Zeitung Heute : Der Schule gehört die Zukunft

An Berlins Universitäten studieren viele Lehramtsstudenten das falsche Fach, aber generell gute Einstellungschancen

Bärbel Schubert

Mehr als jeder zehnte Student an Deutschlands Hochschulen hat die Schule zu seinem Berufsziel erkoren. Doch die Einstellungschancen für Pädagogen sind starken Schwankungen unterworfen. Die nächsten Jahre stehen unter dem Zeichen steigender Pensionierungszahlen einerseits und sinkender Schülerzahlen andererseits. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Nach einer Erhebungen des Statistischen Bundesamtes studierten im Wintersemester 2002 / 2003 bundesweit mehr als 20 000 künftige Lehrer Sprach- und kulturwisserschaftliche Fächer, während in Mathematik und den Naturwissenschaften nur 75 000 angehende Lehrer eingeschrieben waren. Am Bedarf auf dem Arbeitsmarkt für Pädagogen gehen diese Präferenzen meist vorbei: Der bundesweite Lehrermangel bezieht sich vor allem auf die Fächer Mathematik, Chemie und Physik, allerdings auch auf Englisch. Die wichtigsten Fragen für Lehramtsstudenten lautet daher: Wer hat gute Chancen, wer sollte besser umsatteln und wo lohnen sich Zusatzqualifikationen?

Die Antworten für Berlin liefert eine neue Untersuchung von Schulsenator Klaus Böger (SPD). Danach studieren auch viele der 10 450 Lehramtsstudenten an den vier Berliner Universitäten die falschen Fächer oder das falsche Lehramt – und gefährden damit ihre späteren Einstellungschancen. Zu wenige Englisch-Lehrer, zu viele Deutschpädagogen lautet – angesichts des künftigen Bedarfs an den Schulen– ein Fazit der umfangreichen Erhebung, mit der Böger erstmals für Berlin den Nachwuchspädagogen Hilfe bei der richtigen Fächerwahl im Studium geben will. Mehr Bedarf als Bewerber gibt es auch in den Fächern Spanisch, Latein, Musik und Kunst.

Dabei sind insgesamt die Chancen für den Pädagogennachwuchs – trotz der Berliner Haushaltsprobleme und der abnehmenden Schülerzahlen – gar nicht mal so schlecht. Nach Bögers Angaben will der rot-rote Senat in den nächsten zehn Jahren kontinuierlich Nachwuchslehrer einstellen. Nach dem Einstellungsstopp in diesem Jahr als Folge der Arbeitszeitverlängerung für den öffentlichen Dienst sollen zum Schuljahr 2005/6 gut 1200 Pädagogen neu in den Schuldienst aufgenommen werden. Bis 2014 folgen dann kontinuierlich immer zwischen 800 und 1300 Neueinstellungen pro Jahr. Mit der Bedarfsanalyse betritt Böger für Berlin Neuland. In Nordrhein-Westfalen gibt es solche regelmäßigen Untersuchungen bereits seit den 80er Jahren. Bei der Berliner Analyse wurden auch die absehbaren Pensionierungen berücksichtigt. Doch dieser Effekt wirkt sich beim künftigen Einstellungsbedarf geringer aus, als zunächst erwartet. Bis zum Jahr 2010 gehen nach der Prognose die Schülerzahlen in Berlin kontinuierlich zurück - von 330 120 Kindern und Jugendlichen im laufenden Schuljahr auf 297 860 im Jahr 2010. Dann ist der Tiefpunkt erreicht. Das entspricht einem Rückgang um mehr als zehn Prozent der Schülerschaft und fällt damit deutlich geringer aus als in den ostdeutschen Bundesländern. Danach werden der Prognose zufolge wieder mehr Kinder eingeschult, so dass 2014/2015 an den allgemeinbildenden und den Sonderschulen mit gut 300 000 Schülern zu rechnen ist.

Berücksichtigt bei der Bedarfsprognose wurden auch die geplanten pädagogischen Reformen. Als Konsequenz aus den miserablen Pisa-Ergebnissen plant Böger beispielsweise zusätzlichen Deutschunterricht in der Vorschule, der zweiten Klasse und generell im Rahmen einer besseren Integration ausländischer Kinder. Für diesen zusätzlichen Unterricht werden auch Pädagogen benötigt, die Deutsch als Fremdsprache vermitteln können. Hier eröffnen sich Chancen für Lehramtsstudenten, die bereit sind, Zusatzkenntnisse für die Grundschule zu erwerben. Ansonsten stehen die Chancen für die mit über 1900 Studenten stärkste Gruppe der Lehramtsstudenten schlecht.

Beste Einstellungschancen haben in den nächsten Jahren Englisch-Lehrer. Schon heute fehlen allein in Berlin rund 300. Durch die Einführung von Frühenglisch in der Grundschule wird der Bedarf noch steigen. Ausgebaut werden soll auch der naturwissenschaftliche Unterricht an der Grundschule. Auch dafür sind bisher die Lehrer nur in Biologie in Sicht. Auch in Mathematik, wo in den nächsten Jahren rund 600 Nachwuchspädagogen gebraucht werden, kann es knapp werden.

Denn für Mathematik wie für Deutsch und fast alle anderen Fächer gilt, dass die meisten Studenten diese Fächer später am liebsten am Gymnasium unterrichten möchten. Doch gerade beim Lehramt für das Gymnasium klaffen Wunsch und Wirklichkeit in den kommenden Jahren am weitesten auseinander. Über 4 600 Studenten streben derzeit den Beruf des Gymnasiallehrers an. Für die Berliner Gymnasien sind aber in den nächsten fünf Jahren wegen des erwarteten Schülerrückganges nur 460 Neueinstellungen geplant.

2100 Studenten haben sich derzeit für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen eingeschrieben. Die meisten von ihnen werden an den Grundschulen eine sichere Einstellungschance erhalten, weil dort in den nächsten Jahren auch die meisten Nachwuchskräfte gebraucht werden, allein zum nächsten Einstellungstermin 2005/6 fast 1200. Danach jährlich um die 500 – mit abnehmender Tendenz. An den Grundschulen wird etwa die Hälfte der Berliner Schüler ausgebildet. Beste Aussichten gibt es für Junglehrer weiterhin an Berufsschulen. Für diese Schulform fehlen schon seit Jahren Lehrer – bundesweit.

Nach Aussage Bögers sind seine Planungen über den künftigen Einstellungsbedarf bereits mit der Finanzseite abgestimmt. Der Schul-Senator: „Bessere Schulen bekommen wir nur mit dem Engagement der Lehrer.“ Weitere Arbeitszeiterhöhungen lehne er ab, die Belastungsgrenze der Pädagogen sei erreicht. Jetzt müssten junge Lehrkräfte die Kollegien verstärken.

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