Zeitung Heute : Der Tod als Dienstvorgang

Immer mehr Menschen sterben arm und einsam – die Bestattung wird dann eine Sache der Behörden

Marc Neller

Bis vor vier Jahren erledigte sie Schreibarbeiten im Amt. Bis der Personalchef den Auftrag bekam, eine Abteilung mit zwei Mitarbeitern für „Ordnungsbehördliche Bestattungen“ einzurichten.

„Interne Dienste“, steht an Cornelia Rupps Bürotür. Gesundheitsamt Berlin- Mitte, Zimmer 408. Braunes Linoleum liegt auf dem Fußboden. Rupp schreibt Rechnungen. Bestatter: 538 Euro 91, Friedhof, Krematorium, Leichenschauhaus. Gesamt: 1255 Euro 52.

„Rupp!“ – so wie sie ihren Namen in den Telefonhörer spricht, klingt es wie eine Verteidigung. Vielleicht ist wieder einmal jemand am anderen Ende, der sie beschimpft, weil er die Beerdigung von Vater oder Mutter bezahlen soll. Cornelia Rupp kommt kaum nach mit den immer neuen Fällen. In allen Berliner Bezirken häufen sich die einsamen Tode, aber nirgendwo sind es so viele wie in Mitte. Immer öfter stirbt ein Mensch, ohne dass Angehörige es erfahren. Oft gibt es keine nahen Verwandten mehr, die sich um die Beerdigung kümmern könnten. In solchen Fällen müssen die Ämter handeln.

Bestatter organisieren, Rechnungen schreiben, Angehörige finden, die die Beerdigung bezahlen müssen. Ende des Jahres werden es rund 600 solche Fälle sein in Berlin-Mitte. Die Kollegen in München rechnen mit 500, in der ganzen Stadt.

Von allen Gründen dafür der wichtigste: Seit Anfang des Jahres zahlen die Krankenkassen kein Sterbegeld mehr. Dazu kommen die hohe Arbeitslosigkeit und das knapper werdende Geld bei den Berufstätigen. „Viele Bestattungspflichtige können sich eine Beerdigung einfach nicht leisten“, sagt Rupp. Und nicht alle, die zahlen könnten, wollen zahlen.

Kurz vor Mittag klingelt das Telefon wieder. „Rupp!“ Eine Frauenstimme meldet sich am anderen Ende. Cornelia Rupp holt eine Akte, in der steht, dass die Mutter der Stimme verbrannt werden soll. Das ist Standard, es ist billiger. Neun Tage zuvor ist die Frau gestorben, drei Tage später ging der Auftrag an den Bestatter raus.

Ihre Mutter dürfe auf keinen Fall verbrannt werden, sagt die Stimme. Sie habe deshalb einst eine Sterbeversicherung abgeschlossen. Cornelia Rupp zieht die Augenbrauen hoch. „Aha. Davon hat Ihre Schwester aber nichts erzählt. Sie hat angegeben, sie könne nicht zahlen.“ Das Schweigen am anderen Ende der Leitung lässt sie merken, dass sich für einen Augenblick ein Vorhang geöffnet hat und sie dorthin sehen konnte, wo sie nichts zu suchen hat: ins Innere einer Familie, wo die Dinge über Kreuz liegen. „Ihre Mutter ist wahrscheinlich schon im Krematorium“, sagt Rupp. „Ich muss Sie darauf hinweisen, dass wir dazu verpflichtet sind, die Kosten von Ihnen einzufordern, wenn Sie eine Erdbestattung wollen.“ Als sie der Frau eine Ratenzahlung anbietet, ist ihre Stimme weich.

Sie legt auf, greift nach der Kaffeetasse, sagt: „Es ist jedes Mal ein gutes Gefühl, wenn wir Geld kriegen.“ Sie stellt die Tasse ab, „Viel Glück“ steht darauf.

Der Pförtner reicht eine Postmappe ins Zimmer. Eine Rechtsanwältin schreibt, der Nachlass, den sie verwalte, sei überschuldet, aus ihm wird also kein Geld für das entsprechende Begräbnis kommen. Die Telekom dagegen schickt eine Mitteilung, dass sie die Bestattungskosten für eine ehemalige Mitarbeiterin übernimmt. Eine Statistik darüber, in wie vielen Fällen der Bezirk Geld zurückbekommt, gibt es nicht. In einem von zehn, sagt Rupps Chef. Die Bilanz heute: drei Fälle auf dem Tisch, zweimal Geld.

Der Bestatter ruft zurück. Die Mutter der Anruferin vorhin war tatsächlich schon im Krematorium. „Aber wir konnten das stoppen.“ Die gestoppte Beerdigung kostet so viel wie eine durchgeführte. Die Tochter muss beide bezahlen.

„Wir haben zu wenig Informationen über die Toten, um großes Mitgefühl zu empfinden“, sagt Rupp. Name, Geburtsdatum, Sterbedatum. Ein paar Fälle aber gibt es, die sperren sich gegen das Vergessen. Die Tochter aus Brandenburg etwa.

Ein Mann stirbt, keine Erben, aber eine Tochter. Die Tochter sagt, sie habe ihren Vater nie kennen gelernt. Zahlen muss sie trotzdem. Da ändert es auch nichts, dass Rupp ihr glaubt, seit sie anrief und fragte: „Haben Sie ein Foto, damit ich wenigstens weiß, wie er ausgesehen hat?“ Oder der Mann neulich. Das Schreiben, das er bekommen habe – er müsse da ein Missverständnis aufklären. Seine Mutter lebe. Kurz darauf wusste er, dass nicht die Frau seine Mutter war, die er seit 40 Jahren dafür hielt. „Da verursacht man mit einem Anruf oder Brief eine menschliche Krise“, sagt Cornelia Rupp. „Aber wir haben von der Gesetzlichkeit her keinen Ermessensspielraum.“ Sie benutzt ihr Amtsdeutsch oft, wenn sie über Erlebnisse mit Angehörigen spricht, vielleicht als Schutz.

Ob es ihr im Grunde nicht doch schwer falle, meist unbeteiligt zu bleiben? „Der Tod käme einem zu nahe, wenn man sich auf jeden Fall wirklich einließe.“ Dann sagt sie noch etwas, wie zu sich selbst. Dass sie Angst davor hat, als Dienstvorgang auf dem Schreibtisch eines Kollegen zu landen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar