Zeitung Heute : Der Tempomacher

„Er bekommt furchtbare Briefe“, sagt ein Vertrauter. Schulsenator Klaus Böger war ein Star der Berliner SPD, nun ist er der Prügelknabe

Werner van Bebber

Stattlich – dieses Wort passt am besten. Klaus Böger, der Senator für Bildung, Jugend und Sport, einen Meter neunzig hoch, kerzengerade Haltung, ein Mann von fast 60 Jahren, ist die stattlichste Erscheinung des ganzen Berliner Senats. Man sieht es bei jeder Plenarsitzung des Abgeordnetenhauses. Der Regierende Bürgermeister hängt öfter haltlos-gelangweilt in seinem Sessel. Der Wirtschaftssenator macht sachbearbeiterhaft Akten. Der Finanz- und der Innensenator schauen wie Punktrichter beim Eiskunstlauf ins Rund des Plenums. Der Kultursenator scheint schon seit Stunden widerwillig einer Theaterprobe beizuwohnen. Böger indes hat Senatoren-Stil. Diese hochragende Lässigkeit, mit der er hinter dem Rednerpult Aufstellung nimmt oder aus der Sitzreihe der Senatoren im Abgeordnetenhaus Fragen beantwortet, kundig, oft ironisch, gerne belehrend, gelegentlich das Feuilleton der „FAZ“ zitierend. So wie Böger stellt man sich einen Senator vor, der Amt und Titel ausfüllt. Aber er ist der unbeliebteste Politiker Berlins.

Es muss am Job liegen. Fast so schlimm wie Böger trifft die Schmach der Unbeliebtheit in den Umfragen Finanzsenator Thilo Sarrazin. Weil der spart, wo es geht. Böger gibt Unmengen von Geld aus, doch scheint es nie zu reichen. Dass er mit einem Etat von 2,65 Milliarden den größten Einzelhaushalt unter den Senatoren verwaltet, macht ihn zu dem am meisten beneideten Senatskollegen. Böger hat am meisten, und wer das meiste hat, den beneiden sie alle.

Jedenfalls im Senat. Die Berliner sehen das anders. Böger hat die Kitagebühren erhöht. Er hat die Arbeitszeit der Lehrer verlängert. Er verlangt von Lehrern und Eltern eine neue Mitlernbereitschaft bei der Reform der Schule. Die Leute aber wollen, dass der Betrieb rund läuft, und das tut er an vielen Schulen offenbar nicht. Unterrichtsausfall, heruntergekommene Schulen, dazu die Probleme mit den Migrantenkindern. Schulfachleute sagen gern: „Es brennt an allen Ecken und Enden.“

Neulich haben sie ihn schon vor dem Schöneberger Rathaus, wo er abends reden sollte, mit Transparenten empfangen. Eltern protestierten gegen die Schließung der Kita Rosenheimer Straße: „Zorn, Wut und Kinderleid – Erinnert euch an euren Eid!“ In der folgenden Veranstaltung ging es um die Ganztagsschule. Links neben Böger auf dem Podium sitzt die Jugendstadträtin Angelika Schöttler, Parteifreundin, sie ist im Bezirk für die Horte zuständig. Rechts neben Böger Bildungsstadtrat Dieter Hapel, Parteifeind von der CDU, mit dabei wegen der Schulen. Wie Böger ist Hapel durch die Strömungen der Parteipolitik zum Bildungsfachmann geworden. Früher war der vierschrötige Stadtrat der Mann für innere Sicherheit.

Vor sich haben die drei Lehrer, Personalräte, Schulleiter aus dem Bezirk und ein paar Eltern. Wer wissen will, was Schule ausmacht, sollte einen Abend in solch einer Versammlung verbringen. Sie fragen Böger, wann die zugesagte zusätzlichen Erzieherin kommt und ob die Schulsekretärinnen entlastet würden, denen derzeit besonders viel Arbeit aufgebürdet werde. Sie werfen Böger vor, wegen seiner Reform würden Kinder aus einer pädagogisch arbeitenden Kita einfach „umgesetzt“. Sie bemängeln, dass Informationsschreiben über die Dauer der Hortbetreuung zu spät eingetroffen seien. Anfangs scherzt Böger, der zur Verstärkung auch ein paar Mitarbeiter dabei hat, noch: „Die leichtesten Fragen kann immer ich beantworten.“ Nach anderthalb Stunden sieht der Senator gequält aus: die Augen ein wenig traurig, der Mund ein wenig beleidigt. Jetzt geht es um Vorklassenleiterinnen, die es ab August nicht mehr geben wird. Dann berichtet eine Schulleiterin von den Hortkindern aus Schöneberg, für deren Essen niemand zahlt. Die Essenslieferanten wollten das Geld bei den Eltern abbuchen. Die hätten oft nichts auf dem Konto. Also beschwerten sich die Lieferanten bei der Schule , dann lieferten sie nicht mehr. Eine Schulleiterin sagt, das Problem betreffe zehn Prozent ihrer 130 Hortkinder. Eine andere bittet Böger „dringend“ – und das ist ihr anzuhören –, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Nach zweieinhalb Stunden sind Bögers Augenringe nachtschwarz. Mit Restironie fasst er die Reformdebatte zusammen: „Ich habe jedenfalls nicht gehört, dass das Ziel falsch ist.“

