Der Tag, an dem … : … der Rauch vergeht

Von der Stunde null weiß man, dass sie den Neuanfang markiert. Gestern war die Stunde null, wurde Tabula rasa gemacht, ein radikaler Einschnitt vollzogen, eine Zäsur geprägt. Heute ist Tag zwei der Diktatur. Sage später keiner, er habe nichts gewusst, nichts geahnt von dem Moment, der das Volk entzweite. Auf der einen Seite sind die, die draußen stehen in der Kälte, im Schneetreiben, im Matsch, in Sturm und Wind, Verdammte dieser Erde. Um es genauer zu sagen, der amerikanischen Erde und der ihrer Vasallen. Italiener, Spanier, Engländer, Franzosen, Iren, nun auch Deutsche. Auf der anderen Seite sind die, die im Warmen sitzen. Das sind die Diktatoren. Am Tag vor der Stunde null hat es Szenen gegeben, in denen sich die Diktatoren schon an ihrer künftigen Macht berauschten, „Bah!“, riefen sie den Verdammten zu, „Bah!“ und „Weg mit euch, Geschmeiß! Abschaum!“ Eine dieser Diktatorinnen saß in einem Berliner Ausflugslokal, der Hass geiferte ihr die Lefzen runter, „Bah!“, rief sie und mampfte dabei ihren Karpfen. Die Gäste am Nebentisch, die durch ihr Karpfenessen im öffentlichen Raum einer passiven Fischvergiftung ausgesetzt waren, waren ihr schnurzegal. „Bah!“, rief sie, „Weg mit euch, Geschmeiß! Abschaum! Raucher!“

Und nun stehen sie draußen, die Raucher. Drücken sich frierend aneinander, und schauen weg, wenn sie die hasserfüllten Blicke der Nichtraucher von drinnen treffen. Oder sie stehen verstohlen und mit schlechtem Gewissen um die Wärmepilze herum, die wohl wärmen im Sturm. Aber: Nun haben wir, denken die Raucher, jahrhundertelang drinnen die Luft und die Lungen unserer Mitmenschen verpestet, nun verpesten wir mit diesen Wärmepilzen auch noch draußen die Luft. Und: Wir sind wie die 68er, denken die Raucher, wir sind an allem schuld. Wir sind Dreckschleudern, schlimmer als jedes chinesische Kohlekraftwerk, dreimal gefährlicher als auch nur ein einziges Sport Utility Vehicle, eigentlich dürften wir gar nicht rein in die Umweltzone. Denken die Raucher. Und mehr noch. Wie sie so dastehen, die Raucher, draußen vor der Tür, reden sie miteinander, sprechen, erst flüsternd, leise, dann nach zwei, drei Bieren werden sie in ihren Rauchpausen lauter, lachen womöglich noch, albern herum, vergessen ihre Schuld, draußen vor der Tür in der Kälte, das Lachen schallt hoch, dringt in Wohnungen ein, stört die Nachtruhe anderer Mitmenschen, die nicht mehr Fernsehen können und die Polizei rufen müssen wegen andauernder Ruhestörung. Dann endlich wird den vermaledeiten Rauchern das Rauchen vergehen.uem

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar