Zeitung Heute : Der Toilettenwart

INA BOCKHOLT

Das Berliner Independent-Filmfestival "Circles of confusion"INA BOCKHOLTEin Mann raucht am offenen Fenster.Doch seine vertraute Aussicht auf die leere, weiße Wand hat sich bedrohlich verändert.Denn an der Mauer gegenüber krallt sich ein verzweifelter Mensch mit geschorenem Haar fest, den es hin und wieder krampfartig durchzuckt.Wie ein schrecklicher Sog zieht die Szene den Beobachter mit Zigarette an.Sein Versuch, irgendwie zu helfen, wird von der wahnsinnigen Stimmung erdrückt.Als ob ein Gas verströmte, lähmt die Atmosphäre des unbegründeten Entsetzens bald die ganze Stadt.Die Zeitlupenverzögerungen, vor allem aber eine beinahe manisch-depressive Musik steigern den italienischen Kurzfilm "Quel giorno" von Francesco Patierno zum Trauma.Wie hier das Publikum zum physischen Mitleiden provoziert wurde, so überzeugten auch andere Filme durch ihre subversive Qualität, die im "nightflight", dem radikalsten Veranstaltungsblock des Independent-Filmfestivals "circles of confusion", vorgeführt wurden. Unter den insgesamt 300, von Künstlern aus aller Welt eingesandten Kurzfilmen entschied sich eine Jury für 120 Beiträge.Die qualitativ und thematisch sehr unterschiedlichen Beiträge wurden bei dieser dritten, in Kooperation stattfindenden Veranstaltung in neuen Räumen präsentiert. Zwischen hintergründigen, trashigen und künstlerischen Beiträgen liefen die Dokumentarvideos, in denen auffallend viel gequasselt wurde, gesondert.Von ihren Erlebnissen bei der Pflege von Örtchen an öffentlichen Orten berichten drei Klofrauen in "Voll das Leben".Die Regisseurinnen Heike Bruysten und Susanne Günther haben einiges über Tierliebe, Beziehungserlebnisse und fernöstliche Urlaubsträume der "Toilettenwarte" erfahren.Weil bei aller ungewollten Komik das Lachen immer wieder im Halse steckenbleibt, ist der Film keine Verlachnummer auf die da unten.Ähnlich funktioniert auch "Keep the light on" von Ann-Kathrin Schaffner und Thierry Dubost, die einen vom Leben lädierten Taxifahrer in New York porträtierten. Unabhängig vom jeweiligen Genre waren sämtliche Veranstaltungen ausgebucht.Martin Rautenberger, der die Beiträge für den "nightflight" ausgewählt und zusammengestellt hat, bedauerte ein wenig, daß der unabhängige Film 1997 im Vergleich zu früheren Jahren weniger mit Sex experimentiere."Bei den Independent-Produktionen ist es immer dieser Bereich, der am wenigsten konform ist", sagte er. Wiederholung der Highlights beim "Open Screening", morgen um 20 Uhr im Prater, Kastanienallee 7-9.

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