Zeitung Heute : Der TeleStudent geht multimediale Wege

KURT SAGATZ

Berliner TU-Projekt will den Einsatz moderner Techniken an den Hochschulen voranbringenVON KURT SAGATZDie Vision klingt durchaus realistisch: Anstatt die Zeit in einer langen Warteschlange der Staatsbibliothek zu verbringen, um dann zu erfahren, daß das gesuchte Buch gerade ausgeliehen ist, soll der Student in Zukunft per Internet Zugriff auf den Bestandskatalog haben.Auch der Kontakt zu Professoren und Dozenten könnte mittels der neuen Medien verbessert werden, wenn beispielsweise ein Termin vereinbart werden soll oder einfach nur, um kurz Fragen zu einem Projekt per E-Mail zu klären.In welcher Form und mit welcher technischen Ausstattung der Student künftig am besten arbeiten kann, soll dabei das Berliner Projekt TeleStudent ermitteln, das unter der Leitung des TU-Instituts für Bildung in der Informationsgesellschaft (IBI) im Sommersemester in die Praxisphase gehen soll. "Die neue Arbeitsform soll aus der bestehenden Universität heraus entwickelt werden, also nicht wie in Hagen als Fernstudium, sondern als Ergänzung des normalen Vorlesungs- und Studienprinzips", erläutert dazu der Leiter des IBI, Wilfried Hendricks gegenüber dem Tagesspiegel.Das dahinterstehende Ziel lautet: Einen Beitrag zu leisten, damit Studenten zielgerichteter ihr Studium absolvieren können.Hendricks begreift die neuen Medien dabei auch als Chance, der Vereinsamung und dem Einzelkämpfertum an den Universitäten zu begegnen."Der TeleStudent wird sich stärker als bislang in Gruppen organisieren, die mittels Internet ihr Studium organisieren, gemeinsam an Projekten arbeiten und effektiver kommunizieren und interagieren können". Die Idee des TeleStudenten hat auch Firmen aus der Privatwirtschaft überzeugt, die das Projekt mit Geld- und Sachmitteln unterstützen.Als Finanzier tritt unter anderem die Telekom mit ihrer Tochtergesellschaft Berkom auf.Weiter im Boot sitzen Cornelsen Software aus Berlin sowie Pronton aus Hamburg und Tubkom.Der Haushalt der Technischen Universität konnte dank der Kooperation geschont werden. Einbezogen in das Projekt TeleStudent werden insgesamt zehn Regelveranstaltungen an der TU, wobei entweder komplette Gruppen oder einzelne Studenten für den Versuch ausgewählt werden.Voraussetzung ist, daß die Studenten über einen Multimedia-PC verfügen.Für ein Semester erhalten die Projektteilnehmer dann eine ISDN-Karte, einen ISDN-Zugang mit einem limitierten Gebührenkonto sowie einen gesponserten T-Online-Account für das Internet.Parallel dazu sollen zwei Multimedia-Labs ­ das eine in der Franklinstraße, das andere im Telefunkenhaus am Ernst-Reuter-Platz ­ aufgebaut werden, in denen dann besondere Multimedia-Anwendungen wie Videokonferenzen stattfinden oder aufwendigere Präsentationen erstellt werden können.Hier können zudem die Gruppenteilnehmer arbeiten, die zuhause oder im Studentenwohnheim über keinen Rechner verfügen, denn selbst gegen Ende des Grundstudiums verfügen derzeit erst rund zwei Drittel der Studenten über einen eigenen PC. Zu den Bereichen, in denen der TeleStudent erprobt werden soll, gehört unter anderem die Architektur.Ein Projekt dieses TU-Studienganges hat die Aufgabe, ein mehrstöckiges Gebäude zu rekonstruieren.Mittels TeleStudent soll nun hier modernste CAD-Software zum Einsatz kommen.Weitere Projekte laufen in den Fachbereichen Nachrichtentechnik, Physik, Betriebswirtschaftlehre und Arbeitslehre.Hinzu kommt noch die zentrale Einrichtung für moderne Sprachen.Diese TU-Service-Einrichtung bietet sich besonders für die Erprobung und den Einsatz von Lernsoftware an. Die Perspektiven des TeleStudenten gehen ­ dessen ist sich Initiator Hendricks durchaus bewußt ­ über die derzeitigen Ziele des TeleStudenten weit hinaus.So kann derzeit beispielsweise die Verwaltung nicht in das Projekt eingebunden werden, obwohl es naheliegend wäre, zu erproben, welche Vorteile die Abwicklung von studentischen Angelegenheiten mit der Verwaltung mittels Internet und E-Mail hätte.Dies würde jedoch ein entsprechendes Equipment in der Verwaltung und auch geänderte Arbeitsverträge für die dort Angestellten erfordern.Derzeit ebenfalls nicht möglich ist die Einbindung der Bibliotheken, denn die Kosten zur technischen Anbindung würden den Rahmen des TeleStudenten sprengen.Dies gilt auch für die Ausrüstung der Studenten mit Laptops, die momentan nicht finanzierbar erscheint.Die dahinterstehende Vision ist gleichwohl bestechend.Mit Beginn des Studiums erhält jeder Student einen tragbares leistungsfähiges Gerät sowie eine Netzidentität, wobei überall an die Uni Anschlußmöglichkeiten für den Zugang zum Netz geschaffen würden.Unabhängig von Zeit und Ort könnte so bereits an der Uni trainiert werden, wie die neuen Techniken effektiv eingesetzt werden ­ ein nicht zu vernachlässigender Vorteil für den Standort Deutschland.

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