Zeitung Heute : Der tägliche Berlinale-Spot

CHRISTOPH AMEND

Wie Kinder vorm Bahnhof Zoo.Wir stehen jetzt da, weil die Berlinale endlich losgegangen ist mit großem Tamtam, und wir schauen, und wir staunen.Über das offizielle Plakat zu Deutschlands größtem Filmfestival beispielsweise, das Plakat, das Sie hier links in der Kolumne sehen und auch sonst überall in der Stadt.Wie es daherkommt, eingefärbt in ein Türkis-blau, das an die Anzüge von Don Johnson in "Miami Vice" erinnert.Und so wie der Plakat-Mensch diese Wave-Frisur von 1986 trägt, könnten wir fast glauben, das Comeback der achtziger Jahre habe endlich auch die Berlinale erreicht.Wir haben sofort nachgesehen im Programm, doch von den Achtzigern war nichts zu sehen, keine Retrospektive, nichts.Nichts, bis auf ein Photo von 1982, das Festivalleiter Moritz de Hadeln auf einer Party mit Gentleman James Stewart zeigt und Rainer Werner Faßbinder, der seinen Goldenen Bären für "Veronika Voss" abgeholt hatte.Mensch, waren das Zeiten, damals in den Achtzigern! Und heute? Mäkelt ein Herr Naumann an der Berlinale herum und sagt, sie sei zu provinziell.Zu altbacken.Wie Herr Naumann daraufkommt? Vielleicht hatte er sich gerade das Plakat angesehen.

Gestern ging es an dieser Stelle ums Wetter.Richtig so, alle reden darüber.Michael Ballhaus übrigens auch.Der berühmte deutsche Kameramann in Hollywood ist zur Zeit privat in Berlin und hat dem "Spiegel" erklärt, warum viele Stars ihr Kommen ankündigen, um dann doch wieder kurzfristig abzusagen.Das Wetter ist schuld, meint Ballhaus.Venedig und Cannes hätten den Sommer auf ihrer Seite.Und Berlin? Hier aber schneit es gelegentlich, und der Wind bläst den Besuchern ins Gesicht, auf daß sie in die Kinos flüchten, um sich aufzuwärmen.Nehmen wir mal an, Kino sei wie Sport: Dann finden die Olympischen Sommerspiele in Cannes und Venedig statt und die Winterspiele in Berlin.Die Wetterexperten prophezeien jedenfalls Schneefall für die nächsten Tage und Temperaturen um den sogenannten Gefrierpunkt.Hui! Regisseure von nicht ganz so gelungenen Filmen sollten sich also warm anziehen: Anstelle von faulen Tomaten könnten Schneebälle fliegen.

Und der Schnee über Berlin macht die Sache auch leichter, falls ein paar Stars doch nicht kommen.Das Wetter, werden die Filmagenten sagen und irgendetwas von Flugzeugen aus Los Angeles brummeln, die nicht landen konnten wegen des vielen Schnees auf den Pisten von Tegel.

Und wir? Wir schlagen die Mantelkrägen hoch, stehen da und schauen zum Himmel.Dorthin, wo Bruce Willis, Meryl Streep, Nicolas Cage, Harvey Keitel, Nick Nolte und die anderen Stars herkommen sollen.Wir stehen hier und freuen uns.Wir Kinder vorm Bahnhof Zoo.

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