Zeitung Heute : Der Stoff, aus dem die Sucht ist

Mehr als 4800 Substanzen stecken in Zigaretten – viele sind krebserregend

Rainer Woratschka

Ministerin Künast will bestimmte Zusatzstoffe in Zigaretten verbieten. Warum nur die Zusatzstoffe – wäre es nicht sinnvoller, Zigaretten an sich zu verbieten, deren krank machende Wirkung doch bekannt ist?

Verboten wird später. Am heutigen Mittwoch stellt Renate Künast zunächst mal die komplette, 1174 Seiten lange Liste aller Zusatzstoffe in Zigaretten ins Internet (www.verbraucherministerium.de). Dazu ist die Regierung nach einer EU-Richtlinie schon seit 2002 verpflichtet. Dass es so lange gedauert hat, will selbst die Opposition nicht nur der Grünen-Ministerin in die Schuhe schieben. Die Hersteller seien ihrer Verpflichtung, die Stoffe aufzulisten, nur sehr zögerlich nachgekommen, ärgert sich auch Gerlinde Kaupa (CSU), die Drogenbeauftragte der Union.

Das Versteckspiel hat gute Gründe: Im Rauch einer Zigarette stecken nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (dkfz) über 4800 Substanzen, von denen mehr als 70 krebserregend sind oder zumindest in diesem Verdacht stehen. Ihre Inhalation gehört nicht zwangsläufig zum Tabakgenuss: Etwa 600 zum Teil hoch problematische Inhaltsstoffe haben die Hersteller bewusst zugesetzt – mit dem Segen der deutschen Politik. „Die in der Tabakverordnung zugelassene Zusatzstoffliste liest sich wie eine Rohstoffliste zur Herstellung krebserzeugender und suchtsteigernder Substanzen für das Produkt Zigarette“, urteilen Heinz Walter Thielmann und Martina Pötschke-Langer in einer dkfz-Studie. „Das Schutzbedürfnis der Verbraucher wurde über Jahrzehnte missachtet.“

Nun mutet die Empörung über die Zusatzstoffe reichlich seltsam an. Dass sein Laster gesundheitsschädlich ist und ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit früher ins Grab bringt, weiß jeder Raucher – und nimmt es in Kauf. Kommt es bei all dem Teer und Nikotin noch auf irgendwelche Zusatzstoffe an? Hier hilft vielleicht der Blick auf die Gründe für die Beimischung.

Optik und Konsistenz. Damit der Tabak länger frisch bleibt, wird Glyzerin zugesetzt. Spezielle Salze sorgen dafür, dass die Zigarette gut abbrennt, Weichmacher erleichtern das Bedrucken des Papiers.

Suchtsteigerung. Die Hersteller senken den messbaren Gesamtnikotingehalt – und erhöhen die so genannte Bioverfügbarkeit des Nikotins durch Ammoniak, Harnstoff oder Soda. Die Folge: höhere Suchtwirkung. Dasselbe Ziel lässt sich mit der Zugabe von Menthol erreichen. Es lindert den Hustenreiz und erhöht das Atemvolumen, tieferes Inhalieren ist möglich.

Geschmackstäuschung. Das scharfe Menthol wird durch Pfefferminze, Kampfer oder Gewürznelken neutralisiert. Zucker, Vanillin, Kakao, Lakritze oder Honig überdecken den strengen Tabakgeschmack. Letzteres zielt vor allem auf das Geschmacksempfinden Minderjähriger. „Das ist wie mit den Alkopops“, sagt Künast. Sie ist sich sicher; Jugendlichen würde der „harte Stoff“ ohne solche Zusätze „niemals schmecken“.

Insofern befindet sich die Ministerin nach Expertenmeinung mit ihrer Liste keineswegs auf einem Nebenkriegsschauplatz. Es geht darum, die Hersteller an zwei Strategien zu hindern: das Suchtpotenzial zu erhöhen und Kindern den Griff zur Zigarette zu erleichtern. Stoffe, die dies beförderten, müssten ebenso wie die krebserregenden Zusätze dann im nächsten Schritt schleunigst verboten werden, fordern die Heidelberger Krebsforscher.

„Gesunde Zigaretten gibt es nicht“, sagt Rolf Hüllinghorst, der Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS), ein Tabakverbot – wie es eifrige Unionspolitiker gefordert haben – sei angesichts der Verbreitung der legalen Droge aber unrealistisch. Laut DHS rauchten in Deutschland im Jahr 2004 trotz deutlichen Rückgangs immer noch 37,1 Prozent der Männer und 30,5 Prozent der Frauen. „Es gibt keine heile Welt“, sagt auch Kaupa. „Das Optimale werden wir nicht hinbekommen.“ Immerhin handle es sich bei der Liste um einen weiteren Schritt, dem nun jedoch schleunigst Verbote folgen müssten – notfalls auch von kompletten Zigarettenmarken. „Wir müssen an vielen Schräubchen drehen“, meint Hüllinghorst. Das wichtigste sei die Tabaksteuer, hinzu kämen Werbe- und Abgabeverbote. Und Raucher sollten eben auch wissen, „dass sie nicht nur Tabak rauchen, sondern noch alle möglichen anderen gefährlichen Stoffe“.

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