Zeitung Heute : Der Tag des Veteranen

Nun nennen sie ihn „Comeback-Kerry“. Viele hatten ihn abgeschrieben, doch dann gewann der Senator die erste Vorwahl der Demokraten in Iowa. Im Quartier seines Gegners Howard Dean, den seine Fans feiern wie einen Popstar, sind alle verwirrt. Wieder ist völlig offen, wer gegen Bush antritt.

Malte Lehming[Des Moines]

Von Malte Lehming, Des Moines

Am Wochenende war wieder ein Bus angekommen. Gut 30 Stunden, von der Ostküste nach Iowa, in den Mittleren Westen der USA, dauerte die Reise der fast 50 Vietnam-Veteranen. Sie sind müde, aber tatenhungrig. Zur Stärkung wird ihnen Pizza und Cola gebracht. Dann setzen sie sich nebeneinander an einen langen Tisch. Vor ihnen liegt eine Liste mit den Namen anderer Vietnam-Veteranen. Dahinter steht ein Telefon. „Wir haben 10000 Veteranen, die in Iowa für uns Wahlkampf machen“, sagt ein Sprecher von John Kerry. Es ist Sonntag. Einen Tag später fällt in diesem US-Bundesstaat die erste Entscheidung darüber, welcher Demokrat im November gegen George W. Bush antritt.

Die Welt steht auf dem Kopf

Einer der Veteranen ist Wade Rowland Sanders, ein kräftiger Mann, sonnengebräunt. Von Beruf ist er Anwalt. Er stammt aus San Diego, Kalifornien. Sanders ist schon seit Anfang Januar in Iowa, um die Kandidatur Kerrys zu unterstützen, unentgeltlich, versteht sich. Für vorerst einen Monat ruht die Arbeit in seiner Kanzlei. „Ich habe meinen Mandanten gesagt, sie sollen sich in dieser Zeit anständig benehmen und gegen keine Gesetze verstoßen“, sagt er und lacht. Im November 1968 haben sich Sanders und Kerry in Vietnam kennen gelernt. Sie dienten für kurze Zeit in derselben Einheit. „Das verbindet auf ganz spezielle Weise“, sagt Sanders. Heute ist er 60, ebenso alt wie der hochgeschossene, schlanke Senator aus Massachusetts.

Der Kontrast könnte krasser kaum sein. Kerrys Hauptquartier in Iowas Hauptstadt Des Moines befindet sich in derselben Straße wie das von Howard Dean, dem Ex-Gouverneur von Vermont. Bei Kerry herrscht Ruhe, Disziplin, Konzentration. Die Veteranen prägen das Bild. Iowa ist in 99 Wahlkreise unterteilt. Das Kerry-Team hat 23 lokale Zweigstellen errichtet. Wer braucht noch Hilfe? Wo fehlt Material? Es herrscht angespannte Endspurt-Stimmung. Bei Dean dagegen tummelt sich die Laptop-Handy-Schlafsack-Generation. Man singt, kreischt und umarmt sich. Es herrscht fröhliche Sponti-Stimmung.

Nur einen Tag später steht die Welt in Iowa auf dem Kopf. Kerry, den viele schon abgeschrieben hatten, ist der klare Sieger. Dean, dessen Aufstieg unaufhaltsam schien, hat es nur auf einen schmählichen dritten Platz gebracht. Keiner hat ein solches Ergebnis vorausgesehen. Die Kommentatoren reden von „Erdrutsch“ und „Sensation“. Plötzlich ist alles wieder offen. Bis zum Abend steht selbst einigen Kerry-Anhängern noch der Ausdruck ungläubiger Freude im Gesicht. Das Dean-Lager dagegen ist verwirrt, enttäuscht und trotzig.

