Zeitung Heute : Der Tabubruch von Cottbus CDU und PDS wollen gemeinsam regieren

Sandra Dassler[Cottbus]

Holger Kelch trägt einen zu weiten, schwarzen Anzug. Den Schlips lässt er meist weg. Etikette und spektakuläre Auftritte sind ihm suspekt. Auch sein Werdegang war bislang eher unspektakulär: Elektromonteur im Tagebau, Sachbearbeiter im Straßenverkehrsamt; einer, der sich langsam nach oben arbeitete. Weil die parteilose Cottbuser Oberbürgermeisterin wegen Unfähigkeit abgewählt wurde und er als Beigeordneter automatisch nachrückte, leitet Kelch seit Juni kommissarisch die Geschicke der Stadt.

Mit dem Oberbürgermeisteramt hängt es zusammen, dass Kelchs Name nun für Schlagzeilen wie „Der Sündenfall von Cottbus“ oder „Tabubruch in der Lausitz“ oder „Die Wiederauferstehung der Nationalen Front der DDR“ steht. Am Sonntag ist die Oberbürgermeister-Wahl in Cottbus und Kelch, 39 Jahre, will gewählt werden. FDP, Frauenpartei und eine freie Wählerinitiative unterstützen ihn. Und: die Cottbuser Linkspartei/PDS. CDU und PDS – ganz offen, mit gemeinsamen Leitlinien fürs Regieren? Das gab es noch nicht.

„Vielleicht nicht“, sagt Kelch lächelnd, und zieht genüsslich an seinem Zigarillo. Der Rummel scheint ihn eher zu amüsieren als zu stören. Er sieht die Sache pragmatisch. „Wir haben in der Stadtverordnetenversammlung schon oft mit der PDS gemeinsam gestimmt. In Cottbus liegt so viel im Argen, dass wir uns keine ideologischen Grabenkämpfe mehr leisten können.“ Noch immer ist der Etat für 2006 nicht genehmigt. Bis 2010 werden die Schulden auf 250 Millionen Euro wachsen. Knapp 20 Prozent Arbeitslosigkeit und die Abwanderung junger Menschen – auch das sind Probleme. Das alles hat Kelch im August seinem CDU-Landeschef Jörg Schönbohm erklärt. Der war zwar zunächst nicht völlig gegen das kuriose Bündnis. Doch als im Landesvorstand und der Bundespartei immer schärfere Fragen gestellt wurden, schwenkte er um und verurteilte den Plan, deutlich. Dabei blieb es.

Nicht nur Kelchs eigene Partei hat leicht panisch auf die Aussicht eines schwarz-dunkelroten Bündnisses reagiert. Da dieses von 38 der 51 Stadtverordneten unterstützt wird, ersetzte die SPD ihre ursprüngliche Kandidatin durch ein Mitglied der brandenburgischen Landesregierung: Verkehrsminister Frank Szymanski, er stammt aus Cottbus. Gegen dessen Bekanntheit und Eloquenz, so hofften die Genossen, habe Politneuling Kelch keine Chance. Szymanski selbst schien nicht ganz so überzeugt. Er hat sich lange geziert – und so halten sich in Cottbus hartnäckig die Gerüchte, man habe dem Minister in Potsdam die Pistole auf die Brust gesetzt, um erstmals nach der Wende einen SPD-Mann ins Cottbuser Rathaus zu bringen.

Überhaupt wurden in diesem Wahlkampf immer mal wieder Gerüchte unters Volks gebracht. So auch die Vorwürfe gegen Kelch, er habe ein Mehrfamilienhaus von der städtischen Wohnungsgesellschaft zum Vorzugspreis und ohne saubere Ausschreibung erhalten. Für Kelch steht fest, dass die SPD hinter den Anschuldigungen steckt – ein Grund mehr für seine ausgeprägte Abneigung gegen die Sozialdemokraten. Den Cottbuser PDS-Chef Jürgen Siewert dagegen, einen Mann mit Pferdeschwanz und Künstler-Habitus, bezeichnet Kelch als Freund und engen Vertrauten. Beide machen keinen Hehl daraus, dass sie das Bündnis einst in Siewerts Kneipe „erdacht“ haben.

Dort wollen sie am Sonntag auch feiern. Wenn Kelch gewinnt. In den Umfragen lag meist Szymanski vorn, er ist der bessere Rhetoriker. Doch Kelch hat sich bei seinen öffentlichen Auftritten geschickt als solider Arbeiter in Szene gesetzt. Ein Typ, der im postproletarisierten Osten immer noch gut ankommt. Die Frage, die sich viele stellen, ist, wie lange die zarte schwarz-rote Liebe wohl hielte. Denn mühseliger als der Wahlkampf in Cottbus ist wohl nur das Regieren in Cottbus.

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