Zeitung Heute : Der Spielball

Wenn die Bürgerlichen radikal werden: ein Abend an den bedrohten Berliner Ku’dammbühnen

Christine Wahl

Es kann sein, dass die Lichter hier bald ausgehen. Es kann sein, dass hier bald keine Menschenmassen mehr strömen, mit Theaterkarten in der Hand und Vorfreude im Gesicht. Kann sein, dass die Abende in den Woelffer-Theatern im Ku’damm-Karree vielleicht zum Jahresende schon Geschichte sind. Im Foyer steht ein Mann, der selber Geschichte ist. Seine Karriere ist so eng wie kaum eine andere mit den Traditionsbühnen verbunden ist. Wolfgang Spier heißt er. Er trägt einen orangefarbenen Pullover und eine Bundfaltenhose. Er trägt keinen Mantel, kein Jacket, er sieht aus, als habe er dem Besuch gerade seine eigene Haustür geöffnet. Und irgendwie stimmt das ja auch. Fast die Hälfte seines Lebens hat er hier gespielt; zwei Jahre lang war er in den 70er Jahren sogar künstlerischer Leiter. An diesem Haus ist er, 85 Jahre alt, Schauspieler und Regisseur, zum „König des Boulevards“ geworden.

Für Spier, der noch bis Jahresende als umjubelter „Sugar Daddy“ auf der Bühne stand, war die Nachricht von der Kündigung des Mietvertrages schlichtweg „ein Schock“, sagt er. „Ich würde meine Heimat verlieren“, sagt er, wenn die Pläne der DB Real Estate, eines Immobilienfonds der Deutschen Bank, wahr würden; die Karree-Eigentümerin will die schon von Max Reinhardt begründeten Theater zugunsten eines Shopping Centers abreißen. Spier spricht ernst, aber ohne Pathos, er jammert nicht gerne. Er hat sich hingesetzt, die Gäste strömen an ihm vorbei, gleich beginnt Kristof Magnussons Komödie „Männerhort“, wie immer ausverkauft.

Dass hier etwas passieren müsse, sagt Wolfgang Spier mit einer Kopfbewegung hinüber in Richtung des Karrees, das zur besten Einkaufszeit gähnend leer ist, leuchte ihm absolut ein. „Aber diese Fantasielosigkeit der Planer!“, begehrt er dann auf, mit seiner berühmten hohen Stimme, die zu seinem Markenzeichen geworden ist. Dass man „ohne jeden Sinn für das Flair einer Stadt die Ku’damm-Bühnen einfach abreiße“, statt eine Allianz aus Kunst und Konsum zur gegenseitigen Befruchtung zu versuchen, das wolle ihm einfach nicht in den Kopf.

Spier weiß wie kaum ein anderer, wovon er spricht. Er verkörpert nicht nur Geschichte, er erzählt sie auch noch gerne; wenn man ihn befragt, kann man sich jedes Lexikon sparen. Spier erzählt wunderbar. Wie lustig war die erste Regiearbeit am Ku’damm, 1955, „Pierre und Isabelle“, als er selbst für einen erkrankten Schauspieler einspringen und mit einem Kopfverband auftreten musste, der so eigenwillig aussah, dass sämtliche Kollegen trotz härtester Konzentrationsübungen jeden Abend bei Spiers Auftritt aufs Neue in einen Lachkrampf verfielen. Oder wie der Regisseur Erwin Piscator eine ganze Autofahrt brauchte, von Berlin nach Hannover und zurück, um Spier davon zu überzeugen, dass er ein idealer „Kaufmann von Venedig“ sei. Vor allem aber, sagt Wolfgang Spier, schätze er die Ku’damm-Bühnen als unverwechselbaren Familienbetrieb – zurzeit ist schon der dritte Woelffer in Folge hier der Chef. Mit allen drei hat er gearbeitet, und er, der selbst für trockenen Humor und Schlagfertigkeit bekannt ist, schwärmt richtiggehend von der einmaligen Begabung der gesamten Dynastie zur Selbstironie.

Unterdessen sitzt die Pressesprecherin der Ku’damm-Bühnen, Brigitta Valentin, im benachbarten Café Dressler und schaut ins Karree hinein, wie Wolfgang Spier hinausschaut. Sie sieht ein bisschen müde, aber wunderbar kampflustig aus. Die Apfelschorle ist das Erste, was sie an diesem Tag zu sich nimmt. Seit die Kündigung in der Öffentlichkeit bekannt ist, kommt Valentin eigentlich nie vor sieben zur ersten Apfelschorle. Heute hat beispielsweise das ZDF angerufen, dann waren es empörte Kunden der Deutschen Bank, die sich erkundigten, wie sie mit der für die Theater optimalen Öffentlichkeitswirksamkeit ihre Konten kündigen könnten, und dann das Rostocker Theater, das Unterschriftenlisten gegen die Schließung auslegen will.

In den beiden Ku’damm-Bühnen findet man solche Listen schon seit einer Woche. Vor Valentin stapelt sich ein ungefähr fünf Zentimeter hoher Papierberg mit der stolzen Ausbeute: „An die 7000 Unterschriften“, rechnet sie gerade, als Intendant Martin Woelffer durch die Kneipentür tritt, eine Einkaufstüte in der Hand. „Ich habe mir gerade einen Anzug gekauft“, gesteht er. „Für Wowereit. Ich hab doch keinen anständigen.“ Es ist der Vorabend des vom Bürgermeister angekündigten Solidaritätsbesuchs.

Wenn Martin Woelffer über die existenzielle Situation seiner Theater spricht, gelingt ihm genau wie Spier das seltene Kunststück, bei allem Einsatz jegliche Form von Rührseligkeit und Opferstilisierung zu vermeiden. Von seinem Publikum bekommt er dafür viel Unterstützung. An einem ganz normalen Vorstellungsabend bilden sich vor jeder der Unterschriftenlisten an Garderoben, Kassen und Getränkeständen kleine Schlangen. Anstehen muss man bisweilen auch vorm Gästebuch. „Gegen Konsumterror und Peanuts-Banken!“ steht da zum Beispiel. Daneben allerdings: „Christoph, ich will ein Kind von dir!"

Das richtet sich an den Schauspieler Christoph Maria Herbst, der an diesem Abend neben seinem Comedy-Kollegen Bastian Pastewka als aalglatter Banker auf der Bühne steht und besonders genussvoll die Vokabel „Übernahme“ im Mund führt. Seit ein paar Abenden nutzt Herbst seine Rolle auch für einen Seitenhieb gegen die „Deutsche Bank, die in Berlin Theater abreißen lässt“, woraufhin eine Zuschauerin „Genau!“ aus dem Parkett brüllt. Später wagt die „Genau“-Ruferin sogar einen Aufruf zur Demonstration. Die Schauspieler hatten gerade den Schlussapplaus mit der Bitte unterbrochen, jeder, der nicht wolle, dass dort, wo er jetzt sitze, in zwei Jahren ein Pelz- oder Parkhaus stehe, möge sich in die Unterschriftenlisten eintragen, als sie dazwischenschreit. „Ja, gut, wir treffen uns morgen alle zur Demo“, antwortet Herbst ein bisschen hilflos ins Pfeifen und Johlen des Publikums hinein.

Spier ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr da. Er ist nach Hause gegangen. Und diesmal ist nicht das Theater gemeint.

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