Der Tag, an dem … : … die EU das Saufen befördert

Es ist nun schon seit Jahren zu beobachten, dass sich das Trinkverhalten der Deutschen extrem verwandelt hat. So ist es keineswegs mehr verpönt und auch nicht Ausdruck einer gescheiterten Existenz, in aller Öffentlichkeit billigen Rotwein, ja sogar Rum zu saufen. Es ist ein Massenphänomen, nicht sonderlich appetitlich, aber, was soll man erwarten, wenn nur eine einzige Voraussetzung für die gesellschaftliche Achtung erfüllt werden muss? Der Rotwein muss erhitzt sein, dann nennt man das Gelage Adventszeit.

Eine temporäre Erscheinung mithin. Es mehren sich jedoch die Fälle, in denen Menschen beobachtet wurden, die sich hemmungslos und in aller Öffentlichkeit der Flasche hingaben. So wurde kürzlich ein Mann gesichtet, im Münchner Flughafen. Der Mann ist Autor, ein Mann von Esprit, Ausdruckskraft und Verstand. Seriös, berühmt, nicht nur in seinen Kreisen, hochgeachtet und geehrt. Der Mann war im Anzug. Was ihn nicht hinderte, eine Flasche Schampus an den Hals zu setzen. Ohne Glas. Er hatte einfach den Korken fahren lassen und losgelegt. Schluck für Schluck, bis der ganze schöne Schampus die Kehle hinuntergeronnen war. Dann schritt der Mann gut gelaunt durch die Sicherheitskontrolle.

Das neue Phänomen hat noch keinen Namen, nennen wir es das Check-in- Saufen. Unser Autor hatte einen Preis verliehen bekommen für eines seiner Werke. Zum Preis gehörte eine Flasche Champagner, aber angereist war der Herr nur mit Handgepäck. Was also tun bei den Sicherheitsbestimmungen, die eine solche Menge Flüssigkeit nur im Bauch des Flugzeuges oder im Bauch des Besitzers zulassen? Auch gehört es sich nicht, Geschenke einfach ans Bodenpersonal weiterzuschenken.

Ob die EU bedacht hatte, dass ihre Flugsicherung den Alkoholismus befördert? Schwer vorzustellen, aber es ist so. Nun mag man den exzessiven Champagnergenuss eines preisgekrönten Autors noch als stilvoll erachten, Autoren haben ja etwas bohemehaftes, und die Boheme ist per definitionem hedonistisch. Was wäre, wenn die Dosis steigt? In Nürnberg wurde gerade ein Herr am Einsteigen gehindert, der einen Liter Wodka im Handgepäck lagerte. Auch dieser Herr war sich seiner Verantwortung für das brisante Gesöff durchaus bewusst und wollte es nicht leichtfertig aus der Hand geben. Die Wirkung eines Liters Wodka ist indes ungleich gehaltvoller als die der gleichen Menge Schampus. Der Herr war anschließend fluguntauglich. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann jemand mit einem Kessel mit heißem Rotwein ins Flugzeug will. uem

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben