Zeitung Heute : Der Spekulant braucht gute Nerven

DANIEL RHEE-PIENING

Nun ist eingetreten, was Experten erwartet oder auch befürchtet hatten: Die Kurse an den internationalen Börsen geben deutlich nach.VON DANIEL RHEE-PIENINGJe nach Mentalität wird von Crash oder einer gesunden Konsolidierung gesprochen.Die Pessimisten sehen darin wieder einmal die Bestätigung eines alten Börsenwitzes: Wie mache ich ein kleines Vermögen? Indem ich ein großes einsetze. Nachdem der erste Schreck überwunden wurde, ist nun Schadensbegrenzung angesagt.Wie immer in der Wirtschaft, gehört hierzu ein gerüttelt Maß an Seelenmassage.Die Adressaten der Tips und Ratschläge sind diesmal in erster Linie die Kleinanleger, die erst in den letzten Wochen auf den immer schneller fahrenden Zug der steigenden Kurse aufgesprungen sind und nun befürchten müssen, statt sich eine goldene Nase zu verdienen, einen argen Nasenstüber zu bekommen.Ihnen dürften noch die Voraussagen der sogenannten Experten in den Ohren klingen, die ständig steigende Aktienkurse voraussahen.Für sie war es denn auch nur eine Frage der Zeit, wann der Deutsche Aktienindex die Hürde von 5000 Punkten im Handstreich nehmen würde.So wurde Gier geweckt und Mißtrauen eingeschläfert.Die kleinen Spekulanten, die ihr Sparbuch abräumten und hofften, über Nacht reich zu werden, sollen nun nicht in Panik verfallen und vorschnell ihre Aktien verkaufen.Sie könnten nämlich der Auslöser für eine echte Krise werden.Darin lauert dann tatsächlich die Gefahr, daß die gerade mühsam aufgebaute Aktienkultur in Deutschland großen Schaden nimmt.Deswegen versuchen Anlageberater und Börsianer, Interessengemeinschaften und Politiker den Kleinanlegern klar zu machen, daß erstens die Kurse an den Börsen nicht immer nur nach oben gehen, sondern auch nach unten.Zweitens, daß die gegenwärtige Situation nicht vergleichbar mit dem Kursabsturz von 1987 und schon gar nicht mit dem schwarzen Freitag von 1929 ist.Und, drittens, daß es sich bei den Dividendenpapieren um eine langfristige Anlage handelt, die zwischenzeitliche Rückschläge mit einschließen.Der fröhliche Spekulant, der 91jährige Andre Kostolany, hat einmal geraten, Aktien zu kaufen und ein Schlafmittel für mehrere Jahre zu nehmen, damit man ja nichts von den Gewittern an der Börse mitbekomme.Ob die Kleinen diesen Ratschlägen folgen werden, oder sich durch die jüngste Entwicklung nur in ihrer Ansicht bestärkt fühlen, daß es sich bei der Börse nur um ein weltweites Spielcasino handelt, bleibt abzuwarten.Noch ist die Stimmung eher ruhig, der Dax ist über der psychologisch wichtigen Schwelle von 4000 Punkten geblieben.Die Kleinanleger haben am vermeintlichen schwarzen Montag ihre Reifeprüfung bestanden, aber mit jedem Tag, den die Spannung andauert, steigt ihre Angst und damit die Neigung, einen Schlußstrich unter diese Art der Anlage zu ziehen. Für die Großen und die sogenannten institutionellen Anleger, also die Investmentfonds und Versicherungsgesellschaften mit ihren Milliarden-Vermögen, sind solche Ratschläge hingegen wertlos.Sie richten sich nach anderen Parametern und diese sind unverändert gut.Die Unternehmensgewinne explodieren nicht zuletzt dank der konsequenten Rationalisierung und dem dramatischen Arbeitsplatzabbau.Die Zinsen sind nach wie vor niedrig und zumindest gegenwärtig deutet nichts darauf hin, daß sie - sei es in den USA oder in der Bundesrepublik - steigen werden.So bieten denn festverzinsliche Anleihen trotz der leicht gestiegenen Kurse keine echte Alternative.Über Immobilienanlagen braucht man speziell den Berliner Anlegern wohl nicht viel zu erzählen.Schließlich ist trotz der kräftigen Preissteigerungen im Juli die Inflation vorerst gebannt.Auf der anderen Seite aber sind gewaltige Kapitalströme im Umlauf, die nach Anlagemöglichkeiten suchen.Sie drängen direkt oder indirekt an die Börsen, und kein Fondsmanager, der seinen Posten behalten möchte, kann diese Entwicklung ignorieren. So bleibt festzustellen, daß es sich gegenwärtig eher um eine vernünftige Abkühlung handelt, die einmal mehr zeigt, daß auch an den Kapitalmärkten die Bäume nicht in den Himmel wachsen.Ganz vorsichtigen Anleger sei in Erinnerung gerufen, daß in Aktien nur das Geld investiert werden sollte, das in absehbarer Zeit nicht gebraucht wird.

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