Zeitung Heute : Der Terrorist aus dem Salon

Zu Scherzen aufgelegt – erster Verhandlungstag im Prozess gegen Johannes Weinrich

Kerstin Gehrke

Nein, er ist kein Lehrer, er wirkt nur so. Er war Mörder von Beruf. Tiefe Falten hat er bekommen im Gefängnis, hager ist er, der Mann, der einst der Helfer des Groß-Terroristen Carlos war. Höfliches Auftreten, hellbrauner Anzug, schwarzer Schal und Lesebrille: Johannes Weinrich, 55, der seit Mittwoch hinter Panzerglas im Hochsicherheitssaal des Berliner Landgerichts auf der Anklagebank sitzt.

Johannes Weinrich ist ein Terrorist. Es gibt ein Urteil, drei Jahre alt, in dem das steht. Er hat eine lebenslange Haftstrafe bekommen, weil er beteiligt war am Bombenanschlag auf das französische Kulturzentrum Maison de France in Berlin im Jahr 1983. Ein junger Mann erstickte damals unter den Trümmern. Wie viele Menschen Weinrich insgesamt umgebracht und verletzt hat, weiß niemand genau.

Er soll innerhalb der „Organisation Internationaler Revolutionäre“, einer Bande um den in Frankreich inhaftierten Terroristen Illich Ramirez Sanchez alias Carlos, zuständig für die „Planung und Durchführung von Terroranschlägen in Westeuropa“ gewesen sein. So steht es jetzt in der Anklage. Sechs Morde und Mordversuch in 153 Fällen wirft ihm der Staatsanwalt vor.

Wenn Weinrich vom Richter angesprochen wird, steht er auf. Seinen Namen gibt er an. Ob er noch verheiratet ist, will der Richter wissen. Weinrich war 1971 eine Scheinehe eingegangen. Mit einer desertierten US-Soldatin. „Ich weiß nicht, was die mir vor Jahren Angetraute mittlerweile gemacht hat“, sagt er lächelnd und schüttelt den Kopf. Einen Scherz erlaubt er sich auch bei der Frage nach seinem Beruf. „Gefangener“, sagt er mit ausgebreiteten Armen. Von nun an aber will er schweigen. Einen Satz noch: „Ich äußere mich nicht“, sagt er nach Verlesung der Anklage.

Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis hat Weinrich jahrelang gejagt – bis der 1995 im Jemen festgenommen wurde. Nun sind es zehn Seiten Text, die der Ankläger  verliest. Am 13. Januar 1975 soll Weinrich mit Komplizen versucht haben, in Paris eine Boeing 707 der israelischen Fluggesellschaft El Al mit Raketen abzuschießen. Motiv für den fehlgeschlagenen Anschlag soll Rache für den Tod eines palästinensischen Terroristen gewesen sein. In einer Pariser Einkaufsstraße ließ Weinrich laut Anklage im Auftrag eines syrischen Geheimdienstes ein Auto explodieren. Damals starb eine schwangere Passantin. Und am 31. Dezember 1983 soll er zwei weitere Attentate in Frankreich verübt haben. Bei der Explosion eines Sprengsatzes in einem Hochgeschwindigkeitszug starben drei Menschen; zwei, als auf dem Hauptbahnhof von Marseille eine Bombe hochging. Zur Last gelegt werden ihm außerdem ein Anschlag in München auf den Sender „Radio Free Europe“ im Jahr 1981 im Auftrag des rumänischen Geheimdienstes und ein Sprengstoffanschlag 1983 in Athen auf den damaligen saudi-arabischen Botschafter. Der entging der Bombe nur durch Zufall.

„Es war Terrorismus pur“, sagt der Oberstaatsanwalt in die Mikrofone der vielen Fernsehteams. Aus seiner Sicht ging es der Carlos-Bande zuletzt nur noch darum zu töten. Für Geld, Waffen oder falsche Pässe. Weinrich bezeichnete er als „Salon-Terrorist“. Einer, der im Hintergrund blieb, der ohne Carlos’ Billigung keinen Schritt gemacht hätte. Weinrichs Anwalt Rainer Elfferding sagt, Mehlis wolle mit solchen Qualifizierungen seinen Mandanten vorverurteilen. Der Ankläger wolle der Strafkammer „subversiv signalisieren“, wie man dem Angeklagten von vornherein zu begegnen habe.

