Zeitung Heute : Der sprachlose Löwe

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Von Christoph Kieslich

Über den Trainingsplatz schallt Gelächter. Zwei Dutzend Nationalspieler aus Kamerun hat Winfried Schäfer zum Training zusammengetrommelt, und alle sind offenbar bestens gelaunt. Ein Dribbling hier, ein Hackentrick da, und mittendrin steht Schäfer. Knallrote Jacke, die rot-blonden Haare zerzaust vom Wind. Temperamentvoll treibt er seine Spieler an. Doch was sind das für Töne, die da aus dem Mund des 52-Jährigen kommen? Seltsame Laute stößt er aus, Urlaute, eher gebellt als gerufen, und nur hie und da lassen sich dazwischen die n seiner Spieler erahnen – Song, Mboma, Foé.

Mit einem scharfen Pfiff, zu dem er nur den Mundwinkel verzieht und Luft hindurchpresst, unterbricht Schäfer das Treiben. Co–Trainer Tommy Nkono tritt an seine Seite, und Schäfer spricht zu den Spielern. Das heißt: Er spricht schon wieder nicht, diesmal gestikuliert er, rudert mit den Armen, beugt sich über einen imaginären Ball, tippelt nach links, nach rechts, simuliert einen Abwehrspieler in Lauerstellung. Schäfer garniert seine Demonstration mit ein paar Brocken Englisch, die ungehört im fast menschenleeren Stadion zu verhallen scheinen. Dann spricht Nkono zu den Spielern. Französisch.

So geht das auf Trainigsplätzen und Trainingslagern, seit Winfried Schäfer, den die Fußballfans in Deutschland „Winnie“ rufen, die Gnade ereilte, aus dem Rang eines ausgemusterten Bundesligafußballlehrers und schwer vermittelbaren Arbeitslosen zum Nationaltrainer berufen zu werden. Mit seiner Vertragsunterzeichnung im vergangenen September hatte er obendrein das Ticket zur Weltmeisterschaft in der Tasche, ohne einen Finger krumm gemacht zu haben, und der zum Schwärmen neigende Winnie sagte: „Da geht ein Kindheitstraum für mich in Erfüllung.“ Kamerun und sein fußballverrückter Staatspräsident Paul Biya hatten partout einen deutschen Trainer gewollt und bekamen dank der Vermittlung ihres fränkischen Sportartikelausrüsters Winfried Schäfer.

Der hat nur einen Schönheitsfehler: Er redet wie ein Wasserfall, spricht aber nur Deutsch. „Ich habe die Spieler gefragt, ob sie einen Fußball-Trainer oder einen Französisch-Lehrer brauchen – damit war das Thema erledigt.“ Mit lockeren Sprüchen hat Winnie Schäfer schon manche Hürde des Lebens gemeistert. Das Jobangebot aus Westafrika war dennoch eine Überraschung. Kamerun gilt schon lange als Anwärter auf den ersten großen Erfolg einer afrikanischen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft. Assistenztrainer Tommy Nkono stand im Tor, als Kamerun mit Roger Milla 1990 bei der WM in Italien bis ins Viertelfinale tanzte. Und Winfried Schäfer? Hat sich mit dem Karlsruher Sport-Club an ein paar glorreichen Europapokal-Nächten berauscht, gilt als Rumpelstilzchen an der Seitenlinie und nennt Oliver Kahn und Mehmet Scholl „meine Jungs“, weil sie beim KSC groß geworden sind. Aber als unermüdlicher Methodiker, als scharfer Analytiker, gar als Finisseur, der hoch begabten Fußballern den letzten taktischen Schliff verleiht, galt Schäfer nie. Eher rückständig wie die der Netzer-Generation geschuldete Langhaar-Mähne kam vielen auch der von ihm eingeübte Fußball vor.

