Zeitung Heute : Der schwindsüchtige Elefant

Fernziel: eine Metropole mit fünf Millionen Einwohnern. Christa Thoben soll den Ruhrpott sanieren – warum tut sie sich das bloß an?

Markus Hesselmann[Essen]

Andernorts bestimmen Banken die Skyline, in Essen ragt das Rathaus heraus, ein 23-stöckiger Bürokomplex. Ruhrkohle und Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk ergänzen mit ihren Hochhäusern die Stadtsilhouette. Das lang gezogene „Haus des Ruhrgebiets“ liegt etwas abseits. Es muss auf sich aufmerksam machen. An der braunen Klinkerfassade hängt ein großes Plakat. Es wirbt für das Ruhrgebiet als europäische Kulturhauptstadt 2010. „Think Big“, mahnt es die Bürger. Mit Großdenkern hat Christa Thoben Erfahrung. Zum Beispiel aus Berlin. Dort trat die Christdemokratin im Jahr 2000 als Kultursenatorin nach vier Monaten zurück, weil die großzügigen Versprechungen ihrer Vorgänger und Parteifreunde an die Kulturschaffenden der Stadt sich nicht mit der Realität des Haushalts deckten.

Vom „Haus des Ruhrgebiets“ aus soll Thoben den Kohlenpott neu organisieren. Fernziel: die Ruhrstadt, eine neue deutsche Metropole mit fünf Millionen Einwohnern. Gerade trat Christa Thoben ihren Posten als Direktorin des „Regionalverbands Ruhrgebiet“ an. Ein Job mit viel Arbeit und wenig Anerkennung, befristet zunächst auf ein halbes Jahr. Unten im Foyer hängt die Ahnengalerie: die Vorgänger, farbig gemalt, dennoch größtenteils grau. Alles Männer, kommunale Größen, die jenseits des Kamener Kreuzes keiner kennt.

„Sie verkehren miteinander wie weiland Edward VII. und Wilhelm II.“, schrieb der Ruhrgebiet-Kenner und spätere Tagesspiegel-Gründer Erik Reger 1928 über die Stadtoberhäupter des Kohlereviers. Daran hat sich nicht viel geändert. Christa Thoben soll die Provinzfürsten jetzt an einen Tisch bringen. Warum tut sich die 63-Jährige, die sich eigentlich schon im Vorruhestand wähnte, das an? „Das ist mein Geschenk an meine Heimat“, sagt Thoben, die Dortmunderin. Sie passt nicht recht in die Klischees vom Kohlenpott. Sie gehört keinem der klassischen Milieus an. Die Tochter eines Textilkaufmanns wählte zunächst FDP, zwischen Lippe und Ruhr eine Splitterpartei. Doch mehr und mehr misstraute sie der Maßgabe, dass der Markt die Dinge schon richtet. Die Volkswirtschaft faszinierte sie mehr als die Betriebswirtschaft, sie wollte gestalten. Ihr Beitritt zur CDU war eine intellektuelle Entscheidung, keine Milieufrage. Mehr Biedenkopf als Blüm. Im Fußball-Paradies an der Ruhr liebte Christa Thoben Tennis. „Wir mussten immer erst mal den Ruß wegwischen, bevor wir uns mit unseren weißen Sachen irgendwo hinsetzen konnten“, erzählt sie. Am Tag ihres Dienstantritts beim Ruhrverband trägt Christa Thoben einen schwarzen Hosenanzug, der ein wenig an die Ausgehuniformen der Bergarbeiter erinnert. Blassrosa Streifen auf dem Jackett, Ton in Ton mit der Bluse, verstärken den Eindruck.

Christa Thoben ist ein robuster Charakter. Sie lacht gern und laut. Am lautesten lacht sie, wenn sie von ihrer Zeit im Berliner Senat erzählt, doch das ist eine andere Geschichte. Eher milde lächelt Thoben, wenn sie manchen ihrer rheinisch-westfälischen Kollegen reden hört. Zum Beispiel Christoph Zöpel, im Bundestag als Vorsitzender des „Unterausschusses Vereinte Nationen“ mit globalen Fragen vertraut. „Die Welt wartet drauf“, sagte der Sozialdemokrat über die Metropolen-Werdung des Reviers. Auch ein Wappen für die Ruhrstadt schlug Zöpel schon vor: Das könne nur der Elefant sein. Der sei schließlich größer als der Berliner Bär.

Doch dieser Elefant hat Schwindsucht. Das Ruhrgebiet ist eine schrumpfende Stadt. Die „Shrinking Cities“ sind ein weltweites Phänomen der nachindustriellen Zeit. Was einst wuchs und wucherte, verliert nun dramatisch Menschen und Wirtschaftskraft. In der Ausstellung „Schrumpfende Städte“ in den Berliner „Kunstwerken“ sind die Patienten auf einer großen Weltkarte mit Kreisen markiert: Pittsburgh, Zwickau, das nordenglische Middlesbrough – Industriestädte, die veröden. Im Ruhrgebiet überschneiden sich auf der Karte gleich mehrere Kreise: Herne, Gelsenkirchen, Essen, Oberhausen schrumpfen gemeinsam vor sich hin. Die Einwohnerzahl Essens, einst Deutschlands fünftgrößte Stadt, sank von 1961 bis heute von 750000 auf 585000.

