Zeitung Heute : Der Tellerwäscher

KERSTIN DECKER

Eine Matinee mit Ernst-Bloch-Briefen in der Akademie der Künste KERSTIN DECKERIst eigentlich einer mehr vergangen als er? Wenn Bloch und sein "Prinzip Hoffnung" uns heute begegnen, so in hochironischer Absicht.Man ist bei Sinnen, also Pragmatiker, und wer noch Prinzipien hat, hat andere.Eigentlich sollte das Buch ja "The Dreams of the Better Life" heißen.Es habe den Vorzug, sehr amerikanisch zu sein, schrieb Bloch im Juli 1938 an Klaus Mann, soeben mit Frau und Kind im amerikanischen Exil angekommen.Der Schauspieler Dieter Mann vom Deutschen Theater las das nun im dichtbesetzten Foyer der Akademie der Künste mit jener wunderbaren Ironie, die an dieser Stelle wohl Blochs eigene war.Kurz, er wolle in diesem Buch, an dem er gerade arbeite, die Tagträume erläutern, die Innen- und Außenarchitektur der Luftschlösser, die Geschichte der fundierten Utopien. Fundierte Utopie auf amerikanisch? Vom Tellerwäscher zum Millionär! "Lieber Teddy" - Brief an Adorno vom 18.September 1942 - " ...als Tellerwäscher bin ich entlassen, weil ich mit dem Tempo nicht mitkam.Zähle und bündle jetzt Papier ...Millionäre haben in diesem Land mit der Tätigkeit begonnen, die ich jetzt ausführe, Philosophen hören damit auf." Nun ist es so, daß Bloch niemals Teller gewaschen hat.Er kann also froh sein, daß seine Briefe nicht Karl Corino in die Hände fielen, sondern Gert Mattenklott, der sie hier mit rechtem Maß kommentierte.Keine Exegese; stattdessen spannte er einen schönen Bogen von der frühen Korrespondenz mit dem Jugendfreund Georg Lukács - tatsächlich, es wurde ein Porträt in Briefen draus - bis hin zu Blochs Ankunft in Leipzig 1949: "...das noch mehr beglückende Faktum: Freiheit.Ich kann sagen und lehren, was ich will." Bloch in seinen Briefen: ein Meister der Nuance, des Spotts, der Nähe auch. Und dann kommt die Lücke.Hierhin gehören Blochs Briefe aus der DDR, die er, längst zwangsemeritiert, 1961 endgültig verließ.Auch in der zweibändigen Suhrkamp-Ausgabe fehlen sie.Man habe diese Briefe verbrannt, war früher von DDR-Seite zu hören.Jetzt hofft die Akademie der Künste, sie vom Aufbau-Verlag zu erwerben.Denn laut Mattenklott sind sie ein einzigartiges zeitgeschichtliches Zeugnis, umsomehr, da viele Zeitgenossen Blochs längst keine Briefe mehr, sondern nur noch Werke schrieben, und wenn Briefe, dann gleich mit Werkcharakter.Bloch dagegen sei ein "verschwenderischer Denker" gewesen. 1997 ist Ernst Blochs 20.Todesjahr.Er kann sein Werk nicht mehr selbst verteidigen.Dabei war Bloch so gut darin.Als Siegfried Kracauer 1922 in der Frankfurter Zeitung sein Münzer-Buch mitten entzwei gerissen hatte, schrieb er ihm: "Sie sind nicht in die Welt gekommen, um einem Licht, das sich trotz allen Elends regt, den Weg zu verlegen ...Schließlich: ich frage an, in welcher Weise Sie mir Genugtuung geben wollen." Und wir? 

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