Zeitung Heute : Der Tagesspiegel

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Von Maike Albath

Da geht jemand auf Wanderschaft, um sein Glück zu versuchen. Ein Jüngling natürlich, zart besaitet natürlich, ein zerquälter Student ohne Einkommen und feste Bleibe. Er war bei der Niederschrift seiner Diplomarbeit über die Fluchtwege in den „Carceri“ des Barockarchitekten Piranesi ins Stocken geraten und hatte die Blockade durch einen Sprachurlaub in Buenos Aires lösen wollen. Doch die Rückführung der theoretischen Fragestellung in die Lebenswirklichkeit lief schief, der sensible Examenskandidat entkam seinen privaten Gefängnissen nicht, sondern wurde Opfer eines Trickbetrugs. Jetzt sind sämtliche Ersparnisse futsch, die Wohnung gekündigt, außerdem vermuten ihn Mutter und Ex-Freundin in Argentinien.

In seiner Not verdingt sich der glücklose Student als Schlafwagenschaffner bei der Compagnie International des Wagon Lits, durchquert Europa, besteigt Züge von München nach Ostende, von Wien nach Paris, von Amsterdam nach Basel, von München nach Messina, von Neapel nach München. Er knipst Fahrkarten, vergibt Betten, versorgt Passagiere, und siehe da, er reift zum Manne heran. Der Fahrplan ist seine Rettung, die Zugfahrt seine Schule des Lebens.

Pynchon soll europäisch werden

„Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication“ tauft Steffen Kopetzky sein ambitioniertes Werk. Eine Mischung aus Bildungsroman, Gangsterstory und epochaler Gesellschaftssatire schwebte ihm wohl vor, eine Art europäischer Pynchon. Herausgekommen ist neuer deutscher Kitsch. Dabei beherrscht Steffen Kopetzky sein erzählerisches Handwerk und beweist trotz der Vorliebe für überdeterminierte Korrespondenzen (Piranesi, der flüchtige Student) seine Fertigkeiten als Plotkonstrukteur. Den Zugfahrplan mit seinen geheimnisvollen Symmetrien als Strukturmodell zu verwenden, ist eine gute Idee, und zahlreiche Beschreibungen von Bahnhöfen und Hotels entfalten eine suggestive Melancholie. Auch an skurrilen Gestalten herrscht kein Mangel. Doch Kopetzky scheitert an der Verschmelzung von Kolportage, Comic und empfindsamer Entwicklungsgeschichte. Die Stillagen vertragen sich nicht miteinander, und am Ende hebelt das eine das andere aus.

Schon Dante hatte sein alter ego wegen einer Lebenskrise auf Reisen geschickt, und spätestens seit Wilhelm Meister gehört die Eroberung ferner Landstriche zum Bildungsroman wie die Uniform zum Schaffner. Bei Leo Pardell, dem Helden Nummer eins in Kopetzkys dickleibigem Roman, handelt es sich also um einen klassischen Fall. Der literaturhistorisch beschlagene Leser ist gewappnet und folgt dem 28-jährigen Piranesi-Adepten willig auf seinen Dienstetappen.

