Zeitung Heute : Der starke Mann in Schwerin

ANDREAS FROST

SCHWERIN .Im zweiten offiziellen Anlauf hat Harald Ringstorff es geschafft.Zwei Tage nach seinem 59.Geburtstag haben die Mecklenburger und Vorpommern die SPD zur stärksten Fraktion im Schweriner Landtag gemacht und den gebürtigen Mecklenburger damit zum starken Mann in Schwerin.Ringstorff hat damit sein Wahlziel erreicht.Mehr wollte er nicht.

Auch wenn die Prognosen der SPD vor der Wahl einen deutlichen Vorsprung versprachen, hat er stets die Erwartungen gedämpft.An ihm kommen nun weder die CDU noch die PDS vorbei.Ob Ringstorff wirklich mit den SED-Nachfolgern zusammenarbeiten wird als künftiger Ministerpräsident, wie die Union es als bereits sicher verkündet hatte, das werden erst die Verhandlungen und dann ein SPD-Sonderparteitag zeigen.Jedenfalls hat offenbar der Anti-PDS-Wahlkampf der CDU gegen die SPD bei den Wählern nicht ausreichend Wirkung gezeigt.

In das Links-Rechts-Schema der altbundesrepublikanischen Sozialdemokratie läßt sich Ringstorff schwer einordnen.Willy Brandt und Helmut Schmidt nennt der promovierte Chemiker als politische Vorbilder.Aber er ist halt ostdeutscher Sozi, hartnäckig, beharrlich und auf die Probleme der neuen Länder fixiert.Im Wahlkampf hat er "mehr Gerechtigkeit, besonders im Osten" und "mehr Arbeit, besonders im Osten" versprochen.

Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit - Mecklenburg-Vorpommerns Quote liegt bei rund 18 Prozent - versteht sich von selbst.Mit mehr Gerechtigkeit spielt Ringstorff auf die "Befindlichkeiten" der Ostdeutschen an, die sich oft zurückgesetzt und als "Menschen zweiter Klasse" sehen.Gewandelt hat sich seit der Wende Ringstorffs Einstellung zum Thema Stasi.Galt ihm damals jegliche Verbindung zum DDR-Schnüffeldienst als suspekt, mag er heute nicht mehr jeden Inoffiziellen Mitarbeiter verdammen.Im Gegenteil nervt ihn, daß zahlreiche "Blockflöten", so Ringstorff, der CDU in Schwerin 1990 und 1994 zur Macht verholfen haben.Da ist der SPD-Mann nachtragend.

1989 war Ringstorff Mitbegründer der SPD in Rostock, 1990 wurde er Landesvorsitzender.Bei der Landtagswahl vor vier Jahren blieb die SPD klar hinter der CDU, Ringstorff wurde Wirtschaftsminister.Im April 1996 galt der "Stänkerer" (Bundesfinanzminister Theo Waigel) als politisch tot.Da hatte sich der Dickkopf in eine Koalitionskrise mit der CDU verrannt, verlor das Kräftemessen und räumte seinen Ministerposten und wurde wieder Fraktionschef im Landtag.Doch seither bekam er die Partei wieder hinter sich.

Harald Ringstorff ist ein detailversessener Kämpfer.Zuhause in dem kleinen Ort Weiße Krug östlich von Schwerin hält er sich mit morgendlichen Runden im See vor der Haustür fit.Politik und Familie trennt er strikt und hält bislang seine Frau Dagmar, eine Pantomimenspielerin, aus seinem politischen Leben heraus.Seine 33jährige Tochter lebt in Berlin.

So richtig aus sich heraus kommt er, wenn er mit seiner knarrigen Stimme Plattdeutsch schnacken kann.Dabei kennt er dann auch keine Parteigrenzen.Sein Widersacher von der CDU, Berndt Seite, mit dem Ringstorff eine tiefe gegenseitige Abneigung verbindet, kann kein richtiges Platt.Aber mit dem muß er voraussichtlich ja auch nicht mehr zusammenarbeiten.Früher hat sich der bullige Mann beim Handball durchgesetzt."Meine Hände waren eigentlich ein wenig zu klein für den Ball", erzählt er.Nun halten diese Hände die Macht in Schwerin in den Händen.

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