herero.

Berüchtigter Befehl

Der Krieg 1904 ist eine logische Konsequenz deutscher Politik, aber auch der Interessen Mahareros: Dem Alkohol verfallen, bezahlt er seine Schulden bei Händlern mit Land und Vieh seiner Untertanen. Andere Herero geraten in die Schuldenfalle oft rücksichtsloser Händler. Und sie klagen darüber, von den Deutschen geringschätzig behandelt zu werden. Maharero bleibt angesichts wachsender Unzufriedenheit seines Volkes schließlich nichts anderes übrig als der Krieg.

Die Schutztruppe, durch Soldaten, Geschütze und Maschinengewehre aus Deutschland verstärkt, schlägt brutal zurück. Nach der Schlacht am Waterberg im nördlichen Landeszentrum im August 1904 fliehen Tausende Herero-Kämpfer mit ihren Familien und ihrem Vieh in die wasserlose Kalahari im Südosten. Kommandeur Lothar von Trotha lässt das Gebiet abriegeln und erteilt am 2. Oktober 1904 seinen berüchtigten Befehl, auf jeden Herero zu schießen, egal ob Mann oder Frau, Kind oder Greis. Zehntausende Herero verdursten, nur etwa 1000 – darunter Maharero – gelingt die Flucht ins britische Betschuanaland, dem heutigen Botswana. Tausende Gefangene sterben später in Konzentrationslagern. Auch wenn die Zahlen umstritten sind: Ende des 19. Jahrhunderts gab es vermutlich 80 000 bis 100 000 Herero, 1907 zählen die Behörden weniger als 16 000 gefangene Herero.

Deshalb spricht der Oberführer der Herero, Kuaima Riruako, heute von Völkermord und erwartet von Deutschland eine Entschuldigung und eine Wiedergutmachung. Zusammen mit seinem Berater Mburumba Kerina hat er im Jahre 2001 in den USA eine Klage auf Reparationen eingereicht – und Klagen gegen die Deutsche Bank und andere Nachfolgefirmen in der Kolonie tätiger Unternehmen auf Entschädigung für Zwangsarbeit kriegsgefangener Herero.

Aber Berlins Botschafter Massing bekräftigt in seiner Rede die bisherige Haltung Deutschlands: Die Bundesregierung bedauere das damals begangene Unrecht und stelle sich seiner moralischen Verantwortung für die gemeinsame Geschichte, indem sie – wie vom Bundestag 1989 in einer Resolution beschlossen – besondere Beziehungen zu Namibia unterhalte. Mit 500 Millionen Euro Entwicklungshilfe seit Namibias Unabhängigkeit 1990 hat Berlin dem Land im Vergleich zu anderen Ländern Afrikas in der Tat den höchsten Pro-Kopf-Betrag gezahlt – bei rund 1,83 Millionen Einwohnern. Die Hilfe, so wird stets betont, müsse allen Namibiern zu Gute kommen. Förderung einer speziellen Volksgruppe dagegen schüre Neid.

Eigene Profilierung

Namibias Regierung unterstützt die Forderungen der Herero nicht. Von Vertretern des Volkes der Owambo dominiert, das mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellt, steht sie der Veranstaltung der Herero in Okahandja reserviert gegenüber – genauso wie ein Großteil der knapp 20 000 Deutschstämmigen im Land. Viele befürchten, dass Oberführer Riruako das Gedenkjahr nicht in den Dienst der Versöhnung stellen, sondern zur eigenen Profilierung missbrauchen will: Er hat vor kurzem eine eigene Partei gegründet, die bei den bevorstehenden Wahlen antritt. Vertreter der Regierung nahmen lediglich an dem Ökumenischen Gottesdienst teil. Veranstalter war das so genannte Bischofskomitee, das sich aus Vertretern aller Volksgruppen zusammensetzt und mit der gemeinsamen Erinnerung an das Leid der Vergangenheit den Prozess der Versöhnung voranbringen will.

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