Der Tag, an dem … : … ein Falke zur Taube wird

Erinnert sich noch jemand an Boris Jelzins Stockholmer Rede? Bald zehn Jahre ist es her, als der russische Präsident in Schweden des Krieges gedachte, den beide Länder Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gegeneinander geführt hatten. Als er Deutschland und Japan zu Atommächten erhob. Als er die schwedischen Arbeiter zur Revolution aufrief, weil ihre Regierung zu wenig mit russischem Gas heize. Was man halt so sagt als einer der mächtigsten Männer der Welt.

Die Welt war, nun ja, ein wenig irritiert. Boris Jelzin litt unter einem gesundheitlichen Problem, unter dem viele Menschen leiden, aber nur wenige von ihnen haben Befehlsgewalt über atomare Sprengköpfe. Darüber hat sich die Welt so ihre Sorgen gemacht.

Wir machen jetzt einen großen Sprung. Vom Dezember 1997 in den September 2007, von Stockholm nach Sydney, von Boris Nikolajewitsch Jelzin zu George Walker Bush. (Er soll in jungen Jahren unter einem ähnlichen Problem gelitten haben wie Jelzin in seinen späten, aber das tut hier nichts zur Sache.) Der amerikanische Präsident also war zu Gast beim australischen Ministerpräsidenten John Howard, dem er gleich mal bescheinigte, was für ein guter Gastgeber für die Opec-Konferenz er doch sei. Howards irritierten Blick konterte Bush damit, das sei natürlich ein Scherz gewesen, der Opec-Gipfel finde ja erst im nächsten Jahr statt, er wolle sich nur schon mal für die Einladung bedanken.

Und wieder hielt die Welt für einen Moment den Atem an. Bush als dankender Gast beim Kartell der ölexportierenden Staaten? Das ist eine ziemliche Sensation. Die Opec wird getragen von Staaten wie dem Iran und Libyen, denen die USA bisher eher distanziert gegenüberstanden, auch Venezuela gilt aus amerikanischer Sicht nicht gerade als Leuchtturm der Freiheit, seit es von Hugo Chavez regiert wird.

Was soll man halten von George W. Bush? Von wegen lame duck! Wie ein Täuberich umgarnt der einstige Falke alle bösen Achsen. Annäherung an Gaddafi, Aussöhnung mit den Mullahs, panamerikanische Verbrüderung mit Chavez – Kompliment, Mr. President, hätten wir Ihnen nicht zugetr…

Halt, stop, aus. Großes Missverständnis. Es tagte in Sydney nicht die Opec, sondern das Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsforum, kurz: Apec. Kann ja mal passieren nach so einer langen Reise. Selbstverständlich ist dem Präsidenten der Fehler aufgefallen, und genauso selbstverständlich hat er sich stilsicher aus Australien verabschiedet. Mit besten Grüßen an die Austrian soldiers, die braven österreichischen Soldaten im Irak. gol

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