Zeitung Heute : Der Störfall als Normalfall

ELFI KREIS

"Korrespondenzen": Schottland ist das Thema der Ausstellungsreihe in der Berlinischen GalerieELFI KREIS"Korrespondenzen", die Fünfte.Nach St.Etienne, Schweden, Florenz und Chicago ist nun Schottland an der Ausstellungsreihe.Die Folge von internationalen Begegnungen im Zeichen des Austauschs junger, zeitge-nössischer Kunst begann 1989.Sie wird von Ursula Prinz, stellvertretende Direktorin der Berlinischen Galerie, stets gemeinsam mit einem Kurator des jeweiligen Landes konzipiert.Für Schottland übernahm Keith Hartley von der Scottish National Gallery of Modern Art Edinburgh die Auswahl. Bis auf Kerry Stewart, die in London lebt, kommen alle schottischen Teilnehmer aus Glasgow.Die Kulturhauptstadt Europas von 1990 erlebt zur Zeit einen lebhaften Aufschwung.Die schottischen Künstler studierten an der Glasgow School of Art.Eine weitere Besonderheit dieser experimentierfreudigen Kunsthoch-schule ist, daß sie neben dem Bereich Bildende Kunst einen Schwerpunkt "Kunst und Umwelt" besitzt.Dies zeigt sich besonders in den Rauminstallationen von Jacqueline Donachie und Nathan Coley.Donarchie ließ sich von der Buchlektüre des schottischen Schriftstellers James Kelman "How late it was, how late", der die brutale soziale Wirklichkeit eines Outsiders der Glasgower Unterschicht zum Thema hat, anregen.Sie hat im kargen Behörden-Stil anstatt eines Wartezimmers ihren "Hoffnungsraum" eingerichtet.Doch im Grunde gleicht auch er einer Endstation Sehnsucht für Hoffnungslose.Coley zeigt eine Diaserie und überlagert sie mit der Textmontage kunsthistorischer Kommentare zu Le Corbusiers Villa Savoye, einer Ikone moderner Architektur.Die Bilder aber zeigen parallel - in bemerkenswert gelungener Korrespondenz des Widersprüchlichen - ein stereotypes Fertig- und Musterreihenhaus in einem gesichtslosen Vorortviertel Glasgows.Daraus resultieren Ironie und Witz, doch enthält sich der Künstler jedes eigenen persönlichen Urteils. Generell heißt es vielfach: Film ab, Ton ab.Monitor oder Projektor läuft.Die (nicht mehr ganz so) neuen Medien und Technologien haben die hier vertretene Künstlergeneration der meist Ende Zwanzig-, Anfang Dreissigjährigen stark beeinflußt.Sie haben den Glauben an die Wahrheit der Bilder längst verloren.Ihre Standortsuche ist von einer tiefgreifenden Skepsis gegenüber der Macht der Medien und den nahe ausschließlich von ihnen vermittelten Weltbildern geprägt.Den Bildern ist nicht mehr zu trauen.Sie lügen (Coley), oder kippen in ihrer Ambivalenz von einem Bedeutungsextrem ins andere.Wie bei der zwischen Sex / Lust in Gewalt / Nötigung changierenden Video-performance von Stephanie Smith und Edward Stewart.Der Störfall gilt als Normal-fall.Nahezu ausschließlich aus einer Hal-tung der Distanz zum eigenen Aussagemit-tel heraus wird gearbeitet.Sei es die nur noch seltene Malerei wie bei dem Schotten Richard Wright, der sein filigranes Linien-system mit flirrendem Fischgrätenmuster minutiös direkt auf die Wand pinselt und den Wesenskern seiner Arbeit in der Aktion sieht.Oder bei den organisch-künstlichen Orna-mentsystemen Christine Krämers.Oder den vom Videomonitor abfotografierten und auf Leinwand gemalten Filmstills des Berliners Johannes Kahrs.Er überträgt sie samt Farbverzerrungen und Bildstörungen, zeigt sie in die Wand eingelassen hinter Glas, um die Distanz zu ihrer multimedial vermittelten Künstlichkeit zu unterstreichen.Gunda För-sters Rundum-Raumprojektion macht die Unmöglichkeit der Wahrnehmung rasanter Bilderflut und die Unsicherheitkeit des zugehörigen Betrachterstandortes sinnlich körperlich erfahrbar.Zu recht aber beanspruchen die Hochfrequenzfotografien von Nina Fischer und Maroan el Sani (Berlin) im Ensenble mit den Figuren von Kerry Stewart (Schottland) den Ausstellungsmittelpunkt.Zweideutig zwischen wissenschaftlich sachlicher Dokumentation und spiritistisch esoterischer Sichtbarmachung des Übersinnlichen.In verlassenen Räumen, einer vom Abriß bedrohten Kneipe im Braunkohlerevier oder in der letzten Tokyoter Sozialsiedlung suchen die Doppelfotografien des Berliner Künstler-Duos die spirituelle Energien der früheren Bewohner bildlich zu fixieren.Kerry Stewart beschwört mit ihren pseudo-naiven, Comic und Kitsch nahestehenden Figurenpuppen Erinnerung an eine Kindheit, die ihre Unschuld verloren hat.Der abgestellte Korb mit dem Baby, der fremde Mann, die seltsam verkrümmte Mädchen-gestalt in ihrer verrenkten Haltung, der leere Umhang erscheinen banal und alltäglich - und schafft doch eine beunruhigende Athmosphäre. Berlinische Galerie, Martin-Gropius-Bau, Stresemannstr.110 bis 4.11.; Dienstag bis Sonntag 10 - 20 Uhr.Katalog 20 DM.

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