Der Tag, an dem … : … die Grippe kommt

Atlantische Tiefausläufer führen auch in den nächsten Tagen milde bis sehr milde Meeresluft nach Deutschland. Die Temperaturen steigen bis auf 13 Grad. Regen und Sturm aber nehmen gegen Ende der Arbeitswoche zu. Sehr unschön ist dies alles für einen Teil der Bevölkerung, sehr ungemütlich, ja, geradezu extrem genussfeindlich. Anders ausgedrückt: Bei dem herrschenden Sauwetter holt man sich den Tod beim Rauchen, draußen vor der Tür.

Der große Tag rückt unaufhaltsam näher, dann schlägt es zwölf, und schwupps sind alle Kneipen rauchfrei. Es mehren sich indes die Zeichen des Missmuts. Wer jetzt mal wieder darauf verweist, dass dergleichen Raucherinquisition doch auch problemlos in Italien oder England über den Tresen gegangen ist, dem sei ein für allemal der geografische und soziologische Unterschied dargelegt: In Italien ist es wärmer, Italien ist besser geeignet, draußen zu rauchen.

Die Engländer – man kann das bei jedem beliebigen Fußballspiel beobachten – neigen ohnehin dazu, bei Wind und Wetter mit nacktem Oberkörper rumzulaufen. „Walk on, through the wind, walk on, through the rain“, heißt es in einem ihrer bekanntesten Lieder.

Unsereins aber steht draußen vor der Tür, schlotternd, frierend, nass bis auf die Haut, ein rauchender Tropf. Was nützen die Decken, die die Wirte vor die Tür gelegt haben, wenn es von oben schüttet? Was nützt die Markise, wenn der Wind um die Ecke pfeift, dass die Zigarette kaum angeht?

Es wird kommen, wie es kommen muss. Wir werden uns an ein neues Krankheitsbild gewöhnen müssen, an die Rauchergrippe, Influenza nicotiniensis. Mit der sitzt man prustend und schniefend im Büro, und dann fragt die reizende Kollegin: „Himmel, du armer Kerl, wo hast dir das denn eingefangen?“ Man wird antworten, „war nur eine rauchen“, und das Mitleid der reizenden Kollegin wird sich umgehend sozusagen in Rauch auflösen. Was es für betriebs- und volkswirtschaftliche Auswirkungen hat, wenn sich 17 Millionen deutsche Raucher mit der Rauchergrippe ins Bett legen müssen und krankmelden, ist noch nicht abzusehen. Zumal es oft die kreativsten Köpfe sind, diese Raucher.

Es ist natürlich auch bei der Influenza nicotiniensis wie immer: Es gibt auch eine Kehrseite. Die Rauchergrippe dauert mit Medikamenten eine Woche, ohne Medizin sieben Tage. In der Zeit liegt man im Bett, steht aber nicht vor Kneipen rum, man röchelt und prustet zum Gotterbarmen, raucht allerdings nicht. Eine Woche oder sieben Tage Entwöhnung, das ist doch mal ein Anfang, um wieder ins Warme und Trockene zu kommen.uem

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