Zeitung Heute : Der Tanz der Kuscheltiere

SANDRA LUZINA

Chaos im Paradies: der Zirkus Gosh im Hebbel-TheaterSANDRA LUZINAHeiliger Bimbam, im Himmel ist aber auch gar nichts los! Die Engel sind des ewigen Frohlockens müde und hängen wie schlafende Fledermäuse kopfüber vom Firmament.Gott schaukelt selbstvergessen am Seil.Dabei wollen die Himmelsbewohner doch teilhaben an der irdischen Spaßkultur.Also holt der Allmächtige einige besonders mißratene Geschöpfe zu sich ­ freilich mit dem Resultat, daß es im Himmel bald wie auf Erden zugeht. Einen himmlischen Ulk will die Artistiktruppe Gosh mit ihrer dritten Produktion bescheren.In dem Spektakel "Mad(e) in Paradise" wird der Herr des Himmels zum Oberspielleiter eines zirzenischen Treibens.Mit dem Motto des kommerziell orientierten Zirkus à la "Menschen ­ Tiere ­ Sensationen" hat das achtköpfige Ensemble allerdings nichts am Hut.Die mittlerweile international besetzte Truppe, die ihre Wurzeln in der Berliner Alternativbewegung hat, steht seit ihren Anfängen für artistisches Neuland.Bei Gosh wird nicht mit Superlativen aufgetrumpft, Glamour, Glitter und Las-Vegas-Look sind verpönt, und auf pirouettendrehende Pudel oder dressierte Raubkatzen wartet man vergebens.Stattdessen tanzen schon mal Plüschtiere den "La Bamba".Spielfreude und Verrücktheit, Clownspower und Rockmusik machen das Erfolgsrezept der Truppe aus.Theater, Zirkus, Musik ­ auch diesmal tingelt man zwischen den Genres.Der Einzug der Musikanten ist zwar kein Anlaß zum Jubilieren, doch die Spaßvögel haben bald die Lacher auf ihrer Seite.Der glatzköpfige Geiger hüpft wie ein Gummiball über die Bühne.Der Pianisten-Pilzkopf schlenkert erst mal ausgiebig mit den Armen, ehe er in die Tasten haut.Er verpatzt alle Einsätze und treibt so die Sänger in den Wahnsinn.Und Gottvater entpuppt sich als Paradiesvogel. Der hübsch tuntige Glatzkopf frönt hemmungslos seiner Lust am Fummel, behängt sich mit Pelzchen und Tüll-Draperien, ist geschmückt wie ein Christbaum.Wenn er keine väterlichen Klapse austeilt, widmet er sich hingebungsvoll seinem Streichelzoo aus Stofftieren.Seine beiden Engel verbiegen ihren geschmeidigen Leib, rücken den Erdenbewohnern wie lästige Schlingpflanzen zu Leibe, rotieren wie Propeller über dem göttlichen Haupt.Mit akrobatischen Darbietungen wird diesmal allerdings gegeizt.In diesem Bühnenhimmel werden keine Flugträume wahr, stattdessen verplumpst sich die Aufführung ins Tolpatschige.Auch Luzifer darf nicht fehlen, im Pailetten-Dress versucht er, dem göttlichen Rivalen die Show zu stehlen.Doch auch sein Auftritt macht aus der Sache kein Höllenspektakel.Die Inszenierung wirkt kurzatmig, entwickelt kein Tempo, nur fortwährenden Interruptus.Die irdischen Tölpel vermasseln, verkorksen und verpfuschen alles, kriegen nichts auf die Reihe.Nur selten wird aus dem permanenten Murks rasanter Slapstick.Regisseur Michel Dallaire hatte viele hübsche Einfälle, doch die Szenen wirken oft nur wie angerissen.Zu einer himmelschreienden Komik reicht es nicht.Die Party im Paradies hätte man sich schon etwas turbulenter gewünscht. Weitere Aufführungen: 19.bis 21., 23., 25.bis 28., 31.12.bis 3.1., Hebbel-Theater, jeweils 20 Uhr

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben