Der Tag, an dem … : … die Nase läuft

Wir sind nicht allein. Wir sind viele. Wir werden täglich mehr. Wer wir sind ist egal, man erkennt uns an unserem Tun. Wir wollen es nicht tun, aber wir müssen. Es ist eine Art innerer Zwang, etwas von innen will nach außen. Und dann tun wir es: Wir schnäuzen, schniefen, rotzen, husten, schleimen, spucken, tränen, bellen, keuchen, röcheln. Es ist zum Gotterbarmen, alle Welt ist erkältet. Erkältet? „Erkältet ist gar kein Ausdruck“, lautet die heisere Antwort auf eine entsprechende Frage, und „so schlimm war es noch nie.“ Wie gesagt: Und wir werden täglich mehr. Nein, es liegt nicht am Wetter, nicht an den nasskalten Schneerudimenten auf den Wegen und Straßen, es liegt nicht am Wind, der uns peitscht, nicht am Rauchverbot, es liegt auch nicht an der Jahreszeit oder der Schwächung des Organismus durch die weihnachtliche Völlerei.

Es liegt an der verfluchten Pharmaindustrie. Sie ist es, die uns seit Jahrzehnten, ja Jahrhunderten Grippewellen beschert, grausame, die Volkswirtschaft belastende Grippewellen, Virenattacken von gigantischem Ausmaß, gegen die nichts hilft außer Tempotüchern, tonnenweise Zellstoff. Weswegen sich die Pharmaindustrie nicht nur an unseren Nasen und Schleimhäuten versündigt, sondern auch am Regenwald. Dessen Abholzung trägt auch zum Klimawandel bei, der wiederum die Wetterlage beeinflusst, die ihrerseits instabil ist, was uns erkältet macht. Es ist ein Teufelskreis der Influenza. Oh, diese verfluchte Pharmaindustrie, zum Beispiel die aus den USA. Die gibt fast doppelt so viel für Werbung aus wie für Forschung. 2004 waren es, einer Studie zufolge, 57,5 Milliarden Dollar gegenüber 31,5 Milliarden für die Forschung. Es ist klar, dass so kein gescheites Grippemittel entwickelt werden kann.

Nun kennt man dieses Phänomen unter den Stichworten, dass Klappern zum Handwerk gehört und besser geklotzt werden sollte als gekleckert, aber es sind unsere wunden Nasen, die laufen, und nicht die der verfluchten Pharmaindustrie. Fast doppelt so viel für Pröbchen und Anzeigen, fast doppelt so viel für den Schein, fürs Marktgeschrei, fürs Ballyhoo statt für Linderung. Womit klar sein dürfte, dass es der Pharmaindustrie in keinster Weise um unsere Gesundheit geht, sondern nur um unser Geld. Statt dass wir mit freiem Atem und fröhlichem Lachen durch verschneite Winterwälder laufen, mit klarem Blick und sauberer Nase, stattdessen schniefen, schnäuzen, schleimen und husten wir. Wir fordern ein wirksames Grippemittel, wir fordern Forschung. Aber pass gut auf, Pharmaindustrie: Wir sind nicht allein, wir sind viele.uem

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