Zeitung Heute : Der Sultan und die Seinen

TOMAS NIEDERBERGHAUS

Von Dubai nach Muscat / Eine kurze Reise in das Sultanat Oman VON TOMAS NIEDERBERGHAUS

Auf der Dachterrasse eines Nobelhotels in Dubai entledigen sich vier Araber ihrer fliederfarbenen Gewänder, stellen sich in den Pool und plaudern.Unweit entfernt sitzen zwei geschäftige junge Hamburger mit Handys unter Sonnenschirmen.Ein Reisender krault durchs Wasser.Es ist heiß in diesen frühen Abendstunden.Etwa sechsunddreißig Grad.Als der Reisende erschöpft am Beckenrand pausiert, steuern die Araber auf ihn zu."Can you teach us swimming," fragt einer schüchtern.Kurz drauf üben die Männer mit den Armen die Bewegungen des Brustschwimmens, legen dann die Hände auf den Beckenrand und strampeln mit den Beinen."Do it like a frog", sagt der Reisende.Nachdem dann der jüngste der Araber seinen moscheekuppelrunden Bauch auf die Hand des Reisenden legt, um Bein- und Armbewegungen synchron zu üben, zieht der Reisende zuversichtlich die Hand zurück: Der Araber paddelt panisch, taucht unter."Tänk you mister." Enttäuscht ziehen die Vier ab.Das arabische Leben kann bizarr sein.Dubai entwickelt sich rasant.Verschwindend klein ducken sich die Altstadtbauten hinter gigantischen Büro- und Hotelkomplexen.Gäbe es eine Weltmeisterschaft der Bauwirtschaft, Dubai hätte unter der Bürde der Goldmedaillen zu leiden.Doch wo, um Mohammeds willen, ist der Orient? Im Goldsouk bestaunen bis zur Unkenntlichkeit vermummte Araberinnen die blanken Beine junger Russinnen.Mit muskelbepackten Verehrern schlendern sie durchs Shopping-Paradies, kaufen Gold kilo- und Elektroartikel kistenweise.Und manch eine von ihnen verdingt sich hier als Amateurnutte.Einmal muß der Reisende eine Schöne der Nacht von seinen Knien abwehren."Sie sind sehr entgegenkommend", sagt er, "aber an der falschen Adresse".Außer weltoffenen Russen gibt es in Dubai bestens bewässerte Golf-Grünflächen in staubtrockener Wüste, arabische Männer, denen Mobiltelefone an die Ohren gewachsen zu sein scheinen, und Kamele fressen aus Saudi-Arabien importiertes "Alfa-Alfa"-Gras, tippeln auf der Rennbahn vor wetteifernden Scheichs.Der Orient beginnt gleich hinter der Grenze zu Oman.Wirkt nicht die Einreisekontrolle bereits wie eine Episode aus Monty Pythons Film "Das Leben des Brian"? Die Beamten stieren auf die Pässe als seien es unerhörte Aktfotos.Dann ein vermeintlich scharfer Blick in einen Koffer.Alles unter der Obhut einer Zöllnerin, die über ihrem weißen Kopfschleier noch ein blaues Hütchen trägt.Profis könnten hier alle Drogen der Welt schmuggeln.Und irgendwie ist es auch so: Später, beim Picknick in der Oase Nakhl, zieht Frau S.mit verschmitztem Lächeln einen Flachmann aus der Tasche, während sie von ihrer Katze und den beiden afrikanischen Grillen spricht, die ihr ein Hamburger Buchhändler geschenkt hat.Alle trinken.In Nakhl dösen Esel unter der sengenden Mittagssonne.Kinder spielen im Schatten der Palmen."Hello Mister", sagt ein Junge in einem Borussia Dortmund-T-Shirt, einen bonbonsehnsüchtigen Blick auf den Reisenden richtend.Nakhl kennt Touristen.Die Oase ist bekannt für ihre heißen Quellen und für ihre Fe-stung.Etwa 500 dieser Burgen gibt es im ganzen Land, sagt die Reiseleiterin.Als die schönste gilt das Fort Jabrin: ein honiggelbes Labyrinth aus Mauern und Türmen, Treppen und Türen.Um 1670 wurde es gebaut.Beim Anblick der mit islamischen Versen, Ranken und Blüten bemalten Decken, der antiken Möbel und des minimalistisch eingerichteten sogenannten Männerraums stellt sich der Reisende vor, wie zauberhaft das Leben hier einst gewesen sein muß: Als Weihrauch durch die Gassen waberte, der Sultan und seine Mannen es sich mit einer Wasserpfeife gutgehen ließen.Das Fort Jabrin steht in einem Meer silberschimmernder Dattelpalmen, über dem Asphalt der Straße flirrt die Hitze.Dahinter erheben sich die Berge des Al Hajar-Gebirges.Ein Wüstendach, bis 3000 Meter hoch: feinzackig, karg, mal braun, mal schwarzblau.Bunt gekleidete Nomadinnen ziehen durch die Gegend.Und nicht umsonst nennt seine Majestät, Sultan Quabus, sie auch die "Blumen des Gebirges".In den Städten und Oasen sieht der Reisende jedoch vorwiegend Männer.Im Souk der Oase Nizwa beispielsweise, die erstmals im Jahre 630 erwähnt wurde.Der Souk muß schön sein, besonders die Silberwaren.Das zumindest sagt die Reiseleiterin.Zwar riecht es nach Rose und Weihrauch, Kumin und Curry, doch die Händler sitzen vor stockdunklen Verkaufsbuden; es gibt keinen Strom in diesen Stunden.Dem Sultan wäre das sicherlich unangenehm.Denn Sultan Quabus gilt im Oman als treusorgender Staatsherr.Das Wohl der Bürger ist ihm wichtig.Pro Kopf verdienen die Omanis rund 5200 Dollar.Er sei aufgeschlossen aber traditionalistisch und habe einen Sinn für Ästhetik, sagt man dem gutaussehenden Sultan nach.Es gibt rabattengeschmückte Ortseingänge, selbst Telefonzellen und öffentliche Toiletten sind in Form winziger Festungen errichtet.An Neubauten mischen sich moderne Stilelemente mit klassischer arabischer Architektur."Der Sultan hat die Macht, und das macht er gut", denkt der Reisende beim Blick auf den märchenhaften Hotelpalast "Al Bustan".Bis Mitte der 80er Jahre haben an diesem Rand der Hauptstadt Muscat Fischer in einem Dorf gewohnt.Seine Majestät hat alles abreißen lassen, die Menschen in eine Nachbarbucht umquartiert.Inzwischen steht hier so etwas wie die omanische Antwort auf Neuschwanstein.Die Hotellobby: Komponiert aus weißem Mamor, blaugrün gekachelten Mosaiken, Spiegeln, Stahl und Wasser.Gleich rechts hinter dem Portal sitzt ein alter Mann.Vor seinem Dishdash, der langen Männerrobe, steckt ein Krummdolch.Manchmal schwängert der Alte die Luft mit Weihrauch; man sagt, er sei der einstige Besitzer des Hotelgrundstücks.Reliquien aus seiner Zeit sind lediglich noch die Gebetsteppiche und Koranbücher, die in den arabisch und chinesisch eingerichteten Luxuszimmern ausliegen.Ansonsten bildet das Al Bustan eine fast unwirkliche Gegenwelt zu den staubgeplagten, engen Gassen des Souks, zu den verwitterten Holzbooten in der Bucht des Stadtteils Mutrah und den teils welken Fassaden der alten Kaufmannshäuser hinter der Corniche.Mitglieder der schiitischen Khoja-Sekte wohnen dort.Eines Nachts schwimmt der Reisende hinaus in das Schwarz des Indischen Ozeans.Das Plätschern des Wassers durchbricht die Stille.Sterne leuchten am Himmel.Und der Mond wirft ein schwaches Licht auf das Al Bustan.Dahinter zeichnen sich die Silhouetten der Berge ab.Es ist schön im Oman. © 1996 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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