Zeitung Heute : Der Schreibtisch des Täters

Schinkel, Speer und der Sekretär – wie ein altes Möbelstück sehr wertvoll wurde

Martin Debes[Rudolstadt]

Den ganzen Tag und den davor hat sie hinter dem Pult gesessen, in diesem Saal voller Stuck und Ölgemälde, in dieser Villa in Rudolstadt. Mehr als 4000-mal hat Anke Wendl gesagt, was zu sagen war, hat mit der linken Hand geklopft und mit der rechten die höchsten Gebote in den Computer eingetippt.

Ein „Rastender Reiter“ in Öl verkauft sich für 500 Euro, eine „dekorative Keksdose“ für 50, und einen „jugendlichen Napoleon in schwarzem Rahmen mit Goldleisten“ will niemand haben. Der Takt misst sich in Sekunden, nur einmal stockt er kurz, als es eine goldene Uhr aus Glashütte von 2500 auf 65000 Euro schafft.

Es ist Samstagabend, kurz vor zehn, als der Takt aussetzt. Die Straßen um das Auktionshaus Wendl sind zugeparkt, große Autos, fremde Kennzeichen. Zwischen die Eingangstüren des Saales drängeln sich Kameramänner, Fotografen und mehrere Angestellte des Hauses, bestückt mit Telefonen. Auf Bildschirmen erscheint die Position Nummer 4350.

Vor das Pult tritt Martin Wendl, Jahrgang 1943, Inhaber des Auktionshauses, mit etwas Schweiß in den Augenbrauen. Es habe, sagt er laut, die Frage gegeben, ob man Nummer 4350 versteigern werde. Die Antwort laute Ja, mit einer Einschränkung. Um „irgendwelche Eigentumsansprüche“ nicht zu verletzen, werde man bloß „unter Vorbehalt“ verkaufen. Melde sich innerhalb von drei Wochen niemand mit einer begründeten Klage, sei die Versteigerung rechtskräftig.

Nicht nur die Versteigerung von Nummer 4350 ist ungewöhnlich, Wendl ist es auch. In der Zeit, als Rudolstadt noch zum DDR-Bezirk Gera gehörte und nicht zum Bundesland Thüringen, führte er hier ein kleines Antiquitätengeschäft. Dann, 1987, kamen Leute der Devisenproduktionsfirma Koko von Alexander Schalck- Golodkowski vorbei, und das Inventar wurde verstaatlicht, um es für Dollar oder D-Mark zu verkaufen. Wendl stellte einen Ausreiseantrag, im Mai 1989 ging er.

Jedoch, ein halbes Jahr später war er wieder daheim, nahm sich seine 27 Jahre jüngere Frau Anke, zeugte zwei Kinder und gründete das Unternehmen. Bei der ersten Auktion versteigerte er 615 Positionen, bei der jetzigen, der 52., sind es 4500. Die Villa, die eigentlich ein klassizistisches Palais ist, hat er gekauft und ausgebaut; in dem Garten dahinter, das erzählt er gerne, haben sich Schiller und Goethe das erste Mal getroffen. Vier von fünf Kunden kommen aus dem Westen, Käufer wie Einlieferer, und aus dem Ausland. Derzeit nehmen seine Mitarbeiter Sprachkurse in Italienisch.

„Das Geschäft lief gut“, sagt er. „Jetzt läuft es noch besser.“ Das Höchstgebot aller Versteigerungen lag bis zu der goldenen Uhr an diesem Abend bei 30000 Euro, das Mindestgebot von Nummer 4350 liegt bei 45000. „Das“, sagt Wendl, „ist Bundesliga.“ Er wird bald 62, und man hat ihn in eine Talkshow eingeladen.

Im vorigen Herbst sollte Nummer 4350 schon einmal versteigert werden: ein klassizistischer Sekretär aus Mahagoni, mehrfach umgebaut, mit allerlei zugefügten, feuervergoldeten Lorbeerkränzen und Beschlägen. Er stammt aus dem Erbe eines Arztes, der ihn angeblich 1946 in Jena ersteigert hatte und der seitdem in dessen Erfurter Dienstwohnung stand. 3300 Euro lautete das Limit.

Dann ließ Hilde Schramm den Verkauf stoppen, die lange Jahre für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus saß und die bei ihrer Geburt Speer hieß, nach Albert Speer, dem Architekten Hitlers. Sie hatte den Sekretär in einer Anzeige wieder erkannt, an ihm hatte der Vater oft gesessen.

Damit bekam das alte Möbel eine Geschichte. Es wurde um 1825 für den preußischen Prinzen Wilhelm gefertigt, wohl nach einem Entwurf des Hofarchitekten Karl Friedrich Schinkel. 100 Jahre später wurde es aus dem Nachlass des Prinzen Adalbert von dem jüdischen Arzt Wilhelm Dosquet erworben, aus dessen Nachlass es wiederum Speer 1941 kaufte.

Später, in Berlin war Bombenalarm und Speer der Reichsrüstungsminister, ließ er sein Mobiliar auslagern, womöglich in die Nähe von Leipzig, von wo aus der Sekretär irgendwie nach Jena kam, und dann nach Erfurt und dann nach Rudolstadt, in die August-Bebel-Straße 4, in das Auktionshaus Wendl.

Es passt zu dieser Geschichte mit den vielen Namen, dass Ulrich von Heinz, der Anwalt von Hilde Schramm, ein Nachfahre von Wilhelm von Humboldt ist. Er sagt, der Sekretär gehöre den Erben Speers, aber er habe einen „moralischen Makel“ und solle deshalb ins Museum. Er ist es, der den Vorbehalt erzwungen hat.

Jedoch, versteigert wird. „Kunsthistorisch bedeutender Berliner ,Schinkelsekretär’. Um 1800/1825“, liest Anke Wendl aus dem Katalog vor, und die Bieter im Saal sind zum Publikum degradiert. Entschieden wird der Preis zwischen zwei Angestellten mit zwei Telefonen und zwei Schildern. 45000, erhöht auf 55000, 60000 sind geboten, erhöht auf 65000, 70, 75, 80. Gibt es 90000? Schweigen. Die Schilder bleiben unten. Also 80000. Zum Ersten, zum Zweiten, und zum Dritten.

Es ist vorbei, und Martin Wendl steht in seinem Büro, neben dem Schinkelspeersekretär, den er hierher verbracht hat, der Sicherheit wegen. Der Käufer, sagt er, sei ein Sammler aus Norddeutschland, mehr dürfe er nicht mitteilen. Ein Interesse an Speer oder an noch etwas ganz anderem könne er aber ausschließen, definitiv.

Und der Makel? Die Witwe des jüdischen Arztes aus Berlin, sagt Wendl, „sie war Arierin“. Speer habe ihr 15000 Reichsmark gezahlt, einen angemessenen Preis also. Selbst die Jewish Claims Conference habe sich, auch nach Bitten Hilde Schramms, deshalb nicht zuständig gefühlt. Zumal, man habe Nummer 4350 für eine Erfurter Anwaltskanzlei verkauft, die die Insolvenz des Erben verwaltet. Somit, sagt Martin Wendl, profitiere eigentlich nur einer von der Versteigerung: der Staat, das Finanzamt.

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