Der Trainer Schäfer hat seine Mannschaften schon immer vor allem über die Emotion erreicht. Weil das oft nicht und schon gar nicht nachhaltig funktioniert, gingen seine letzten Engagements beim VfB Stuttgart und bei Tennis Borussia Berlin freudlos und rasch zu Ende. Er wurde gefeuert. Deshalb klagt er von Tennis Borussia immer noch ein paar seiner für einen Zweitligisten fast unverschämt hohen Monatsgehälter von 150000 Mark ein. In „Bild am Sonntag“ hat sich Schäfer dieser Tage wortreich beklagt, wie tief es ihn getroffen hat, dass die Bundesliga ihn hat links liegen lassen: „Mir wurde die Würde genommen.“

Auf Anhieb hat er Anfang des Jahres mit seinen „unzähmbaren Löwen“, wie Kameruns Elf genannt wird, den Afrika-Cup gewonnen und dafür einen Orden bekommen. Staatspräsident Biya, seit 1982 diktatorisch an der Macht und durch mehrere, international als nicht einwandfrei taxierte Urnengänge bestätigt, weiß den Fußball als Vehikel zu nutzen und hat die Parlamentswahlen auf den 23. dieses Monats festgelegt. Schäfer lässt sich wohl oder übel für den Wahlkampf instrumentalisieren, er wird schon mal im Jubel-Konvoi an den Fans am Straßenrand vorbei kutschiert.

Die Mischung aus „Courage und Patriotismus“ hat Schäfer schnell als einen Vorzug seiner Mannschaft erkannt. Vielleicht ist es deshalb gar nicht schädlich, dass Spieler und Trainer keine ausführlichen Gespräche über Fußball und das Leben abhalten können. Weiß Gott, was dabei herauskäme. Die Spieler jedenfalls haben Schäfer ins Herz geschlossen, nennen ihn zärtlich „Papa“, singen nach der Teambesprechung die Nationalhymne und halten brav den Zapfenstreich ein. „Coach, wir brauchen nur Disziplin“, sagte Mannschaftskapitän Rigobert Song einmal, „der Rest geht von selbst.“ Die meisten Spieler sind sowieso bei Spitzenklubs in Europa beschäftigt und brauchen keinen Grundkurs mehr in Taktik und Systematik. „Ich gebe ein Stichwort – und sie denken mit“, nennt Schäfer diese quasi sprachlose Kommunikation. Und Co-Trainer Tommy Nkono will darin keinen Nachteil erkennen: „Gesten sind manchmal wichtiger als kluge Worte.“

Winfried Schäfer stammt aus der Eifel, und er hat von dort aus die Fußballwelt erobert. Sie reichte bis Offenbach, Karlsruhe und Mönchengladbach, wo er sich unter Hennes Weisweiler nationale und internationale Meriten erwarb, und nach 408 Bundesligaspielen wurde er das, was sich nach so einer Laufbahn eben anschließt: Trainer. Beim KSC baute er eine fußballerisch bescheidene, aber redlich kämpfende Mannschaft auf und im Vorort Ettlingen ein Haus, wo seine Familie lebt. Auch jetzt noch. In diesem unwägbaren Geschäft weiß man ja nie. Einen afrikanischen Alltag gibt es für Schäfer sowieso nicht. In der Hauptstadt Jaunde steht ein eigens für ihn angemietetes Apartment meistens leer, weil der Nationaltrainer seine Arbeit von Zuhause aus erledigen kann. Zum Beispiel mit regelmäßigen Trips vom Nordbadischen zu seinen Spielern nach Madrid, London oder Lyon.

Um nicht ganz auf sich allein gestellt zu sein, hat Winnie Schäfer zum großen Turnier nach Asien zwei vertraute Menschen mitgenommen: den Masseur und den Arzt, mit denen er schon in Karlsruhe zusammenarbeitete. So kann sich Schäfer wenigstens abends an der Hotelbar ein bisschen unterhalten und zum Beispiel davon erzählen, wie er zum FDP-Sympathisanten wurde und warum er Klaus Kinkel so gut findet, Kinkel, der sich früher, als es dem KSC noch besser ging und er selbst noch Außenminister war, gerne im Karlsruher Wildpark-Stadion hatte blicken lassen.

Ein paar diplomatische Ratschläge könnten Schäfer vielleicht hilfreich sein, wenn sich Kamerun und Deutschland am Dienstag in Japan gegenüberstehen. Denn eine der beiden Mannschaften muss sich nach den 90 Minuten wohl vom Turnier verabschieden. Sollte Kamerun das glücklichere Ende erwischen, hieße es dann: „Ein Deutscher schmeißt die Deutschen raus.“ Wenn Schäfer das sagt, klingt das so, als wäre ihm plötzlich sehr, sehr unbehaglich. Mit Rotwein als Betäubungsmittel wollte er diese Gedanken und die Schlaflosigkeit in der Nacht vor dem Spiel vertreiben: „Aber wenn es sein muss, dann tun wir es, ganz klar.“ Denn Winnie, sagt Winfried Schäfer, ist jetzt ein Löwe.

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