Der Tag, an dem … : … der Sex gesegnet ist

Es gibt zurzeit bekanntlich ein wenig Wirbel in der katholischen Kirche in Deutschland, weil der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, kaum dass er im Amt war, in einem Interview mit dem „Spiegel“ das Zölibat der Priester zwar als „ein Geschenk“ bezeichnet hat, das jedoch letztlich „theologisch nicht notwendig“ sei. Theologisch gesehen ist das hier wahrscheinlich ein wenig schmalspurig, doch der Gedanke liegt zumindest nahe: Donnerwetter, da hat sich aber einer flugs mal mit den relevanten Dingen des Lebens beschäftigt – natürlich: mit Sex.

So häufig tut das die Kirche ja normalerweise nicht – und wenn, dann geht es bei nämlichem Thema eher darum, mit Anstand durch die Mühen der Ebene zu pflügen, in der langen, langen Zeit danach. Sex als Quell irdischer Freude und Zufriedenheit ist selten im geistigen Angebot.

Die Relevant Church (sic!) in Ybor City (Florida) hat dieser Tage, nun ja, den Spieß umgedreht. Aufgeschreckt durch den Umstand, dass das Seelenheil ihrer Schäfchen anscheinend durch eine gewisse erotische Unorganisiertheit nachhaltig aus dem Gleichgewicht zu geraten droht, sind die Kirchenmänner zu der Überzeugung gekommen: „Die Leute haben nicht genug Sex.“ Schon „Genug ist nicht genug“ – das wissen wir ja hierzulande spätestens seit den Zeiten von Konstantin Wecker, verwarfen im Lauf der Jahre die Zeile als einschlägige Handlungsanweisung aber mangels präziser Angaben. War Wecker eigentlich je in Ybor City? Und ist er den Leuten von der Relevant Church dort auf den Nämlichen gefallen oder hat er sie am Ende gar inspiriert? Egal. Der örtliche Pfarrer jedenfalls ist zu der Überzeugung gelangt, dass es beim Sex offenkundig ohne konkrete Zieldaten nicht geht. Die verheirateten Gemeindemitglieder hat er deshalb dazu verdonnert, in den kommenden 30 Tagen täglich miteinander zu schlafen. Das scheint ein wenig dem christdemokratischen Prinzip „Leistung muss sich wieder lohnen“ entlehnt, andererseits aber auch viel verlangt, wenn wir hier ausnahmsweise mal den spontanen Kollegenausruf „Das schafft doch keiner!“ zitieren dürfen.

Wahrscheinlich tun sich selbst Singles schwer mit den Vorgaben der Relevant Church: Die nämlich sollen sich im gleichen Zeitraum „über ihre Illusion und die Bedeutung einer gesunden Beziehung“ klar werden. Wohlgemerkt: Anstatt! Erzbischof Zollitsch würde in diesem Fall vermutlich von „Geschenk“ sprechen. Vbn

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