Zeitung Heute : Der stolze Schnorrer

Er schuf Frieden für Juden und Araber. Als Bürgermeister von Jerusalem wurde er weltberühmt. Zum Tode Teddy Kolleks

Charles A. Landsmann[Tel Aviv]

Um fünf Uhr morgens stand er auf. Er kleidete sich an und ging hinaus in seine Stadt. Zwei Stunden an fast jedem Tag seiner 28 Jahre währenden Regentschaft reservierte er für diesen Gang. Für die Inspektion seines Reiches. Er machte dann zum Beispiel die Straßenreiniger auf abgebrochene Äste, herausgerissene Blumen, verdreckte Gehwege und von Katzen verstreuten Müll aufmerksam.

Teddy Kollek war Jerusalem. Nicht nur, weil er aus dem geteilten Provinzstädtchen eine vereinigte Metropole gemacht hat. Nicht nur, weil er der heiligen Stadt der drei Weltreligionen internationale Bedeutung verliehen hat. Sondern vor allem, weil Teddy Kollek diese Stadt geliebt hat. Weil er alle ihre Einwohner, ob Jude, Moslem oder Christ, respektiert hat, und weil sie alle ihm mit demselben Respekt geantwortet haben. Er gehört zu den wenigen Menschen, die als Bürgermeister weltweiten Ruhm erlangen. Ehrendoktortitel bekam er verliehen, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

Seit 1965 war Teddy Kollek im Amt und hat seine Stellung danach in weiteren fünf Wahlen verteidigt. Nach jedem Wahlsieg versicherte er wieder, dies sei sein letzter gewesen. Doch vor der nächsten Wahl vergaß er sein Versprechen dann und befand, dass er so lange im Amt bleiben müsse, wie er dazu imstande sei.

Beim Hauptkonkurrenten, dem rechten Likud, stritten sich die örtlichen Größen darum, nicht Kandidat sein zu müssen.

Teddy Kollek war gerade zwei Jahre Bürgermeister von West-Jerusalem, als die israelische Armee im Sechs- Tage-Krieg 1967 den arabischen Ostteil eroberte und die Stadt vereinigte. Es war zu dieser Zeit, als er eine Aufgabe für sich entdeckte, die er für den Rest seines Lebens und weit über die Bürgermeisterzeit hinaus erfüllen würde: den Einsatz für ein friedliches Miteinander zwischen Juden und Arabern. Er stritt für die Verbesserung der Lebensbedingungen der arabischen Minderheit, für Trink- und Abwasserleitungen, Straßenbeleuchtung, Müllabfuhr, Gesundheits- und Sozialdienste. Das waren seiner Meinung nach die besten Argumente, um auch die Araber von einer Einigung der Stadt zu überzeugen. „Ich habe keine Illusionen“, hat er einmal gesagt. „Die Araber werden wir nie zu Zionisten machen können. Aber wenn wir für sie menschenwürdige Bedingungen schaffen, dann sind sie vielleicht bereit, mit uns zu leben.“

Die Ostjerusalemer Palästinenser dankten ihm das mit jahrzehntelanger Ruhe, zumindest mit Verzicht auf Gewalt. Ohne Leibwächter konnte sich Teddy Kollek in ein arabisches Altstadt-Café setzen und sich dort wie ein Mokhtar, ein Dorfältester, die Wünsche und Klagen der „arabischen Mitbürger“ anhören. Er ließ sich von allen beim Vornamen nennen. Für Beschwerden über Schlaglöcher oder Bitten um den Bau neuer Spielplätze war er sogar im Telefonbuch mit der Privatnummer verzeichnet. Und wenn die Vertreter der diversen christlichen Konfessionen in der Grabeskirche sich wieder einmal in die Haare geraten waren – eine andere Geschichte, die er gern erzählte –, dann „haben sie mich, den Juden Kollek, als Schlichter herbeigezogen“.

Es musste erst ein schmutziger Wahlkampf her, um Teddy Kollek aus dem Amt zu heben. Ehud Olmert, der heutige Ministerpräsident war es, der „den Alten“ 1993 mit einer Koalition aus Nationalisten und Ultrareligiösen besiegte; 82 war Kollek damals. Aber mit ebenso großer Verlässlichkeit, wie er zuvor das Rathaus aufgesucht hatte, kümmerte er sich nun um seine „Jerusalem Foundation“. Mit ihr wollte er Jerusalem erhalten und ein besseres Miteinander von Juden, Christen und Muslimen schaffen.

Für diese Stiftung fand er weltweit Unterstützung, auch in Deutschland, von Johannes Rau zum Beispiel oder der Verlegerfamilie von Holtzbrinck, deren Senior mit Teddy Kollek lange befreundet war, und die ihm zu Ehren viele politische und kulturelle Projekte förderte. Hunderte Dollarmillionen brachte Teddy Kollek in die Stadt. Er war der begabteste Schnorrer, den es wohl je gegeben hat. „Ja, ich bin Schnorrer. Ich bin stolz, Schnorrer zu sein. Aber nicht für mich. Nur für Jerusalem. Ich zeig Ihnen mal was“, sagte er einmal bei Staatsbesuch, als er im Stadtmuseum herumstand, das er mit gesammeltem Geld hatte einrichten können, und wartete, bis der Fremdenführer einem hohen Gast die Bedeutung des Hauses erklärt hatte. Dann machte er eine kleine Privatführung. Er kannte die Geschichte jedes einzelnen Museumsstücks, den exakten Preis und natürlich den Namen des Spenders.

Mit dem Schnorren – über das Jiddische längst in die hebräische Alltagsspreche eingegangen – hatte Teddy Kollek aber schon lange vor seinem Jerusalemer Amt begonnen. Vor der Staatsgründung, im israelisch-arabischen Unabhängigkeitskrieg 1948 und danach bei der Aus- und Aufrüstung der neuen Armee war Kollek der Waffenbeschaffer seines Landes: praktisch ohne Geld unterwegs, vor allem in Washington, nicht zuletzt mit Hilfe des Mafia-Bosses Meyer Lansky – und seinem Wiener Charme.

Geboren am 27. Mai 1911 bei Budapest als Theodor Kollek, Sohn eines überzeugten Zionisten und glühenden Verehrers des Zionismusbegründers Theodor Herzl, war Teddy in Wien aufgewachsen. Schon früh engagierte er sich in der zionistischen Jugendbewegung, bis seine Familie 1935 ins damalige britische Mandatsgebiet Palästina auswanderte. Drei Jahre später wurde er in der Organisation „Hechalutz“ tätig, die Juden vor den Nazis rettete. Während des Zweiten Weltkriegs kehrte er deshalb sogar nach Europa zurück. Nach dem Krieg kam Teddy Kollek dann ins israelische Außenministerium und wurde 1950 Israels Botschafter in den USA. Später war er zwölf Jahre lang, von 1952 bis 1964, Amtschef des Staatsgründers und ersten Ministerpräsidenten David Ben Gurion.

Legendär auch sein riesiger Freundeskreis, den er zur Waffenbeschaffung und Wirtschaftshilfe für Israel aufgeboten hatte, und ebenso seine engen persönlichen Freundschaften mit Künstlern aus aller Welt; liebend gern „tratschte“ er über Künstler und Bekannte. Dafür nahm er sich Zeit, sonst war er für seine Ungeduld berühmt, im Rathaus, bei Beamten und der Opposition gar berüchtigt.

Einmal wurde auf dem Stockwerk, auf dem sich sein Büro befand, eine mehrtägige Reparatur vorgenommen. Damals verfrachtete man seinen Schreibtisch ins Untergeschoss – vor die Toiletten. Da saß er also grinsend und sagte: „Das ist wohl die Rache der Beamten für meine Ungeduld.“

Wer sich Teddy Kollek entgegenstellte, musste sich auf einiges gefasst machen. Mit Demonstranten, die sich vor dem Rathaus versammelt hatten, diskutierte er nicht, sondern befahl ihnen über Lautsprecher: „Geht vom Rasen runter, schade um ihn.“ Als der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel wegen seiner Verdienste um Jerusalem geehrt wurde – Kollek: „Vor Ihrem Vater haben wir gezittert und befürchtet, dass er bis Jerusalem durchkommt. Sie aber begrüßen wir als Freund mit offenen Armen“ –, protestierte vor dem Rathaus ein einsamer Ewiggestriger. Kollek wurde wütend. Er, der Hebräisch mit einem starken österreichischen Akzent sprach, schrie ihm zu: „Bis heute wusste ich, dass Sie ein unverbesserlicher Fanatiker sind. Jetzt weiß ich, dass Sie auch ein vollkommener Idiot sind.“

Zuletzt hat Teddy Kollek zurückgezogen in einem Altersheim gelebt. Am Montag ist er im Alter von 95 Jahren gestorben. Nun soll er in der Nähe des Rathauses aufgebahrt und dann auf dem Herzl-Berg beerdigt werden.

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