Der Verteidiger hat seine Empörung schriftlich vorbereitet. Eine Stunde lang verliest er sie. Er hält einen Ersatzschöffen für befangen, weil der Mann bei der Berliner Polizei angestellt ist und aus Sicht von Weinrich zum „gegnerischen“ Apparat gehören könnte. Er beantragt, das Verfahren einzustellen, weil sich der Staatsanwalt mit der Anklageerhebung unangemessen viel Zeit gelassen habe und das aus Sicht von Weinrich gegen die Menschenrechtskonvention verstößt.

Elfferding schimpft: „Wir müssen uns mit den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts befassen. Je weiter wir von dieser Zeit entfernt sind, desto schwieriger wird es werden, sich das erforderliche Verständnis für jene Zeit noch zu erarbeiten.“ Er spricht vom Vietnam-Krieg, der die Weichen im Leben des Angeklagten gestellt habe.

Geboren wurde Weinrich 1947. Der Vater Oberstudienrat, die Mutter Hausfrau. Mit zwei Schwestern wuchs er im westfälischen Schwerte auf. Nach der behüteten Jugend geht er in die Großstadt. Er will die Welt verändern, seine Stimme erheben. In den 60er Jahren organisiert er in Frankfurt am Main Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, er bricht sein Germanistik-Studium ab und übernimmt den Verlag „Roter Stern“. Er lernt Magdalena Kopp kennen. Die beiden wollen nicht linksradikal schreiben, sie wollen Gewalt ausüben. Sie werden Mitglieder der „Revolutionären Zellen“ und treffen dort Illich Ramirez Sanchez, den einst meistgesuchten Terroristen der Welt.

Magdalena Kopp. Obwohl ihm Carlos die Freundin ausspannt und sie sogar heiratet, bleibt Weinrich ihm treu. 1982 wird die Frau in Paris festgenommen, sie hat Sprengstoff dabei. Von da ab sind vielleicht elf Menschen für sie gestorben. So viel hat die französische Polizei gezählt. Darunter die schwangere junge Frau in Paris, die zwei Menschen im Marseiller Hauptbahnhof, die drei im Hochgeschwindigkeitszug. Carlos und Weinrich wollten Kopp so freipressen. Genau diese Version der Geschichte will der Berliner Staatsanwalt widerlegen.

Die Attentate in Frankreich seien politisch motiviert gewesen, sagen die Ermittler. Sie haben Aufzeichnungen von Weinrich gefunden, in der Stasiaktenbehörde, sie haben sie gelesen und sich ihren Reim darauf gemacht. Er hat sorgfältig Buch geführt über sein Terroristenleben. Ein kleiner Stasi-Mitarbeiter, der ihn und Carlos bei ihren DDR-Aufenthalten im Auge behalten sollte, schrieb: „Psychopathen, die man unbedingt loswerden muss.“

Auch in Tschechien fand sich mittlerweile Geheimdienstmaterial. Und in der Schweiz sollen vor zwei Jahren einstige Komplizen von Weinrich und Carlos identifiziert worden sein.

Wie kam es, dass ein junger Mann aus guten Verhältnissen zum Terroristen wurde? Wie kam es, dass er wahllos Menschen tötete? Die 62-jährige Maria Pulda ist aus München angereist, um endlich Antworten zu bekommen. Sie gehört zu den 22 Hinterbliebenen und Opfern, die als Nebenkläger am Prozess teilnehmen. Ihr Gesicht wurde zerfetzt, als die Bombe vor der Münchner Radiostation hochging. Doch Weinrich schweigt. Konzentriert und ruhig sitzt er hinter Panzerglas. Am nächsten Verhandlungstag allerdings könnte es für ihn doch aufregend werden. Für den 17. März ist Magdalena Kopp als Zeugin geladen.

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