Der Tag, an dem … : … es kein Elend mehr gibt

Helmut Schümann

Jude Law, der Schauspieler, soll jetzt auch einen Fotografen vermöbelt haben. Passiert ja öfter, dass bekannte Menschen, deren Job es ist, gefilmt und abgelichtet zu werden, auf die Ablichter einprügeln, auf dass ihnen das Licht ausgeht. Warum? Wahrscheinlich meistens, weil sie im Foto von sich selbst so eine Art Bildnis des Dorian Gray fürchten, die schreckliche Fratze der finsteren Seele, vielleicht auch nur die Verformung der alkoholisierten Gesichtszüge.

Es gibt gleichwohl ein paar Menschen, die halten es mit den Ava Guarani, den Ache oder den Ayoreo, Indianerstämmen in Paraguay, und glauben, dass sie verschwinden, wenn sie fotografiert werden. Klick und weg, so ähnlich. Ein Aberglaube, ein Irrglaube, gewiss, fußend möglicherweise auf einer tief verwurzelten Abneigung gegen das Präfix Ab – wie in Ablichter – aber eben auch wie in Abdecker. Die Erfahrung lehrt indes, dass noch niemand dauerhaft verschwunden ist, nur weil er oder sie fotografiert worden ist. Manchmal ist das schade.

Kurzer Themenwechsel, wirklich nur kurz: Das Prinzip der Sonnenuhr kennt jeder. „Mach es wie die Sonnenuhr, zähl’ die heitren Stunden nur.“

Zurück zum Fotografieren. In Japan hat gerade die Firma Sony das Prinzip der Sonnenuhr mit den Nöten der Ablichter-Phobiker vereint. Noch in diesem Monat soll die „Cyber-Shot T“-Kamera auf den Markt kommen, ein Fotoapparat mit einem sonderbaren Auswahlknopf. Mit diesem kann man nämlich „Lächeln“ einstellen und dann fotografiert der Apparat nur noch fröhliche, lachende Menschen. Griesgrame? Gibt es nicht mehr, ausgeblendet, klick und weg, zähl die heitren Menschen nur. Es sind auch Sub-Einstellungen möglich: breites Grinsen, scheues Lächeln, brüllendes Gelächter. Die schreckliche Fratze der finsteren Seele, die peinliche Verformung der alkoholisierten Gesichtszüge? Was man nicht sieht, ist auch nicht da. Das wird eine Welt, nur noch fröhliche Menschen, keine Sorgen, kein Kummer, kein Elend, kein Leid, all der miese Kram – vom Ablichter aussortiert, eliminiert, liquidiert. Schlechte Laune? Braucht kein Mensch.

Auch auf die Gefahr hin, gleich wieder als Kulturpessimist beschimpft zu werden und als Spaßgesellschaftsmisanthrop zu gelten, sei dennoch an das Schicksal von Oscar Wildes Realitätsverweigerer Dorian Gray erinnert. Der schöne Dorian hält’s irgendwann nicht mehr aus, zieht durch die Opiumhöhlen Londons, zerfetzt sein Bildnis und damit sich. Und was ist mit der Sonnenuhr? Wenn’s regnet, steht die Uhr still. Und der Mensch mit langem Gesicht davor.

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