„Die Welt wartet wohl kaum auf uns“, sagt Christa Thoben. Anders lautende Visionen überlässt die Wirtschaftsexpertin, die 1990 in Münster als erste Frau eine Industrie- und Handelskammer führte, den Festrednern. Die Parole der neuen Ruhrgebiets-Chefin klingt bescheidener, aber immer noch selbstbewusst: „Wir werden weniger, aber wir können mehr.“ Was Thoben jetzt anpackt, hat durchaus revolutionären Charakter. Das Ruhrgebiet soll Herr seiner Stadtplanung werden. Das wird nicht einfach in diesem Verwaltungsgestrüpp. „Wozu hier Essen, da Duisburg, Hamborn, Oberhausen, Mülheim, Bottrop, Elberfeld, Barmen?“, fragte Joseph Roth in einer Ruhrgebiets-Reportage in den 20er Jahren. „Wozu so viele Namen, so viele Bürgermeister, so viele Magistratsbeamte für eine einzige Stadt? Zum Überfluss läuft noch in der Mitte eine Landesgrenze. Die Bewohner bilden sich ein, rechts Westfalen, links Rheinländer zu sein.“ Zwei Länder gibt es heute nicht mehr, aber drei Regierungsbezirke. Weil die Verhältnisse im Städtegewirr noch nicht kompliziert genug sind, wurden sie als mittlere Ebene zwischen die Kommunen und das Land geschaltet. Der rheinische Teil des Ruhrgebiets wird aus Düsseldorf verwaltet. Das westfälische Revier teilen Münster und das Sauerland-Städtchen Arnsberg unter sich auf. „Die RPs“ nennt Thoben die fernen Verwaltungschefs, die Regierungspräsidenten. Sie will die Herren ausbooten. Dazu müssten sich die Revierstädte auf ein eigenes gemeinsames Planungsgremium einigen. Das entnimmt Thoben dem neuen Gesetz, das ihre Kompetenzen regelt.

Die Stadtplanung im Ruhrgebiet ist schlicht von gestern. „Alles ist darauf angelegt, Wohnen und Arbeiten zu trennen", sagt Christa Thoben. Das habe früher Sinn gemacht, als die Arbeit im Kohlerevier noch gesundheits- und umweltschädlich war. „Selbst in der Essener Innenstadt sind ganze Straßenzüge immer noch als reine Wohngebiete ausgewiesen. Da können Sie noch nicht einmal eine Werbeagentur eröffnen.“ Lebendige Kieze sehen anders aus als die Straßen rund um das Haus des Ruhrgebiets. In den grauen Häuserzeilen ist es schwer, eine Kneipe, ein Kino oder ein Café zu finden. Kieze wie in Berlin, in denen Menschen wohnen, arbeiten, einkaufen und sich vergnügen – das wäre doch was für die Ruhrstadt. Christa Thoben liebt Berlin. Das konnten ihr selbst Diepgen und Steffel nicht verleiden. Sie hat sich gegen den Widerstand vieler ihrer rheinisch-westfälischen Landsleute für den Hauptstadt- und Regierungsumzug eingesetzt und war dann als Staatssekretärin im Bauministerium mit Klaus Töpfer maßgeblich daran beteiligt.

Mit Widerstand kann sie leben. Das muss sie im Revier. Beispiel Oberhausen. Die Stadt wurde in der „Süddeutschen Zeitung“ jüngst als Aufsteiger aus dem Ruhrgebiet gefeiert. Das liegt vor allem am „Centro“, dem erfolgreichen Einkaufs- und Freizeitzentrum, das Mitte der Neunzigerjahre auf einer Industriebrache entstand. Es hat Leben in die abgewirtschaftete Stahlstadt gebracht – und die Nachbarn verschreckt. Sie fürchten, das ihre Ladenzeilen absterben. Fuhren die Oberhausener früher ins „Rhein-Ruhr-Zentrum“ nach Mülheim, so kommen die Mülheimer heute ins „Centro“. Und die Essener und die Krefelder und die Holländer.

Jetzt wollen die „Centro“–Investoren expandieren. Die Genehmigung wurde im Rat der Stadt Oberhausen durchgepaukt, trotz aller Einwände von außen. Als ein Vertreter des Regierungspräsidenten den Beschluss beanstanden wollte, wurde er nicht in den Ratssaal gelassen. Christa Thoben muss lachen, wenn sie die Geschichte erzählt. „Das ,Centro’ lockt Gäste von außen an.“ Statt dagegen zu revoltieren, müsse man in anderen Städten ähnliche Anreize schaffen, die über das Revier hinaus wirken. Das „Centro“, die Arena Auf Schalke, das Aalto-Theater in Essen – das sind die wenigen Fixpunkte, die jenseits der Industrie-Romantik für ein neues Ruhrgebiet stehen. Als Kulturhauptstadt 2010 wollte sich das gesamte Revier bewerben. Die Bewerbung einer Region ist aber nicht vorgesehen. Eine Stadt musste es ein. Die Ruhrgebietsfürsten haben sich auf Essen geeinigt. „Das ist doch ein Anfang“, sagt Christa Thoben.

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