Der Tag, an dem … : … Pfadfinder feiern

Eine Anekdote geht so: Da war ein Amerikaner auf Besuch in London, und er verirrte sich im dichten Nebel im Straßengewirr. Ein unbekannter Junge nahm sich seiner an, führte ihn durchs Dickicht der Großstadt, und als der Amerikaner ihn entlohnen wollte, lehnte der Junge mit den Worten ab: „I’m a Scout.“ Was man nicht übersetzen muss, aber in etwa das meint, was man als Gebot einer tugendhaften Jugend kennt: Jeden Tag eine gute Tat! Der Amerikaner kehrte jedenfalls heim und gründete die amerikanische Pfadfindersektion.

Gibt es eigentlich noch Pfade? Pfade ja, aber müssen die noch gefunden werden? Heute, genau vor hundert Jahren, begann unter Anleitung des britischen Generals Robert Baden-Powell das weltweit erste Pfadfinderlager. Wahrscheinlich hatte es schon am Vorabend stattgefunden, da waren 22 Jungen angereist zum Zeltlager, und mit Sicherheit haben sie ein Lagerfeuer gemacht, weil Pfadfinder ohne Lagerfeuer gar nicht denkbar sind. Damals gab es gewiss noch Pfade zu finden, im Wald, in der Stadt, im Leben. Aber heute? Kurz Google Earth aufgerufen, ein bisschen gezoomt, schon leuchtet der Pfad klar ersichtlich auf dem Bildschirm. Außerdem gibt es Navigationsgeräte.

Aber mit den Pfadfindern verhält es sich wahrscheinlich genauso wie mit der Heilsarmee. Die hatte ja nie vor, einen Krieg zu führen, nicht mal einen zu spielen, die heißt nur Armee. Die Pfadfinder hatten auch nie wirklich vor, Pfade zu finden, sondern nur ihre Pflicht gegenüber Dritten, gegenüber sich selbst und gegenüber Gott, oder irgendjemand anderen, der da so wacht auf der Welt, zu erfüllen. Auch waren sie immer offen für alle Nationalitäten, für jeden Glauben und politisch unabhängig. Durchaus ehrenwert die Sache, und nur immer dann zu belächeln, wenn so ein arg in die Jahre gekommener Pfadfinder seine Pflicht beim Waldspaziergang immer noch mit kurzer Hose und Halstuch nachkommt. Und dennoch, wirken sie nicht in Gänze etwas außer der Zeit, diese Pfadfinder, auch wenn es weltweit immer noch über 38 Millionen davon gibt? Der Pathfinder so heißt ein japanisches Auto; ein anderer Pathfinder sondierte den Mars, computergesteuert; es gibt den Pfad in der Computergrafik, und da setzt sich der Pfad aus Kurvenzügen zusammen, den sogenannten Bézierkurven. Auch kennt nahezu jeder den Computerpfad: etwa http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Titelseite;art692,2348925. Man wird zugeben müssen, dass solchen Pfaden nur sehr, sehr wenig romantisches anhaftet. Auch sind Lagerfeuer inzwischen nicht mehr klimakonform und beim Ordnungsamt anmeldepflichtig. Und der Nebel von London ist auch nicht mehr, was er mal war.uem

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