Im Ballsaal des Hotels „Fort Des Moines“ tritt Kerry gegen 22 Uhr vor die Mikrofone. Seine Stimme, die in den letzten Tagen des Wahlkampfs bloß noch als leises Krächzen zu vernehmen war, klingt wieder kräftiger. Er fängt an. „Falls ich zum Präsidenten gewählt werde“, sagt er – und wird jäh von jubelnden Anhängern unterbrochen. „Wenn, wenn, wenn“, skandieren sie. Also noch einmal. „Wenn ich zum Präsidenten gewählt werde.“ Dann will er Schluss machen mit dem Einfluss spezieller Interessengruppen auf die Regierung, will sich um die Umwelt kümmern, um das Bildungssystem, die 43 Millionen nicht krankenversicherten Amerikaner. Selbstbewusst verkündet Kerry den Anfang vom Ende der Bush-Regierung. Seine Botschaft an das Weiße Haus: „Wir kommen. Ihr geht. Und passt auf, dass ihr euch beim Weg hinaus nicht an den Türen verletzt.“

Vor einem Jahr galt Kerry schon einmal als Favorit der Demokraten. Sein Lebenslauf ist makellos: erst hoch dekorierter Vietnam-Kämpfer, dann engagierter Kriegsgegner, Yale-Absolvent, seit 1984 ununterbrochen im Senat. Vor acht Jahren heiratete er Teresa Heinz, die Witwe des Ketchup-Erben John Heinz, geschätztes Vermögen eine halbe Milliarde Dollar. Doch im vergangenen Frühjahr bricht Kerry ein. Er wirkt kalt, farblos, grüblerisch. Viele Demokraten verübeln ihm seine Zustimmung zum Irakkrieg. Hinzu kommen Probleme mit seinem Wahlkampfteam. Im November schließlich heuert er Mary Beth Cahill an, die Büroleiterin von Senator Edward Kennedy, der zu Kerrys glühendsten Verehrern zählt. Darauf wandelt sich das Bild. Kerrys Reden werden kürzer, prägnanter, einfühlsamer. Seine Stärken – politische Erfahrung plus Vietnamkriegsrenommee – rücken wieder in den Vordergrund.

Nun ist er der „Comeback-Kerry“, der Sieger von Iowa, ihm gehört jene Schwungkraft, die das Ergebnis der ersten Vorwahl einem Kandidaten verleiht. Drei Faktoren haben dazu beigetragen. Erstens hat sich in den USA die Wut über den Irakkrieg gelegt. Er ist nicht mehr das Reizwort, sondern eines unter vielen. Bush hat einen raschen Rückzug angekündigt, Saddam Hussein wurde gefasst, eine überzeugende politische oder militärische Alternative zum derzeitigen Kurs hat kein Kandidat anzubieten. Zweitens hatten sich in Iowa Dean und Richard Gephardt, die lange Zeit in den Umfragen führten, ein gnadenloses Duell geliefert. In Interviews und Fernsehspots zogen sie übereinander her. Diese Art der Negativkampagne schreckte viele Wähler ab. Davon profitierten Kerry und der Südstaatler John Edwards, der es immerhin auf Platz zwei brachte.

Der dritte Faktor indes dürfte entscheidend gewesen sein. Das Stichwort heißt Wählbarkeit. Dean gab allen Bush-Verächtern eine Stimme, pointiert formulierte er seine Kritik an der Regierung. Doch der Charme des aufrechten, genialen Außenseiters verbraucht sich langsam. Vieles von Dean haben seine Rivalen übernommen: die Hiebe auf Bush, die Appelle an das Gruppengefühl. Aber sie sind vorsichtiger als er, weniger hitzköpfig. Dean symbolisiert die Wut der Demokraten auf Bush, wer Dean wählt, folgt seinem Bauch. Aber die Wende, sagt der Kopf, kann Dean nicht einleiten. Dafür ist er zu radikal, zu angreifbar. Kurz vor der Abstimmung am Montag hatte das Kerry-Lager einen neuen Slogan erfunden: „Dated Dean, Married Kerry“ – frei übersetzt: Habe mit Dean geflirtet, aber Kerry geheiratet.

Für das Dilemma vieler Demokraten stehen zwei Kürzel, ABB und ABD. ABB heißt „Anybody but Bush“. Der Texaner muss weg: Das ist die oberste Maxime. ABD heißt „Anybody but Dean“. Dessen Furor verschreckt die Moderaten, mit Wut allein lässt sich Bush nicht schlagen. Die vergangenen Wochen und Monate waren die Zeit der großen Suche nach diesem anderen. Die Nominierung von Ex-General Wesley Clark, dem ehemaligen Nato-Oberbefehlshaber, der keine politische Erfahrung hat und schon mehrmals republikanisch wählte, wirkte bereits wie ein Verzweiflungsakt. Clark, der in Iowa nicht antrat, könnte folglich trotzdem zu den Verlierern dieser Vorwahl zählen. Denn plötzlich gelten Kerry – und mit einigem Abstand auch Edwards – als geeignete Alternativen zu Dean.

Das ist besonders wichtig auf den Feldern Verteidigung und nationale Sicherheit. Die Republikaner stehen im Ruf, diese Themen ernst zu nehmen. Sie werden im Wahlkampf die Angst vor dem Terrorismus weiter schüren. Wer soll ihnen da Paroli bieten? Ein Arzt wie Dean? Ein Anwalt wie Edwards? Oder einer wie Kerry, ein Vietnamkriegs-Veteran und erfahrener Politiker? Er sei sein ganzes Leben lang Demokrat gewesen, ruft Kerry in der Wahlnacht – und jeder versteht diesen Seitenhieb auf Clark.

Dean indes, dessen Aura der Unbesiegbarkeit in Iowa zerstört wurde, kämpft unverdrossen weiter. Aufgeben? Niemals. Jetzt erst recht. Den ganzen Wahlkampf über war er der Star. Ein Heer von Reportern begleitetet ihn auf Schritt und Tritt. An der Iowa State University in der kleinen Stadt Ames tritt Dean zu seiner Abschlusskundgebung auf. Zur Melodie von „I love Rock’n’Roll“ singen seine Fans „I love Howard Dean“. Keine Spur von Unsicherheit. Tom Harkin, der ehemalige Gouverneur von Iowa, eine Ikone der dortigen Demokraten, unterstützt Dean. Zuvor hatten sich für den Kandidaten Al Gore, Jimmy Carter und zwei der größten Gewerkschaften ausgesprochen.

Wie ein Popkonzert

Dann kommt Dean. „Kapitalismus ohne Regeln ist wie ein Hockeyspiel ohne Schiedsrichter“, ruft er. „Die Macht, um dieses Land zu verändern, liegt in eurer Hand, nicht in meiner. Steht auf und seid stolz!“ Er greift sich eine US-Fahne und schwenkt sie. Gejohle wie auf einem Popkonzert.

Am Abend, das für ihn niederschmetternde Ergebnis steht fest, tritt Dean erneut vor seine Anhänger, entschlossener denn je. Theatralisch zieht er sein Jackett aus, rollt sich die Hemdsärmel hoch. „Wir geben nicht auf.“ – „Unser Kampf hat gerade erst begonnen.“ Mehrmals zählt Dean die nächsten Staaten auf, die auf dem langen Weg zur Nominierung gewonnen werden müssen. New Hampshire, Arizona, Missouri, New Mexico, North Dakota, South Carolina, Washington, Maine, Kalifornien. Er wirkt noch wütender als sonst. Die Szene ist surreal, fast gespenstisch.

Abschreiben darf man Dean beileibe nicht. Er hat mit Abstand die meisten Spendengelder gesammelt. Seine Strategie endet weder in Iowa noch in New Hampshire. Dort wird am kommenden Dienstag gewählt. Seine Bewohner sind, was ihr Wahlverhalten betrifft, notorisch unzuverlässig, mit einem Hang zum Rebellischen. New Hampshire ist Kerrys Nachbarstaat, vor einem Jahr war er hier der unangefochtene „frontrunner“. Jetzt liegt Dean in den Umfragen vorn, dicht gefolgt von Clark. Noch jedenfalls. Wahrscheinlich gehören alle Umfragen inzwischen eingestampft.

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