Der Tag, an dem … : … die Avatare in den Wahlkampf eingreifen

Man kann Guido Westerwelle sicher viel nachsagen, eine übergroße Scheu vor laufenden Kameras aber bestimmt nicht. Einmal, das ist aber nun auch schon ein paar Jahre her, hat sich der FDP-Chef im Dienst der liberalen Sache sogar wacker durch eine Talkshow gequält, obwohl ihm die ganze Zeit kotzübel war und er anschließend mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht werden musste. Gut möglich, dass Bundestagspräsident Norbert Lammert genau diese Episode im Gedächtnis, nun ja, hochkam, als er sich vor kurzem für einen zweijährigen Talkshow-Stop seiner Parlamentsschäfchen aussprach. Aus der Sache wird wohl nicht viel werden, aber bitte, man wird ja noch träumen dürfen.

Nie, nie, nie, selbst in seinen wildesten Zeiten nicht, hätte Guido Westerwelle indes den umgekehrten Weg gewählt, jenen, den dieser Tage der römische Oppositionspolitiker Gustavo Selva einschlug – nämlich, sich mit Blaulicht ins Studio fahren zu lassen. Weil die Straßen verstopft, ein Taxi nicht zur Hand und Selva in Gefahr war, ein verabredetes Fernsehinterview zu verpassen, hatte der Senator am Wochenende wegen angeblicher Herzprobleme einen Krankenwagen geordert. Der gerufene Notarzt sollte ihn zu seinem Kardiologen bringen, die angegebene Adresse entpuppte sich dann aber als die des TV-Senders. Ob das Interview für besondere Wellen gesorgt hat, ist nicht bekannt, das Drumherum indes schon – Italiens Öffentlichkeit diagnostizierte bei Selva einen Fall von erheblich fortgeschrittener Mediengeilheit.

Ein Fall, den in Japan der Abgeordnete Kan Suzuki wahrscheinlich nur asiatisch-müde belächeln wird. Kan Suzuki hat dieser Tag für die im Juli anstehenden Parlamentswahlen ein Wahlkampfbüro in der virtuellen Welt von Second Life eröffnet – mit den in dieser Scheinwelt herumgeisternden Avataren will Suzuki in den kommenden Wochen über Politik diskutieren. Dagegen wäre im Prinzip nix zu sagen, Politik balanciert bisweilen ja ganz gewaltig zwischen Schein und Sein – und so manches neue Denken entsteht erst in neuer Umgebung, ob die nun real existiert oder nicht, ist letztlich auch egal. Suzukis Pläne indes kollidieren ganz erheblich mit dem japanischen Wahlgesetz, das vor gut 50 Jahren erlassen wurde, recht rigide ist und Wahlwerbung im Wesentlichen auf Postkarten und Flugblätter beschränkt. Vom gemeinen Avatar wusste man noch nichts.

Mag sein, Suzuki muss sein Büro in Second Life bald wieder dichtmachen, vielleicht vermietet er es ja. Wäre interessant, wer dann das Rennen macht – Gustavo Selva oder Guido Westerwelle? Vbn

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