Zeitung Heute : Der Sommer ihres Mißvergnügens

Zwei Jahre nach der Wiedervereinigung knirscht es noch immer in der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-BrandenburgSchon länger hängt der Haussegen bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten schief, zuletzt ganz augenscheinlich bei der Eröffnung der Wohnräume Friedrich Wilhelms IV.im Schloß Charlottenburg.Schloßherr Winfried Baer war damals demonstrativ der Pressekonferenz ferngeblieben, nicht er, sondern Burkhardt Göres, Schlösserdirektor der Stiftung, führte durchs Haus.Grund für diesen Affront: Baer fühlt sich auf wissenschaftlichem Gebiet - in diesem Falle der Ausstellungskonzeption - immer wieder ausgegrenzt.Auch bei Potsdamer Belangen finde kein Austausch statt, sagt er.Als Konsequenz nimmt er seit anderthalb Jahren nicht mehr an den Direktoriumssitzungen teil, eine Tatsache, die dem Generaldirektor der Stiftung, Hans-Joachim Giersberg, ehemaliger Direktor der Potsdamer Schlösserverwaltung, nicht bekannt ist. Die anfängliche Hochstimmung Baers über die Zusammenführung der beiden Schlösserverwaltungen in Ost und West ist mittlerweile umgeschlagen.Statt der erwarteten Beteiligung beider Partner an der Verantwortung für die Stiftung läßt ihn die fehlende Kommunikation untereinander resignieren, und er blickt nach fast dreißig Jahren im Charlottenburger Schloß der baldigen Pensionierung entgegen.Damit wäre er nach Helmuth Börsch-Supans zornigem Abschied in den Vorruhestand schon der zweite Direktor von Schloß Charlottenburg, der frustriert den Rückzug antritt.Baers Befürchtung, daß es nach ihm keinen Direktor mehr für und vor allem in Charlottenburg geben werde, verneint Giersberg jedoch.Er hält die Situation nicht für derart kritisch, falle es doch beiden Seiten schwer, im Zuge der Neuverteilung alte Einflußbereiche aufzugeben.Gleichzeitig ist jedoch ein Ungleichgewicht in der Verteilung der Kompetenzen zu erkennen: etwa bei der Ernennung des Generaldirektors und von Burkhardt Göres, dem ehemaligen Direktor des Köpenicker Kunstgewerbemuseums, zum Schlösserdirektor. Dabei könnte alles so schön sein: Denn als am 1.Januar 1995 die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg ihre Arbeit aufnahm, wurden die beiden ehemaligen Schlösserverwaltungen wieder zu der ursprünglichen Institution zusammengeführt, wie sie 1927 von den ersten Gründern angelegt war.An der damaligen Intention, die Schlösser und Gärten aus brandenburgisch-kurfürstlichem und preußisch-königlichem beziehungsweise kaiserlichem Besitz zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat sich bis heute nichts geändert.Darüber hinaus soll die Stiftung "die Auswertung dieses Kulturbesitzes für die Interessen der Allgemeinheit, insbesondere der Wissenschaft und Bildung" ermöglichen.Ein erster Lagebericht zur Situation der Stiftung wird allerdings nicht vor Juli veröffentlicht, über zwei Jahre nach Wiedergründung.Der Generaldirektor erklärt die Verzögerung damit, daß erst jetzt ein Überblick über die ersten abgeschlossenen und künftig geplanten Projekte möglich sei. Ein Blick auf den Umfang der Stiftung macht die Problematik deutlich.Sie verwaltet etwa 700 Hektar Parkfläche mit über 150 historischen Bauwerken vom späten 17.bis zum frühen 20.Jahrhundert.Neben den Parkanlagen Sanssouci, Neuer Garten, Babelsberg, Glienicke und der Pfaueninsel, die alle 1990 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden, zählen die Schlösser Charlottenburg, Grunewald und Rheinsberg ebenso wie Caputh und Sacrow dazu.Über zwei Millionen Besucher wurden im letzten Jahr in den Häusern gezählt, die Spaziergänger in den Parks nicht eingerechnet.Träger der Stiftung sind der Bund und die Länder Brandenburg und Berlin, die jeweils drei Vertreter im Stiftungsrat stellen: dazu gehören die Minister beziehungsweise der Senator für Wissenschaft und Forschung, der Finanzen und drei Repräsentanten.Zugleich erarbeitet der Stiftungsrat die noch ausstehende Satzung.Er entscheidet ebenfalls über das Veranstaltungsprogramm, wobei die von der Stiftung erarbeiteten Vorschläge herangezogen werden. Grundidee der Stiftung ist es, nach Generaldirektor Giersberg, die "Museumsschlösser" als Monumente ihrer Zeit für den heutigen Menschen erlebbar zu machen.Zusammen mit den Gartenanlagen bilden sie noch heute ein Gesamtkunstwerk.Es sollen aber nicht nur die Highlights wie Schloß Sanssouci oder Charlottenburg präsentiert werden, sondern auch kleinere Häuser wie Schloß Caputh oder Königs Wusterhausen, die für ihre Region einen kulturellen Mittelpunkt darstellen.Dabei spielt nicht nur die kunsthistorische Bedeutung der Bauten eine Rolle, sondern auch ihre geschichtliche Dimension. Trotz der offensichtlichen Wertschätzung der ehemaligen preußischen Schlösser durch den Bund und die Landesregierungen Berlin und Brandenburg, die jeweils mit 37 Prozent, 20 Prozent und 43 Prozent an der Finanzierung der Stiftung beteiligt sind, fällt der Gesamtetat mit zur Zeit 75 Millionen Mark relativ gering aus, zumal davon 18 Millionen Mark durch Eigeneinnahmen wie Eintrittsgelder und Pachten in die Kasse kommen.Von diesem Etat müssen die Personalkosten für die etwa 500 festen Mitarbeiter, Sachmittel, Investitionen, Instandsetzungen, Restaurierungen, Gärten und Ausstellungen bestritten werden.Ohne Hilfe durch die Klassenlotterie oder andere Sponsoren wäre ein Großteil der Ausstellungen und Restaurierungen daher gar nicht denkbar.Auf beiden Seiten herrscht Einigkeit darüber, daß erst durch die Zusammenlegung der ehemaligen Verwaltungen, die allen politischen Systemen zum Trotz an der 1927 erstellten Konzeption festhalten, die Chance besteht, eine weitgehend vollständige Präsentation der preußischen Schlösser zu erreichen. Mag auch der amtierende Generaldirektor eine Ost-West-Polarisation innerhalb der Stiftung nicht wahrhaben wollen, so sind doch gewisse Ressentiments noch immer spürbar.Umso mehr bleibt zu hoffen, daß ihre eigentlichen Aufgaben - die Wahrung und Pflege der preußischen Kulturgüter - in Zukunft mehr im Mittelpunkt des Interesses steht und innerdeutsche Vorbehalte der Vergangenheit angehören.

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