Zeitung Heute : Der Staat ist das Ziel

Eine zweite Front im Nordirak? Sicherung der Erdölzentren Mossul und Kirkuk? Die Amerikaner haben aufgerüstet – zunächst mit Fallschirmjägern. Aber die Lage ist heikel: Die Region wird hauptsächlich von Kurden bewohnt. Die sind mit ihren Nachbarn und sich selbst zerstritten und haben ganz eigene Interessen.

Susanne Güsten[Istanbul]

BRENNPUNKT NORDIRAK

Mit der Landung von tausenden von US-Soldaten in Nordirak zur Eröffnung einer zweiten Front gegen Bagdad haben die Amerikaner gefährliches Gelände betreten – politisch vermintes Gelände. Seit der Entstehung des Irak auf den Trümmern des Osmanischen Reiches nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Lage im Norden des Landes stets von Konflikten, Aufständen, Kriegen und inneren Kämpfen bestimmt gewesen – und vieles spricht dafür, dass sich an dieser Konstante auch nach dem derzeitigen Krieg nichts ändern wird.

Im Auge des Sturms stehen die Kurden, die den Nordirak überwiegend bewohnen. Bestimmt werden die Konflikte durch vier Spannungsfelder: die Beziehungen der Kurden zur irakischen Zentralgewalt in Bagdad, ihre Beziehungen zu den Nachbarstaaten Türkei, Iran und Syrien, ihr Verhältnis zu den anderen Volksgruppen im Nordirak und die ebenfalls spannungsgeladenen Beziehungen der verschiedenen Kurdengruppen untereinander. Noch explosiver werden diese Konflikte wegen des Erdölreichtums der Region: Etwa ein Drittel der irakischen Erdölvorkommen liegt unter dem Nordirak.

Der Konflikt zwischen den Kurden und der Zentralgewalt in Bagdad begann mit dem Ersten Weltkrieg, in dessen Folge die kurdisch besiedelte Osmanenprovinz Mossul dem britischen Mandatsgebiet Irak zugeschlagen wurde. Zwar erkannten die Briten das Recht der Kurden auf Selbstverwaltung theoretisch an, doch blieben sie die Praxis schuldig und entließen den Irak 1932 ohne Lösung der Kurdenfrage in die Unabhängigkeit. Anfang der 60er Jahre brach der erste Kurdenaufstand aus, gegen den Bagdad gewaltsam vorging.

Nie wieder Frieden

Seither ist nie wieder dauerhafter Frieden zwischen den Kurden und Bagdad eingekehrt. In den 70er und 80er Jahren gab es immer neue kurdische Rebellionen, die die irakische Regierung brutal niederschlug. Den Höhepunkt erreichte der Konflikt mit der so genannten Anfal-Kampagne der irakischen Regierung zur ethnischen Säuberung des Nordirak, in der etwa 100000 Kurden starben und die 1988 in einem schweren Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabja gipfelte.

Erst ein weiterer Aufstand brachte die Kurden nach dem Golfkrieg 1991 zum Ziel. Zwar wehrte sich Saddam auch gegen diese Rebellion, aber die Vereinten Nationen richteten daraufhin eine Schutzzone im Nordirak ein, in der sich die Kurden seither selbst verwalten. Bagdad erkannte die Autonomie an, behielt jedoch große Teile des Nordirak unter Kontrolle. Das kurdische Autonomiegebiet macht heute mit 40000 Quadratkilometern die Hälfte des Nordirak aus; die Erdölzentren Kirkuk und Mossul gehören nicht dazu.

Mit dem aktuellen Krieg, in dem sie an der Seite der USA kämpfen, hoffen die Kurden, ihre Autonomie zumindest festigen zu können – und möglichst auch die „verlorenen“ Städte Kirkuk und Mossul zurückzugewinnen. Diese Bestrebungen werden von Nachbarstaaten Türkei, Iran und Syrien, wo ebefalls kurdische Minderheiten leben, alles andere als begrüßt. Sie würden sich durch das Entstehen eines Kurdenstaats an ihren Grenzen bedroht fühlen.

Insbesondere im türkischen Bewusstsein ist der kurzlebige Vertrag von Sevres noch präsent, in dem den Kurden 1920 ein eigener Staat in Aussicht gestellt wurde, der auch anatolisches Gebiet umfasst hätte; aber auch Teheran und Damaskus wünschen kein Kurdistan als Nachbarn. Der Besitz der Erdölschätze von Kirkuk und Mossul, so fürchten diese Staaten, könnte einen solchen Kurdenstaat nicht nur lebensfähig, sondern auch zu reich und zu mächtig machen.

Konflikte mit anderen Irakern

Trotzdem warten viele Kurden auf den Tag, an dem sie nach Kirkuk zurückkehren können, aus dem sie im Zuge der irakischen Arabisierungskampagne zu Hunderttausenden vertrieben worden waren. Nur könnte das auch Konflikte mit anderen irakischen Volksgruppen provozieren. Zum einen dürften sich die inzwischen dort angesiedelten Araber nicht ohne weiteres vertreiben lassen; zum anderen meldet auch die mit Ankara verbündete Volksgruppe der Turkmenen einen Anspruch auf Kirkuk an und will eine kurdische Eroberung der Stadt nicht dulden. Am Donnerstag haben kurdische Milizionäre laut Agenturberichten eine irakische Stellung nahe Kirkuk besetzt.

Skepsis über eine friedliche Zukunft des Nordirak nach dem Krieg ist auch angesichts der Beziehungen der nordirakischen Kurdengruppen untereinander angebracht, denn ein Hort des Friedens war die kurdische Autonomiezone nie. Von Dutzenden teils gewalttätigen Splittergruppen abgesehen, haben sich selbst die beiden führenden Kurdengruppen, die Patriotische Union Kurdistans (PUK) und die Demokratische Partei Kurdistans (KDP), seit der Errichtung der Schutzzone 1991 fast ununterbrochen bekriegt.

Schon kurz nach den ersten und bisher letzten Wahlen 1992 gab es Krach zwischen KDP und PUK über Steuern und Erdölgewinne. 1993 brachen offene Kämpfe aus, bei denen tausende Menschen getötet wurden und die Kurdengruppen mehrfach türkische und einmal sogar irakische Truppen herbeiriefen; 1996 wurde die Region offiziell zwischen den verfeindeten Kurdenparteien aufgeteilt. Erst als sich der jetzige Krieg anbahnte, vereinigten die nordirakischen Kurden ihre Parlamente. Und dann, nur wenige Tage vor Kriegsbeginn legten sie ihre Truppen zusammen.

Die Amerikaner müssen also mit Schwierigkeiten rechnen wenn sie jetzt eine Offensive aus dem Norden beginnen. Denn das Gebiet ist politisch vermint.

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