Der Tag, an dem … : … Schulnoten ärgern

Unser Papst ist im Besitz des Unfehlbarkeitsdogmas und sagt trotzdem, dass jeder Einzelne ständig seine Fehlbarkeit vor Augen haben müsse. Man kann mithin sagen, dass der Papst, auch wenn man das oft auf den ersten Blick nicht merkt, ein selbstkritischer Mensch ist. Was man nicht von allen Menschen sagen kann.

Fußballspieler, gute Güte, die sind so etwas von selbstunkritisch. Spätestens am Montag nach den Bundesligaspielen schauen sie deshalb sofort nach den Schulnoten, die in zahlreichen Zeitungen vergeben werden. Und wehe, da steht keine Eins (Selbsteinschätzung), sondern nur eine Vier (Wirklichkeit). Aber wehren können sie sich dagegen nicht. Ihre Arbeit ist öffentlich, und da sieht eben jeder, dass sie mal wieder unmotiviert, schlecht vorbereitet, sprich: insgesamt recht inkompetent aufgetreten sind.

Nun eine überraschende These: Lehrer sind Fußballprofis viel näher als dem Papst. Also jetzt nicht Sie, lesender Lehrer, und auch Sie sind nicht gemeint, lesende Lehrerin, nur so die Masse der Lehrer. Total selbstunkritisch. Noten zum Beispiel lehnen sie grundsätzlich ab. Wenn Schüler ihrem Lehrer, sagen wir am Montag nach einem schönen Wochenende, im Fach „Motivation“ eine Vier geben, dann deckt sich das in den seltensten Fällen mit der Selbsteinschätzung (Eins). Oder das Fach „Vorbereitung“. Manchmal sagen die Schüler, och nö, heute war das aber ein glattes Mangelhaft. Was natürlich schon eine unfaire Benotung ist, weil ja jeder weiß, dass alle Lehrer den gaaanzen Nachmittag und bis tief in die Nacht an Unterrichtsvorbereitungen sitzen.

Insofern kann man schon verstehen, dass jetzt eine Lehrerin gegen das Internetportal „Spickmich“ gerichtlich vorgeht. Bei „Spickmich“ wird nämlich genau das getan: Lehrer werden benotet. Von ihren Schülern. Nun bröckelt das Unüberprüfbarkeitsdogma der Lehrerarbeit sowieso, weil es inzwischen im ganzen Land so etwas wie „Schul-Tüvs“ gibt, in denen die Arbeit von Schulen und Lehrern auch offiziell bewertet werden. Die klagende Lehrerin hatte bis gestern noch eine Mitstreiterin, aber die hat dann kurz vor Verhandlungsbeginn die Klage zurückgezogen. Ohnehin ist die Klage nicht sehr aussichtsreich, zwei vorhergehende Versuche waren abgewiesen worden.

Den benoteten Lehrern bleibt aber ein Trost. Fußballspieler, die laufend schlechte Noten bekommen, müssen beim Trainer zum Rapport. Danach sitzen sie auf der Ersatzbank. Dort können sie sich ständig ihre Fehlbarkeit vor Augen führen. Oder sie werden verkauft. Den Lehrern passiert das nicht.uem

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