Das ist doch was. Aber ist es viel oder wenig für einen, der mal Königsmacher war in der Berliner SPD und über den Vertraute jetzt sagen, im Gespräch neige er neuerdings dazu, „zu lang zu werden“? Als rede man über einen alten Herrn. Böger weiß, dass es auch anders geht im Politikerleben. Er gehörte mal zu den beliebtesten Politikern Berlins. Er war der starke Mann der SPD, damals, Mitte bis Ende der 90er Jahre. Er war der Fraktionschef, der etwas in Bewegung brachte, der Mann der großen Themen. Die Sparpolitik, für die jetzt der Name Sarrazin steht: Böger hatte in den 90ern längst erkannt, dass es mit der Berliner Verschuldung nicht so weiter geht und Annette Fugmann-Heesing aus Hessen geholt. Die Länderfusion, die Senatsverkleinerung – Böger arbeitete dran. Dann suchten die Genossen einen Spitzenkandidaten. Böger stand kurz vor der Kandidatur als Regierender. Die Basis aber, der empfindliche, leicht verstimmbare Bauch der Berliner SPD, wollte Walter Momper. Nicht den bürgerlichen Böger, den rechten Sozi, den alle mit der pragmatischen, unattraktiven großen Koalition in Verbindung brachten. Sondern Momper, den Mann mit dem roten Schal, den Wendehelden. Obwohl sie den erst ein paar Jahre zuvor davongejagt hatten. Also Momper gegen Diepgen – das war bitter für Böger. Und es wurde nicht leichter dadurch, dass Momper bodenlos verlor.

Aus, vorbei, auch wenn es erst fünf Jahre her ist. Die große Koalition brach, Wowereit wurde zum Mann der Stunde und der Zukunft. Böger, immerhin, wurde Senator, wenn schon nicht Regierender. Und er wurde zum Buhmann von Rot-Rot. Wer Kinder hat, kennt ihn. Er ist zuständig für 360000 Schüler. Und wer um der Bildung seiner Kinder willen die Ergebnisse der nächsten „Pisa“- oder „Vera“- oder Wie-auch-immer genannter Tests fürchtet, macht Böger verantwortlich. Das kann sogar eine so stattliche Erscheinung wie den Schulsenator zermürben. Wenn er erklären soll, warum Berliner Kinder bei Pisa so schlecht abschneiden oder warum bei seiner Schulreform nun alles auf einmal kommen muss, gerät Böger stets in die Position eines virtuellen höchsten Berliner Oberschuldirektors, der für alles verantwortlich ist. „Er bekommt furchtbare Briefe“, sagt ein Vertrauter. Mitgefühl ist ihm anzumerken.

Aber Böger ist – darüber sind sich die Schulfachleute jeder Couleur einig – nicht der Mann, der eine schwierige Verwaltung straff führt. Özcan Mutlu, grüner Schulfachmann, sagt: „Er kündigt gerne an, ist nicht konsequent. Auch wird er von Senatskollegen allein gelassen.“ Beispiele nennt Mutlu reihenweise: die versprochene Priorität für Bildung; die angekündigten verpflichtenden Sprachkurse, für die das Geld fehlt. Das 20-Kinder-pro-Klasse-Limit in sozialen Brennpunkten – ohne mehr Lehrer ist das, meint Mutlu, nicht zu machen. Immerhin: Er glaubt Böger, dass ihm die Migrantenkinder wirklich wichtig sind. Bloß – wie es gehen soll mit dieser 20er-Frequenz, das weiß noch keiner. Einfach so angekündigt, „von einer Minute zur anderen“, sagt der Unionsbildungsexperte Gerhard Schmid. Für ihn ist das typisch Böger. Fehlende Sachkenntnis, fehlendes Gefühl für das Machbare, keine langfristige Planung. Harte Worte, doch wer in die Lehrerschaft hineinhorcht, der vernimmt ihr Echo. Böger habe einen „Steinbruch an Reformen“ geschaffen, sagt Gerhard Schmid. Dieter Hapel sagt, Böger habe zu viel auf einmal bewegen wollen. Das ist der große Konsens gegen Böger: Tempo zu scharf, Planung zu wirr.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft organisierte Anfang Februar eine Protestaktion gegen Böger. Weil dessen Verwaltung sich bei der Zahl der Lehrerpensionierungen verrechnet hatte, konnte Böger sein Versprechen nicht halten, 750 junge Lehrer anzustellen. Böger ist, was die Zumutungen anbelangt, die Ulla Schmidt des Berliner Senats.

Anders als die Gesundheitsministerin kommt Böger ohne Personenschutz aus. Freundliche Worte findet nur André Schindler, der Landeselternvertreter. Böger „schlägt sich wacker“, sagt er – immerhin sei der Senator ehrlich und sage, was geht und was nicht geht. Die Eltern jedenfalls halten still, packen in den Schulen an, gehen nicht auf die Straße. Dem Senator allerdings ist anzumerken, dass er Kritik persönlich nimmt. Er sieht aus, als schlafe er schlecht. Böger reagiere auf Kritik mit Melancholie, sagt einer, der ihn gut und lange kennt und mag. Andere haben weniger Mitgefühl. Böger bekomme jetzt, als Senator, zu spüren, was er früher, als Fraktionschef und Sparpolitiker, anderen zugemutet habe, hört man. Eine leidgeprüfte Schulexpertin sagt: „Ein Senator, der so viel von dem Geld haben will, das wir nicht haben, wird zur Unperson.“

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