Immer wieder sind es Menschen, die Pardells Seele und Geist formen: der kauzige Eichhorn, Chef der Compagnie-Sektion in München, der Erotomane und Schaffnerkollege Poliakov, Experte in Beischlaftechniken mit Zugreisenden, der herzensgute Erwin Erfurt, DDR-sozialisierter Kraftprotz mit asiatischen Gesichtszügen, der väterliche Quentin, sanft, lebensklug und bewandert in allen Fragen des Stils. Wie es sich für eine veritable Erziehung der Gefühle gehört, tritt auch noch die eine oder andere Frau auf. Doch je anrührender Kopetzky die seelischen Regungen seines Studenten schildern will, desto schmalziger wird es. Vor allem die Liebesszenen haben es in sich: „Erwachen, und, noch bevor man die Augen aufgeschlagen hatte, zu wissen, dass man mit dem wundervollen, nur noch fast unbekannten Körper einer Frau zusammen in einem Bett lag. Ein nacktes, duftendes Mädchen neben sich zu wissen und länger zu brauchen, sich an ihren n zu erinnern, als an den Geschmack ihrer Muschi. Und kurz danach, für die Sekunde lüsternen, weltmännischen Vergnügens, nachdem man sich des bittersalzigen Aroms versichert hatte, das die eigenen Lippen veredelte, erinnerte man sich, dass man gerade in Florenz war“. Und wenn in der mythischen Männerwelt der Schlafwagenschaffner Freundschaften geschlossen werden, hört man im Hintergrund förmlich die Geigen aufjaulen. „Zwei Männer, ein alter, ein junger Mann, einander vertraut, miteinander flanierend, in angeregtem Gespräch und verbunden – in Freundschaft“. Kein Wunder, dass da der Abschied schwer fällt: „Pardell blickte ihm nur kurz, sehr kurz in die Augen, dann umarmten sie sich, Quentin spürte Pardells wundervolle, lebendige Nachgiebigkeit, schloss seine Arme fester um ihn“.

Steffen Kopetzky avisiert die großen Themen: Freundschaft, Liebe, Abschied von der Kindheit, der Auftakt des Mannesalters. Warum nimmt man Leo Pardell seine Nöte nicht ab, warum misstraut man seiner Gefühlsausbrüchen und warum reizen die Liebesszenen höchstens zum Kichern? Ganz einfach: Sein Anton-Reiser-Gehabe passt nicht zum Rest des Romans. In ausgeklügelten Nebenhandlungen wird von Verschwörungstheorien berichtet, von Ränkeschmieden auf EU-Niveau, von einem Komplott gegen die altmodische Compagnie zugunsten der langweiligen Euro-Nights. Auch die herannahende Jahrtausendwende ist Anlass für erzählerische Pirouetten und Verzweigungen der Handlungen. All das setzt die Lebenskrise Pardells in ein merkwürdiges Licht und erzeugt ein schwer erträgliches Pathos.

Mechanische Sprachsalven

Verstärkt wird dieser Effekt noch durch „den Würger“, Held Nummer zwei der 736-Seiten-Schwarte, der einen ähnlichen Prozess der Selbsterkundung durchläuft, allerdings unter umgekehrtem Vorzeichen. Schon sein Spitzname deutet auf die comichafte Verzerrung der Figur hin, seine mechanischen Sprachsalven („es muss mehr getrunken werden“ lautet sein Lieblingsspruch) vervollständigen die Typisierung. Baron von Reichhausen, so sein Klarname, ein erfolgreicher Rechtsanwalt, passionierter Uhrensammler und daueralkoholisiert, gerät auf die Spur eines mechanischen Unikats, die „Ziffer Grande Complication 1924“, die er unbedingt zum Jahreswechsel 1999/2000 in den Händen halten will.

Zwar verliert der herrschsüchtige Baron auf der manischen Suche nach der Uhr sämtliche materiellen Güter, aber auch er kommt sich selbst – wie Pardell – ein Stück näher. Sein objet de désir, die mechanische Uhr, ist das zweite Modell für Kopetzkys Großunternehmen. Aber die ausgeklügelte Komposition nützt nichts: auf dem schrillen Hintergrund der Krimihandlung, mit einem krakeelenden Zweithelden, plärrenden Mafiosi und tumben Detektiven wirken die pastellfarben ausgepinselten Freundschafts- und Liebesgeschichten schwülstig und platt. Von wegen „bittersalziges Arom“. Außer einem süßlichen Geschmack bleibt von der „Grand Tour“ nichts zurück.

Steffen Kopetzky: Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication. Roman. Eichborn Berlin, 2002. 740 Seiten. 29,90 Euro

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